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Kulturkämpfer

Von Walter Hämmerle

Leitartikel
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Es ist das Privileg der Intellektuellen und Philosophen (was keineswegs das Gleiche ist), dass sie beim laut Nachdenken in luftigeren Höhen zu schweben scheinen. Von hoch oben entwickelt man ja einen ganz eigenen Blick auf die Welt da unten. Der gedankliche Höhenflug bleibt aber stets eine Gratwanderung - mit der Gefahr des Absturzes.

Diesbezüglich gefährdet ist der italienische Philosoph Giorgio Agamben. Der 70-jährige Querdenker verpasst dem Nachdenken über die Spaltung Europas in einen armen Süden und einen reichen Norden (wobei diese simple Sicht jüngst von einer Vermögensstudie der Europäischen Zentralbank erheblich relativiert wurde) gerade einen ideengeschichtlichen Überbau, der mindestens so originell wie jenseitig ist.

Agamben träumt in einem Essay für die linksliberale französische Zeitung "Liberation" von einem neuen "Reich", zu dem sich - unter Führung Frankreichs - die lateinisch-katholisch geprägten Nationen des Kontinents, gemeint sind Spanien und Italien, zusammenschließen sollten. Dieser Union stellt Agamben den protestantischen Block Nordeuropas mit Deutschland an der Spitze gegenüber (auf welcher Seite das katholisch geprägte, aber ökonomisch weitgehende reformierte Österreich steht, bleibt offen).

In den Augen Agambens prallen in Europa hier zwei Kulturen, zwei Lebensstile aufeinander, die zusammen nicht glücklich werden können. Und weil der Norden zwar in Sachen Lebenskunst hoffnungslos unterlegen sei, ökonomisch dafür umso konkurrenzfähiger in Erscheinung trete, sei es eben, so die Kernaussage des Essays, höchst an der Zeit, das Joch der preußisch-protestantischen Vorherrschaft abzuwerfen.

Dieses Konstrukt eines "lateinischen Reichs" ist natürlich nicht aus der Luft gegriffen, sondern baut auf alten, mitunter höchst problematischen Denktraditionen auf. Dass diese jetzt, in der Krise, wieder zum Vorschein kommen, überrascht nicht. Wann, wenn nicht dann, wenn der eigene Lebensstil bedroht ist, hält man Ausschau nach Alternativen? Dass den Norden ähnliche Ängste umtreiben, zeigt die medial gehypte Gründung einer neuen Partei in Deutschland, die sich der Abschaffung des Euro verschrieben hat.

Es wird chic, Europa in Alternativen zu denken. Das muss nicht unbedingt schlecht sein, ein Griff in die Mottenkiste der Kulturkämpfe wird uns allerdings eher nicht weiterbringen.