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Kühn wäre eine massive humanitäre Mobilmachung

Von David Ignatius

Gastkommentare
Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".

Das Leid der Bevölkerung als Mittel des Kriegs: Russland ist dabei, in Syrien tiefer in einen militärischen Morast zu geraten.


"Katastrophal", so bezeichnen mehrere US-Regierungsbeamte inoffiziell die jüngste Entwicklung in Syrien. Wüstes russisches Bombardement hat Aleppo an den Rand der Kapitulation gezwungen. Aber was auch immer die Verantwortlichen in den USA über Syrien sagen, sie sollten mit dem Eingeständnis beginnen, dass wir uns abwerten, als Individuen und als Staat, wenn wir der Zerstörung einer Stadt und ihrer Einwohner untätig zusehen. Russland mag tiefer in eine militärische Patsche waten, die USA befinden sich tief in einer moralischen.

Dieser Schandfleck wird für viele Jahre auf dem nationalen Bewusstsein lasten. "Das syrische Regime und seine russischen Unterstützer verschlimmern die schreckliche humanitäre Lage in Aleppo als Mittel des Kriegs", lautet die bestürzende Einschätzung eines US-Geheimdienstmitarbeiters: "Ihr Ziel ist offensichtlich, die Lebensbedingungen in der Stadt so unerträglich zu machen, dass der Opposition nichts anderes als die Kapitulation bleibt." Trockene analytische Worte: Die Russen machen das Leid der Zivilbevölkerung zum Mittel des Kriegs. US-Analysten fürchten, dass Aleppo in ein paar Wochen fallen könnte - ein signifikanter Wendepunkt im Krieg. Aber die Stadt könnte auch noch mehrere Monate durchhalten. Ich habe diese Widerstandsfähigkeit selbst erlebt, vor genau vier Jahren, als ich kurz in Aleppo war - unter Beschuss. Ich bin nur wenige Stunden geblieben. Die Bürger der Stadt harren seit 48 Monaten aus. Wenn Aleppo fällt, was dann? Die Antwort: ein heftigerer, gefährlicherer Bürgerkrieg. "Auch wenn das Regime es schafft, einen Sieg in Aleppo herauszuschinden", erklärt der US-Geheimdienstmitarbeiter, "ist die Opposition nicht leicht zu schlagen. Sie ist einfach zu groß, um besiegt zu werden." Die oppositionellen Streitkräfte belaufen sich laut Schätzungen von Analysten auf rund 100.000 Mann, inklusive Kämpfer vom Al-Kaida-Ableger Jabhat al-Nusra.

Die Opposition zu unterstützen, erweist sich als schwierig. Ein US-Regierungsbeamter sagt, Jabhat al-Nusra ist der Hauptnutznießer des russischen Ansturms: "Wenn Moskau weiter Krankenhäuser und Helfer bombardiert, wird Nusra weiter Kapital daraus schlagen und sich als Verteidiger der syrischen Bevölkerung präsentieren. Ein Guerillakrieg steht bevor, kündigt ein Analyst an. Das kann für Russland nicht reizvoll sein. Das ist ein Grund, warum die USA die Verhandlungstür für Russland offenlassen, nicht zu bilateralen Gesprächen, aber zu einem multilateralen Forum, zu dem auch der Iran und Saudi-Arabien gehören könnten. Wenn militärisches Eingreifen in Aleppo so riskant ist, wie wäre es mit humanitärem Beistand? Eine Gelegenheit für die USA, sich kühn zu zeigen: eine massive Mobilmachung, die leidenden Zivilisten Hilfe bringt, so schnell auf die Beine gestellt, wie die Hurrikan- oder die Erdbebenhilfe. Lastwagenkolonnen mit Hilfsgütern sollten an der türkischen, der jordanischen und der libanesischen Grenze aufgereiht stehen und die Russen sollten nicht wagen, sie zu stoppen. Die Welt soll sehen, wohin Russlands brutale Politik führt. Das mag unzulänglich sein und nicht reichen, aber es ist sicher besser, als nichts zu tun.

Übersetzung: Hilde Weiss