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Kroatien: Mehr Parteien als Asylanträge

Von Siobhán Geets aus Slavonski Brod

Politik
Flüchtlinge auf dem Weg in das Lager.<!--[if gte mso 9]>Normal021falsefalsefalseDE-ATX-NONEX-NONE<![endif]--><!--[if gte mso 9]><![endif]--><!--[if gte mso 10]><![endif]-->
© Christopher Glanzl

Drei Tage vor den Wahlen hat Kroatien ein neues, wintertaugliches Transitlager eröffnet.


Slavonski Brod. "Willkommen in Kroatien", werden Flüchtlinge im neuen Transitlager in Slavonski Brod begrüßt. Die Worte stehen auf Arabisch und Farsi auf einem riesigen Bildschirm im Eingangsbereich, darunter Informationen zur Infrastruktur des Camps: Wo finde ich Essen und Kleidung, an wen wende ich mich, wenn ich meine Familie verloren habe?

Das neue Camp nahe der serbischen Grenze steht in krassem Gegensatz zum Transitlager Opatovac, in dem Chaos und Verzweiflung herrschten (Die "Wiener Zeitung" hat berichtet). Opatovac wurde Mitte der Woche abgebaut, seither kommen Flüchtlinge direkt mit dem Zug vom serbischen Sid auf das Gelände einer kroatischen Ölfirma im Industriegebiet von Slavonski Brod.

"Opatovac war schrecklich"

Zuerst müssen sie sich in einem der kleinen grünen Armeezelten registrieren lassen, danach geht es weiter in beheizte Herbergen, in denen bis zu 6000 Menschen Platz finden. Laut UNHCR wartet man hier nicht länger als ein paar Stunden, bis es mit dem Zug nach Slowenien geht. Zudem werden Männer und Frauen im neuen Transitlager bei der Registrierung nicht mehr getrennt – was in Opatovac zu Tumulten geführt hatte.

"Opatovac war schrecklich", erinnert sich ein freiwilliger Helfer aus Deutschland, "die Menschen froren und die Polizei hat uns am Ende nicht einmal mehr Tee ausschenken lassen". Flo gehört zur Zirkustruppe "Two wheels for change", die hier ein kleines Programm für Kinder und Erwachsene aufführt und dem Roten Kreuz bei der Essensausgabe hilft.

Flo und seine Truppe laden einen Kanister mit Tee auf einen Einkaufswagen und schieben ihn, vorbei an einem Zug, in den eben Flüchtlinge einsteigen, zu einem der großen beheizten Zelte. Dort angekommen ist das Gedränge groß, eine Hochschwangere fragt auf Farsi nach einer Decke, ein halbes Dutzend Kinder streiten sich um Jacken, die eine Rotkreuz-Mitarbeiterin über die Absperrung reicht.

"Die Kooperation mit der Polizei funktioniert großartig"

"Die Kooperation mit der Polizei funktioniert großartig", sagt Jan Kapic vom UNHCR Kroatien. Jeden Tag in der Früh treffen sich NGOs und Beamte und besprechen, was verbessert werden kann. Die Tatsache, dass hier Ordnung herrscht liegt vor allem daran, dass Serbien und Kroatien nun kooperieren und die Menschen mit dem Zug von einem Land ins andere gebracht werden. "Das ist im Sinne der Flüchtlinge", sagt Kapic.

Der Flüchtlingsstrom stellt Kroatien vor völlig neue Herausforderungen: In den vergangenen elf Jahren wurden lediglich 165 Flüchtlinge registriert, seit Mitte September sind 328.000 durchs Land gezogen. Auf dem Bildschirm im Eingangsbereich steht auch, dass Hilfesuchende einen Asylantrag in Kroatien stellen können – lediglich zehn haben dieses Angebot angenommen. "Kroatien war und ist noch immer ein Transitland", stellt Kapic fest.

Der kroatische Innenminister kommt, wie auch seine Stellvertreterin, häufig ins Lager. Sie ist auch heute hier, alleine und ohne Ausweis oder Namensschild. Ertappt sie einen Polizisten dabei, grob zu werden, so stellt sie ihn zur Rede, erzählt man sich im Camp. Es komme vor, dass Beamte die Politikerin anherrschen, bis sie begreifen, wer sie ist – dann andere sich rasch der Ton, so ein Helfer schmunzelnd. Rund 70 Freiwillige helfen hier pro Schicht – für das Camp sind sie unverzichtbar, schließlich müssen jeden Tag Tausende versorgt werden. "Man sieht, dass es nur politischen Willen braucht, damit alles klappt", sagt einer von ihnen.

"Das größte Problem ist die Arbeitslosigkeit"

Im Gegensatz zu Opatovac helfen im neuen Transitlager auch viele Kroaten. "Ich weiß noch nicht, wen ich am Sonntag wähle", sagt ein Rotkreuz-Helfer aus Slavonski Brod. Der arbeitslose Mittzwanziger ist einer von vielen Freiwilligen, die für ein Mittagessen und einen symbolischen Betrag im Camp aushelfen. "Das größte Problem im Land ist die Arbeitslosigkeit", sagt er. Wahrscheinlich wird er am Sonntag die Sozialdemokraten wählen.

Obwohl seit Mitte September so gut wie alle Flüchtlinge auf dem Weg nach Deutschland durch Kroatien reisen, spielte das Thema im Wahlkampf eine untergeordnete Rolle. "Es ist gut, dass sie das Thema nicht instrumentalisiert haben", sagt ein junger Angestellter, der im Zentrum der 59.000-Seelen Gemeinde mit Freunden unterwegs ist. Wem er seine Stimme geben wird möchte er nicht verraten, nur so viel: "Es wird sehr knapp werden, entscheidend ist, welche der beiden Großparteien eine der Kleinen für eine Koalition gewinnen kann." Weder die regierenden Sozialdemokraten (SDP) noch die Konservativen (HDZ) können mit einer Mehrheit rechnen – und die Zahl der Kleinparteien ist größer denn je. Der junge Angestellte glaubt, dass die Partei Most ("Die Brücke") gut abschneiden wird. Er kann sich eine Koalition zwischen ihnen und der HDZ vorstellen. Die von der oppositionellen HDZ angeführte "Patriotische Koalition" gilt als Favorit bei den Wahlen. Allerdings wird der Abstand zur regierenden Mitte-Links-Koalition immer kleiner.

Im Zentrum der Stadt, wo sich abends junge Leute in den kleinen Lokalen tummeln, bekommt man ein gutes Bild von der Enttäuschung mit politischen Entscheidungsträgern. Es ist kein gutes Zeichen für den Ruf der Europäischen Union in Kroatien, denn es ist die erste Wahl seit dem Beitritt des Landes 2013. Die Innenstadt scheint auf den ersten Blick völlig befreit von Politik, Wahlwerbung und Politikerplakate finden sich erst bei genauerem Hinsehen. Die meisten Aushänge sind in kunstvoll-reduziertem Stil gehalten, es handelt sich um einen gewissen Duro Dakovic – das Satireprojekt eines Unternehmers.

"Wir interessieren uns nicht für Politik"

Spricht man die jungen Menschen auf die Wahlen an, bekommt man immer dieselbe Antwort: "Wir interessieren uns nicht für Politik." Auf Nachfrage stellt sich jedoch heraus: Es gibt durchaus Wünsche für die kommende Legislaturperiode, allen voran der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit. Ivan, 23, will, dass Kroatien sich um Jobs jenseits des Tourismus kümmert, vor allem im von Industrie und Landwirtschaft geprägten Slavonski Brod. Er wünscht sich eine Koalition aus Most und HDZ, genau wie Jasmina. Die 24-Jährige Kindergartenpädagogin findet, die Most habe im Kleinen gezeigt, dass sie Veränderung bringen kann. "Nun soll die die Chance bekommen, das ganze Land zu verändern." Die EU hat für Jasmina recht wenig gebracht – abgesehen von der Förderung einiger Bildungsprojekte. "Das stimmt nicht", mischt sich Mario ein. Der 28-Jährige arbeitet seit zehn Jahren als Bauleiter in Bayern: "Seit wir bei der EU sind brauche ich weder Visa noch Arbeitserlaubnis." Auch er ist gegen die Sozialdemokraten, er hält sie schlicht für "Kommunisten, die dem Land großen Schaden zufügen". Ihm geht es um Jobs für junge Leute, deshalb werde er HDZ wählen, "denn sie haben das bessere Programm".

Im Wahlkampf wurde auch auf das Flüchtlingsthema gesetzt, für die Wählerinnen und Wähler spielt das Thema aber scheinbar eine untergeordnete Rolle. Spricht man die jungen Leute auf das Flüchtlingscamp an, verstehen sie erst nach näheren Erklärungen, was überhaupt gemeint ist. Vielleicht liegt das daran, dass bisher erst zehn Hilfesuchende einen Asylantrag gestellt haben. Vielleicht fällt es den kroatischen Behörden deshalb so leicht zu sagen: "Willkommen in Kroatien. Sie können Ihren Asylantrag hier stellen."