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Kristallisationspunkt Hainburg

Von Georg Friesenbichler

Politik

Als ein junger Journalist am 9. Dezember 1984 in einem Szene-Beisl im sechsten Bezirk von seinen Freunden erfährt, dass sie am nächsten Tag in die Hainburger Au fahren wollen, um die Rodungen zu blockieren, ist er skeptisch. Die werden das Projekt trotzdem durchziehen, meint er. Er hat wohl - wie viele andere, auch unter den Aubesetzern - die Dynamik der Bewegung unterschätzt, die alsbald von wenigen Hundert auf viele Tausend anschwoll. Offenbar war der Kampf gegen den Kraftwerksbau Kristallisationspunkt für ein latentes Unbehagen - viele hatten genug von den von oben verordneten "Segnungen", von dem "Drüberfahren", und schließlich von einem Umgang mit Natur, der diese lediglich als auszubeutende Ressource sah. Am Anfang dieser Bewegung war auch nicht unbedingt mit Nachgiebigkeit seitens der mit der damaligen FPÖ koalierenden Sozialdemokraten zu rechnen, die wohl Verhältnisse wie in Deutschland vermeiden wollten, wo es im Kampf gegen Flughafenausbau oder Atomkraft zu permanenten gewalttätigen Auseinandersetzungen gekommen war.

Die Selbsterkenntnis der SPÖ ging allerdings nicht so weit, grundsätzliche Argumentations- und Handlungslinien zu überdenken. Hainburg galt wie schon zuvor Zwentendorf als "Ausrutscher", die damals noch in interne Auseinandersetzungen verstrickten neuen sozialen Bewegungen als "weltfremde Spinner". Zwei Jahre später saßen die Grünen im Parlament.

Seither wurde das Symbol Hainburg als Drohgebärde von Bürgerbewegungen bei jedem erdenklichen Anlass bemüht. Ihnen geht das Umdenken in Richtung ökologischer Ansätze noch immer viel zu langsam, wie manche Bilanz zum 20-Jahre-Jubiläum der Besetzung belegt: Es habe kein grundsätzliches Umdenken in Energie- und Verkehrspolitik stattgefunden, wurde etwa kritisiert. Dem würden wohl jene Planer, die sich mit dem Instrument der Umweltverträglichkeitsprüfung oder mit Bürgerinitiativen, deren Stellenwert seither bedeutend gewachsen ist, herumschlagen müssen, widersprechen.

Spätfolge von Hainburg war wohl auch - nach plakativen Bekentnissen von Politikern aller Couleurs zu ökologischen Anliegen seit Mitte der Achtziger Jahre - die Schaffung des Bundes-Umweltsenates im Jahr 2000, dessen Ablehnung des Motorsportzentrums Spielberg jüngst für Aufregung sorgte. Die Reaktionen auf die Entscheidung zeigten allerdings auch, dass das Arbeitsplatz- und Wirtschaftsstandort-Arugument heute noch leichter verfängt als vor 20 Jahren. Sogar die Grünen wollen sich dem nicht gänzlich verschließen.