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Kulturhauptstadt der Puppen

Von Markus Kauffmann

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Markus Kauffmann , seit 22 Jahren Wiener in Berlin, macht sich Gedanken über Deutschland.

Eine zarte, alte Frau hält mitten im Alltag einen Moment lang inne und bringt das geschäftige Treiben in der Stadt ins Stocken, hält den Fluss des Lebens für einen Augenblick auf.


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Seit ich Erwin Piplits oder das Wiener Lilarum kenne und seit ich Gilda in einer Puppenversion von "Rigoletto" sterben sah, bin ich den Zauberfiguren aus Menschenhand verfallen. Figurentheater zählt, so bin ich überzeugt, gleichberechtigt zu den höchsten Kunstformen. Der Archetypus Puppe begleitet die gesamte kulturelle Entwicklung der Menschheit.

Puppen, Figuren und Objekte spielen bei der Fidena in der Ruhrmetropole Bochum heuer die Hauptrolle. Eines der wichtigsten Festivals in Europa, das Figurentheater der Nationen, veranstaltet seit 1958 jährliche Feste für Puppen-, Figuren- und Objekttheater-Fans. Dabei stellt es die neuesten Tendenzen und internationale Entwicklungen des Genres vor.

Das 50. Festival seiner Art wird Anfang September in der Ruhrmetropole Bochum stattfinden, in einem der Zentren der Kulturhauptstadt 2010. Sein Motto ist "lets get loud", doch geht es dabei um das Gegenteil von Lärm, nämlich um Musik und Klangerlebnisse besonderer Art. Zum Beispiel um eine Automatenoper des französischen Künstlers Gilbert Peyre oder um die "kleinste Gala der Welt" von Suse Wächter. Das wohl aufwendigste Projekt ist "Leopold II. / Mobutu", eine Uraufführung, in der kongolesische, belgische und deutsche Künstler die postkoloniale Geschichte des Kongo als Revue inszenieren.

"Gute Musik ist manchmal unsere letzte Zuflucht vor dem Lärm der Welt", sagt Festivalleiterin Annette Dabs. Angesichts der Kürzung kommunaler Kulturmittel müsse man aber auch mitunter "auf die Pauke hauen".

Musik als Schwerpunkt für das Festival 2010 entspringt dem Wunsch der Theatermacher nach einer stärkeren Zusammenarbeit mit Musikern, Komponisten und Sounddesignern. In Bochum wird sich eine erlesene europäische Elite des Figurentheaters versammeln, wie: La Ou Théâtre aus Frankreich, der Spanier Alberto Garcia Sanchez, das belgische Ensemble Cie. Gare Central, Divadlo Alpha aus Tschechien sowie Gruppen aus den Niederlanden, Großbritannien, Japan und der Demokratischen Republik Kongo.

Die eingangs beschriebene Szene entstammt der Straßenperformance des französischen Trios Là Où - marionnette contemporaine mit dem Titel "Reprendre son souffle" (Man muss den Atem anhalten). Die alte Frau - zu klein, um wirklich zu sein, und doch täuschend echt - verwickelt die Passanten in irritierende, befremdliche, aber auch anmutige und berührende Begegnungen; sie regen an, nachzudenken und Atem zu holen. Die "performativen Stillleben" sind eine zärtliche Annäherung an eine andere Generation, an den nahenden Tod und an ein anderes Dasein. "Reprendre son souffle" ist Teil einer Trilogie, in der sich die Künstler mit den Generationen, insbesondere mit den Alten in unserer Gesellschaft, beschäftigen. "Radieschenfieber" zeigt den kleinsten Zirkus der Welt mit der schlauen Elefantin Esmeralda, einem Tigerpython oder Kater Carlos. Nichts ist unmöglich und alles ist Dada.

Den Reiz, der von den Figuren ausgeht, erklärt Jürgen Klünger, Direktor des Deutschen Instituts für Puppenspiel: "Dass Dinge eine Seele haben - also dieser unausrottbare, tiefe Animismus in uns -, das ist ja das Geheimnis der Puppen, der Figuren, das, was uns an ihnen reizt. Das Verwandeln von toten Dingen in Lebende ist das Spiel mit den Möglichkeiten der eigenen Freiheit, die Rückverwandlung der eigenen an unsichtbaren Fäden hängenden Existenz in ein beseeltes Ding. Die Grenzen zwischen uns und dem Unbelebten verwischen, die Welt wird wieder ganz."