Zum Hauptinhalt springen

Krisensituation wird zur Bush-Krise

Von Georg Friesenbichler

Politik

Hat die US-Regierung versagt? | Heiße Debatte um Rassismus. | Wien/New Orleans. Auch wenn die Zufluchtszentren von New Orleans, der Superdome und das Convention-Center, mittlerweile geräumt sind, reißt die Kritik am Krisenmanagement der Regierung nicht ab. Die "New York Times" sprach bereits von der größten politischen Krise in der Amtszeit von US-Präsident George W. Bush.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 18 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Die Evakuierung der von der Katastrophe heimgesuchten Menschen lief ebenso schleppend an, wie die Entsendung von Nationalgardisten, die die Bevölkerung vor Plünderungen und Gewalt-Taten schützen sollen. Mehr als vier Tage dauerte es, bis der erste Konvoi mit Hilfsgütern in New Orleans eintraf. Oft blieb den Unterversorgten daher gar nichts anderes übrig, als in den verwaisten Geschäften zu "plündern".

Solidarität oder versteckter Rassismus?

Allerdings wurden auch Fernsehgeräte und andere Unterhaltungselektronik entwendet, marodierende Banden zogen durch die Straßen. Ein indischer Seher von CNN quittierte diese Ausbrüche von Gewalt mit Verblüffung - als in seiner Heimat kürzlich Mumbai (Bombay) vom Monsun heimgesucht wurde, übten sich die Menschen in gegenseitiger Hilfe.

Diese Solidarität wurde von Außenministerin Condoleezza Rice ebenso beschworen, wie später von Bush. Gerade die dunkelhäutige Politikerin musste sich als erste gegen die immer stärker zu Tage tretenden Vorwürfe des Rassismus zu Wehr setzen. "Ich glaube, dass das Land anders reagieren würde, wenn es weiße Alte und weiße Babies wären, die in den Straßen sterben und unter Zeitungen und Decken zurückgelassen werden," hatte David Billings von der Organisation People's Institute, die seit 25 Jahren gegen Rassismus kämpft, gesagt. Und der demokratische Parlamentarier Elijah Cummings meinte: "Wir können es nicht zulassen, dass eines Tages gesagt wird: Der Unterschied zwischen jenen, die den Sturm und die Flut überlebten oder die starben, lag in nichts anderem als in der Armut, im Alter oder der Hautfarbe."

Schwarze ohne Chance auf Flucht

Schon die Appelle, die Stadt zu verlassen, seien ins Leere gegangen, erinnerte der schwarze Reverend Joseph Lowery von der "Southern Christian Leadership Conference" auf CNN - die Armen hätten entweder kein Auto oder kein Geld für Treibstoff. 67 Prozent der Bevölkerung des Großraums New Orleans sind schwarz, 30 Prozent leben unter der Armutsgrenze. In der Stadt lebte ein Großteil von ihnen ausgerechnet in dem am stärksten gefährdeten Gebiet, am Rande der später geborstenen Dämme, erläuterte Lowery.

Schwarze Bürgerrechtler wie Jesse Jackson sahen sich durch viele einschlägige Berichte bestätigt. So soll das Hyatt-Hotel in New Orleans rasch geräumt worden sein, obwohl es dort relativ sicher gewesen sei. Unterdessen starben im Superdome-Stadion, wo sich mehr als 30.000 Menschen ohne Wasser, Lebensmittel und unter katastrophalen sanitären Bedingungen zusammendrängten, Kinder und Alte.

Aber nicht nur von Bürgerorganisationen und aus Oppositionskreisen kam Kritik an Bush. "Peinlichkeiten" und "Arbeitsfehler" schlug ihm auch aus den Reihen der Republikaner entgegen. US-Kongressabgeordnete der Demokraten, die die Versäumnisse vor und nach dem Hurrikan "Katrina" in einem Untersuchungsausschuss erörtern wollen, bekamen rasch von republikanischen Kollegen Unterstützung.

Schuldzuweisung und Schadensbegrenzung

Leute, die den Präsidenten nicht direkt angreifen wollen, orten die Fehler beim Heimatschutzministerium oder der ihm unterstellten "Fema" (Federal Emergency Management Agency/Bundesagentur für Notfallmanagement). Heimatschutzminister Michael Chertoff wies die Vorwürfe zurück - in einem förderalen System läge die oberste Verantwortung bei den Gouverneuren und den einzelnen Bundesstaaten. Außerdem hätten die lokalen Behörden ungenügende Informationen geliefert. Was wiederum diese nicht auf sich sitzen lassen wollten: Die demokratische Senatorin von Louisina, Mary Landrieu, trug Chertoff eine Ohrfeige an, sollte er die Vorwürfe erneuern.

Mittlerweile hat Präsident Bush begriffen, dass die Mängel im Krisenmanagement vor allem auf seine Regierung zurückfallen. Er bemüht sich um Schadensbegrenzung. Bereits am Freitag räumte er ein, dass "nicht akzeptable Fehler" begangen worden sind. Rice fuhr am Sonntag in ihren Heimatstaat Alabama, auch Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und Chertoff bereisten die Katastrophengebiete. Und Bush selbst wollte am Montag nach New Orleans, dessen grausige Situation er bisher vor allem von Überflügen kennt.

Der Präsident des Verwaltungsbezirkes Jefferson, Aaaron Broussard, hält davon wenig: "Ich habe die Pressekonferenzen satt. Um Himmels willen, haltet den Mund und schickt uns jemanden".