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Kühle Köpfe in heißen Debatten

Von Heiner Boberski

Wissen
Das Sonnblick-Observatorium in 3100 Meter Höhe - Aushängeschild Österreichs seit der Pionierzeit der modernen Meteorologie.
© ZAMG/Scheer

Zweiter Teil des Weltklimaberichts in Japan in Diskussion, Workshop zur Klimaforschung in Wien.


Wien. "Der Klimawandel könnte den Kampf gegen Hunger um Jahrzehnte zurückwerfen, unser globales Nahrungssystem ist beklagenswert unvorbereitet auf die Herausforderungen." Diese Aussage von Jan Kowalzig, Klimaexperte der Hilfsorganisation Oxfam, ist nur eine in einem Konzert warnender Stimmen anlässlich der gestern, Dienstag, gestarteten Konferenz von Yokohama (Japan), bei der etwa 500 Wissenschafter und Regierungsvertreter über den zweiten Teil des neuen Berichts des Weltklimarates IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) beraten.

Am nächsten Montag soll als Ergebnis der Tagung die etwa 20-seitige Kurzfassung des tausende Seiten umfassenden Berichts beschlossene Sache sein. Bis dahin wird ein heftiges Ringen um den genauen Wortlaut erwartet. Dass der Mensch Hauptursache des Klimawandels ist, hat bereits der erste der drei Teile des IPCC-Reports festgestellt. Nun geht es um konkrete Zahlen und Fakten zu den vom Klimawandel bewirkten Veränderungen sowie um die Risiken und Kosten, die er mit sich bringt. Doch selbst in den heißesten Debatten gilt es, kühlen Kopf zu bewahren. Als besonders brisant gilt die Frage, wie sehr sich die Lebensbedingungen durch den Klimawandel ändern: "In den Ozeanen schneller als während vergleichbarer Ereignisse in den zurückliegenden 65 Millionen Jahren", meint Hans Otto Pörtner vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven, einer der Leitautoren des zweiten Teils des IPCC-Berichts.

Was in solche Berichte an wissenschaftlichen Befunden einfließt, entspricht dem Mainstream der aktuellen Klimaforschung, bestätigte Michael Staudinger, Direktor der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG), am Montag bei einem Workshop zum Thema "Klimaforschung gestern - heute - morgen" im ZAMG-Gebäude in Wien.

Panikstimmung wollen die seriösen Klimaforscher auf keinen Fall auslösen. "Wir müssen uns von den Alarmisten abgrenzen", betonte der Hamburger Meteorologe Hans von Storch. In seinem Referat wies er darauf hin, dass die Debatte über einen vom Menschen gemachten Klimawandel bereits im späten 19. Jahrhundert begonnen habe. Schon 1912 wollte ein Techniker die Welt durch die Umleitung des Golfstroms verbessern. Gab es schon in den 1930er Jahren Theorien über eine Erderwärmung, so traten um 1970 Propheten einer Abkühlung, ja eines "nuklearen Winters", auf. Und heute ließen manche verlauten, die Klimakatastrophe sei nicht mehr aufzuhalten und im Jahr 2100 werde in Europa "alles Wüste" sein.

Wichtig: Homogene Daten

Nüchtern resümierte Hans von Storch: "Die Erderwärmung kann naturwissenschaftlich akzeptabel kaum anders erklärt werden als durch menschliche Einflüsse, doch andere Wettergrößen, etwa Stürme, sind davon nicht unbedingt signifikant betroffen." Für genaues Wissen seien möglichst lange homogene Zeitreihen nötig.

Wie man vorgeht, um lange in die Vergangenheit reichende Messdaten zu "homogenisieren", das heißt: vergleichbar mit heutigen zu machen, erläuterte die ZAMG-Forscherin Inge Auer. In Kremsmünster, von wo Österreichs älteste Wetterdaten stammen, kann man etwa aus dem Vergleich der wie in alten Zeiten an der nordseitigen Hausmauer gemessenen Daten mit den Daten der Wetterhütte im Garten homogenisierte Zeitreihen erstellen.

Anlass dieser ZAMG-Veranstaltung war der 175. Geburtstag des großen österreichischen Forschers Julius Hann (1839-1921), den Christa Hammerl (ZAMG) als Begründer der modernen Meteorologie und Klimatologie würdigte. Eine seiner Pionierleistungen war 1886 die Errichtung des Sonnblick-Observatoriums und damit die Erschließung des Hochgebirges für die Wetterbeobachtung. Gerade dort, so ZAMG-Experte Wolfgang Schöner, zeigen Zahlen signifikant die Klimaveränderung. So ist die mittlere Lufttemperatur in den letzten Jahrzehnten um zwei Grad gestiegen, während der feste Niederschlag (Schnee) von 95 auf 85 Prozent zurückgegangen ist.

Schwarzer Schwan von 1540

Der Begriff Schwarzer Schwan, so der Schweizer Wirtschaftshistoriker Christian Pfister, steht für ein höchst seltenes, aber sehr gefährliches Extremereignis. Er sprach über eine nicht durch Messdaten, aber durch 312 zeitgenössische Berichte belegte, elf Monate währende Dürre- und Hitzeperiode im mutmaßlich heißesten Jahr des letzten Jahrtausends. 1540 gab es ab Februar kaum Niederschläge.

Viele Menschen und Tiere starben, Flüsse trockneten aus, Brände konnten nicht gelöscht werden, die deutsche Stadt Einbeck brannte fast völlig ab. Auch heute hätte extreme Trockenheit böse Folgen: Gefahren für Leben und Gesundheit, gefährliche Brände, Probleme im Transportwesen (Schiffsverkehr) und bei der Energieversorgung (Wasserkraft, Kühlung von Kernkraftwerken). Ein neuerlicher solcher Schwarzer Schwan wäre in Pfisters Augen ein klimatischer Super-GAU.