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Kritiker nach Dienstschluß

Von Hermann Schlösser

Kommentare

Wenn ich ein "Linsengericht" schreiben muß, gehe ich in der Regel sorgfältig zu Werke. Ich suche mir im Programm eine möglichst anspruchsvolle Sendung aus, setze mich konzentriert und gesammelt

vor den Bildschirm und versuche dem Geschehen zu folgen. Auch mache ich mir gelegentlich Notizen und bilde mir während der Sendung schon eine Meinung.

So versuche ich, als Medienkritiker aufzutreten, der die Objekte seiner Kritik genau kennt. Aber je besser ich dieser Forderung gerecht werde, desto mehr entferne ich mich von meinem Normalverhalten

als Fernsehkonsument. Sobald ich nämlich keine Kritik schreiben muß, bin ich der anspruchsloseste Zuseher, den man sich denken kann. Wahllos zappe ich mich durch die Programme, partizipiere in einem

Kanal für eine Viertelstunde an einer politischen Gesprächsrunde, verfolge in einem anderen für eine gewisse Zeit einen Krimi, nasche in einem dritten · selbstverständlich nur für einige wenige

Minuten! · an einem Erotikfilm, und so weiter und so fort. Was die bunte Medienwelt halt so bietet.

Kritiken könnte ich allerdings keine schreiben über all die Sendungen, die ich so gedankenlos konsumiere wie Fast food. Denn sobald ich den Fernseher ausschalte, habe ich auch schon vergessen, was

ich eigentlich gesehen habe. Aber ist das nicht eigentlich das Normale?