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Krypten, Klosterschänken, Türmerstuben

Von Markus Kauffmann

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Markus Kauffmann , seit 22 Jahren Wiener in Berlin, macht sich Gedanken über Deutschland.

Eine 1000 Kilometer lange Perlen-kette kann man in Sachsen-Anhalt bewundern. An der "Straße der Romanik" sind 80 Juwelen der mittelalterlichen Baukunst aufgefädelt.


Reich ist Sachsen-Anhalt nur an Landschaften und Baudenkmälern. Es hat die höchste Dichte an Unesco- Weltkulturerbestätten in Deutschland. Ansonsten zählt es unter den ehemaligen DDR-Regionen zu den ärmsten. Dabei war es im frühen Mittelalter eines der kulturellen Kernländer im deutschsprachigen Raum. So war die heutige Landeshauptstadt Magdeburg mit ihrer Kaiserpfalz schon vor mehr als einem Jahrtausend eines der politischen Zentren im römisch-deutschen Kaiserreich.

Vom vergangenen Ruhm zeugen heute Burgen, Klöster und Kirchen aus der Zeit von der Mitte des

10. bis Mitte des 13. Jahrhunderts, die seit dem Zusammenbruch der DDR Zug um Zug renoviert, revitalisiert und präsentiert werden. Man kann sie auf der seit 1993 bestehenden Ferienstraße der Romanik erfahren ("fahren" sogar im wörtlichen Sinn), die sich wie eine große Acht mit Schnittpunkt in der Landeshauptstadt von Nord nach Süd erstreckt.

Schon am Start begegnet man Glanzpunkten romanischer Architektur, wie dem Magdeburger Dom oder dem Kloster "Unsere Lieben Frauen".

Der Dom geht auf das Jahr 937 zurück, als Otto I. hier ein Benediktiner-Kloster gründete, in dem er auch seine letzte Ruhestätte fand. Ursprünglich eine kreuzförmige, dreischiffige Säulenbasilika, deren Chor-apsis von quadratischen Türmen flankiert wurde, entstand nach einem Brand der erste im Grundriss gotische Bau in Deutschland.

Die Kirche des Liebfrauenklosters zeigt die Gestalt einer klassischen, hochromanischen Basilika sächsischer Prägung. Auch im Inneren reine Romanik mit acht Arkaden und dem charakteristischen Farbwechsel von hellen und dunkelroten Sandsteinquadern.

Die "Perlenreihe" umfasst so klangvolle Namen wie Naumburg (welcher Rätselfreund kennt nicht Uta, die Stifterin!), Halberstadt oder Quedlinburg. Aber auch weniger bekannte Orte lohnen den Besuch. So kann man nahe Bernburg eine aus dem 12. Jahrhundert stammende Kirche besichtigen, die aus Feldsteinen erbaut wurde und noch alte frühromanische Holzkreuze birgt.

Beachtenswert ist auch ein Zisterzienserinnen-Kloster, dessen "Auferstehung aus Ruinen" getrost als modernes Wunder bezeichnet werden kann. Wo vor 800 Jahren die größten deutschen Mystikerinnen versammelt waren - Gertrud von Helfta, Mechthild von Hackeborn und Mechthild von Magdeburg -, verfiel die Krone der deutschen Frauenklöster, wie das Kloster Hefta genannt wurde, nach dessen Zerstörung in den Bauernkriegen und der anschließenden Säkularisierung. Unter der DDR wurden die verfallenen Mauern noch als landwirtschaftlicher Geräteschuppen zweckentfremdet. Gegen Ende der DDR sollten die letzten Reste der Klosterkirche gesprengt werden, was aber durch den beherzten Widerstand eines geschichtsbewussten Lehrers verhindert werden konnte.

Vor zehn Jahren zogen sieben Nonnen aus dem bayerischen Landshut nach Helfta, sanierten und erweiterten die Anlagen und betreiben neben einem Kindergarten und einem Tagungszentrum auch eine hervorragende Klosterschänke mit vorzüglicher Gastronomie. (Ich hab´s probiert und kann´s empfehlen.)

Wer sich am Ende der Reise einen Überblick über das Leben und die Gesellschaft in den romanischen Epochen verschaffen will, der kehre zum Ausgangspunkt nach Magdeburg zurück und besuche das "Haus der Romanik". Hier werden multimedial Geschichten erzählt, auf Bildschirmen, mit Tonkonserven, Duftdüsen und mittelalterlichen Musikinstrumenten. Und hier kann man die Zeit wieder erwecken, als Europa noch eine kulturelle Einheit bildete.