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Kulturschock auf hoher See

Von Piotr Dobrowolski

Reflexionen

Das Kreuzfahrtschiff als Ort unzähliger Projektionen - und als ein Platz, an dem skurrile Käuze auf österreichische Kapitäne und Zerstreuung ohne Ende treffen.


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© Aida

Eine geheime Liebschaft an Bord, Melancholie im Liegestuhl, flimmerndes Licht am Horizont. Eine Sonne, die blutrot im Meer versinkt, der Steward, ganz in Weiß gekleidet. Ja, so könnte es sein. Oder aber auch so: Leonardo di Caprio als Jack Dawson an Bord der "Titanic", Oskar Werner als der herzkranke Schiffsarzt Schumann, Sacha Hehn, braungebrannt und altersgemäß gutaussehend, als der joviale Kapitän Burger. Es könnte aber auch so sein: Philippinisches Personal unter Deck gepfercht, eine Fressorgie ohne Ende an Oberdeck, und eine alles umfassende innere Leere, die selbst die ausgefallenste Karaoke-Show an Bord nicht zu mildern vermag.<p>Geht es um Kreuzfahrten und Luxusliner, herrscht an Folien, die unser Phantasievermögen befeuern, wahrlich kein Mangel. Viele davon sind längst popkulturelles Gemeingut geworden wie der Untergang der "Titanic" oder das gegen jede Form von Untergang gefeite "Traumschiff". Andere wiederum kennt man wenigstens dem Namen nach, etwa das "Narrenschiff" - jedenfalls das mit Oskar Werner, weniger die Urfassung, die ein gewisser Sebastian Brant 1494 in Basel zu Papier brachte - und das Jahrhunderte später ein Remake erlebte.

Der Vorarlberger Vincent Cofalka fährt seit rund 20 Jahren als "Fleet Captain" auf Kreuzfahrtschiffen.
© Cofalka

<p>Andere Trouvaillen aus dem nicht eben kleinen Fundus an Kreuzfahrtsfilmen und Schiffsliteratur sind nicht ganz so bekannt. Zum Beispiel Pavel Kohouts "Die lange Welle hinter dem Kiel" oder, es darf ja auch einmal lustig sein, Martin Amanshausers "Der Fisch in der Streichholzschachtel". Auch diese Texte sind geradezu perfekt dazu geeignet, dem Leser eine klare Vorstellung davon zu geben, wie es auf einer Kreuzfahrt zu sein hat, ohne dass er je eine mitmachen hätte müssen.<p>

Eigenwillige Charaktere

<p>Gibt es bei Kohout nicht diese skurrile alte Dame, die in jedem Winkel der Welt bei spiegelglatter See oder schwerstem Sturm stets den gleichen Wein zu trinken wünscht: einen Jamek aus der Wachau? Und ist die Alte nicht in manch anderer Hinsicht reichlich originell?<p>Das Narrativ ist überaus gängig: die Kreuzfahrt als eine Ansammlung von skurrilen Charakteren, die an einem von der Außenwelt abgeschotteten Ort ihre Skurrilität erst recht ausleben. Manchmal passiert dabei sogar, wie in Agatha Christies "Tod auf dem Nil", ein Mord. Und überhaupt: Schon die Passagiere von Sebastian Brants "Narrenschiff", das die Insel Narragonien ansteuert, sind als reichlich eigenwillige Charaktere gezeichnet: 112 an der Zahl und jeder von ihnen die perfekte Verkörperung eines der vielen menschlichen Laster.

Gastronomische Rundum-Versorgung an Bord ist garantiert.
© AIDA

<p>Heute geht die Zahl der Kreuzfahrt-Passagiere freilich nicht in die Hunderte, sondern in die Millionen - und Luxusschiffe machen als schwimmende Bettenburgen längst der Festland-Hotellerie Konkurrenz. Da muss man schon kräftig auf post-Freud’schen Abwegen wandeln, um, wie der Schriftsteller Frank Schulz, diese Form des All-Inklusive-Urlaubs ausgerechnet als eine Rückkehr in den Schoß der Großfamilie zu interpretieren: "Allabendlicher Genuss der Nestwärme unter den Fittichen der Zeremonienmeister. Geborgenheit. Stallgeruch." Die ebenfalls von ihm, oder genauer: von seinem Reisekompagnon getroffene Kennzeichnung der Kreuzfahrt als "eine Woche Oktoberfest" trifft es vermutlich eher.<p>Doch wer auch immer Recht hat, das Publikum mag diese Form von Zeitvertreib. Im letzten Jahr ist die Branche wieder um 3,1 Prozent gewachsen. Europaweit gehen inzwischen 6,6 Millionen Menschen auf Kreuzfahrt. Mit rund 1,8 Millionen stellen die Deutschen dabei die eindeutig meisten Kreuzfahrer, doch jedes Jahr begeben sich auch rund 130.000 Österreicher an Bord eines Luxusliners und lassen sich dieses Vergnügen im Schnitt rund 270 Euro pro Kopf und Tag kosten.<p>

Lebensform Kreuzfahrt

<p>Sogenannte Durchfahrer, die mehr oder minder das ganze Jahr an Bord sind und die Kreuzfahrt als Lebensform gewählt haben, kommen auf deutlich mehr: rund 150.000 Euro jährlich, wie das an wohlbestalltem Publikum stets interessierte Wirtschaftsmagazin "Brand eins" ausgerechnet hat.<p>Doch wie heißt es schon bei "Narrenschiff"-Urvater Sebastian Brant: "Wer hortet, was vergänglich ist, gräbt seine Seel in Dreck und Mist." Wer stattdessen sein Vermögen peu à peu in den Meeren dieser Welt versenkt, bekommt zumindest Rund-um-Versorgung vom Feinsten: Frühstücksbüfett für Frühaufsteher ab 6 Uhr, großes Frühstück im Restaurant ab 8 Uhr, 10 Uhr Rinderbouillon und Sandwiches für den Hunger zwischendurch, 12 Uhr Lunch, 14 Uhr Kaffee und Kuchen am Pool, 17 Uhr Nachmittagstee, 19 Uhr Dinner, 23 Uhr Snacks zur späten Stunde.<p>Ein ganzes Leben in den Fängen der Bordgastronomie zu verbringen, werden die wenigsten wollen. Doch für die - in der Werbung stets so titulierten - "schönsten Tage im Jahr" scheint dieses Programm perfekt zu passen. Längst können Werften nicht mehr mit dem Bau der von den Veranstaltern benötigten Luxusliner nachkommen. AIDA Cruises, der Marktführer in Deutschland, hat seit 2007 nicht weniger als acht neue Schiffe von insgesamt elf in Betrieb genommen. Drei weitere sind bereits bestellt.<p>Das erzählt Vincent Cofalka. Wäre der Mann bei der Kriegsmarine, wäre er so etwas wie ein zeitgenössischer Wilhelm von Tegetthoff, ein Admiral und Österreicher obendrein. Doch in der zivilen Schiffsfahrt heißt der Chef über eine gesamte Flotte, der zugleich auch ihr oberster Qualitätsmanager ist, auch bloß Kapitän, genaugenommen "Fleet Captain".<p>Wer sich nun aber vorstellt, der gebürtige Vorarlberger Cofalka hätte ein feines Büro in Rostock oder Hamburg, von dem aus er gemütlich die Kreuzfahrtschiffe von Aida managt, der irrt. Auch heute noch fährt Kapitän Cofalka zur See. Bloß anstatt wie früher einen Turnus von mehreren Wochen oder gar Monaten an Bord als Kapitän zu absolvieren, ist er heute als "Fleet Captain" immer nur einige Tage auf einem Schiff und wechselt dann, meist per Flugzeug, aufs nächste.<p>Sein Job dabei: sicherzustellen, dass alles so läuft, wie es laufen soll. Von der Sicherheit, über das Service bis zur Kommunikation mit dem Festland sorgt Cofalka dafür, dass die vom Unternehmen definierten Qualitätsstandards eingehalten werden. "Ich bin gewissermaßen der Botschafter zwischen der Führung an Land und der Führung der einzelnen Schiffe", sagt Cofalka.<p>

Held & Chefmanager

<p>Bis es so weit kam, bedurfte es in Cofalkas Lebenslauf allerdings einiger Zwischenstationen und Überraschungen. Die Entscheidung, zur See zu fahren, kam dabei zunächst mehr aus einer Not heraus denn aus tiefster Überzeugung. "Wie jeder Vorarlberger meiner Generation, der nicht recht weiß, was er nach der Schule tun soll, stand ich damals vor der Entscheidung, entweder nach Innsbruck zu gehen und Jus - oder nach Wien und Medizin zu studieren. Gefallen hat mir beides nicht so richtig."<p>In diesen Tagen der Unentschlossenheit läuft Cofalka ausgerechnet einem Schulkollegen über den Weg, der mit Begeisterung erzählt, dass er der Enge der heimatlichen Alpen endlich entkommen ist, und als Funker zur See fährt. Worauf Cofalka selbst ein Nautik-Studium beginnt und sich in der Folge zum Kapitän ausbilden lässt. Zu diesem Zeitpunkt weiß er nicht, dass der angeblich über die Meere der Welt fahrende Kumpel in Wirklichkeit noch nie ein Schiff von innen gesehen hat.<p>"Ohne seine erfundene Geschichte wäre ich nie auf die Idee gekommen, Kapitän zu werden. Es war aber, wie sich gezeigt hat, genau das Richtige für mich. Wenn dir dieser Beruf nicht gefällt, machst du ihn nicht lange. Ich bin jetzt immerhin schon zwanzig Jahre dabei."<p>Den immer noch mythenumrankten und bisweilen auch gehörig idealisierten Kapitänsjob sieht Cofalka als eine Mischung zwischen den beiden Extremen, die gern bemüht werden, um diesen Beruf zu beschreiben: auf der einen Seite der Held, der unerschrockenen Blickes Piraten und den Elementen trotzt, auf der anderen Seite der Chefmanager zu Wasser, der die meiste Zeit damit verbringt, Excel-Tabellen abzuarbeiten und seine Mannschaft bei Laune zu halten. "Da gibt es von beidem etwas - und beide Darstellungen sind natürlich so übertrieben, dass sie die Realität nur teilweise treffen."<p>Wobei Cofalka der Piraten-Teil durchaus auch aus eigener Anschauung bekannt ist. Da war er allerdings noch nicht Kapitän und auch noch nicht auf einem Luxuskreuzer unterwegs, sondern Kadett in Ecuador, als eine Bande sein Schiff stürmte. "Dem Gesetz nach waren es Piraten, in Wirklichkeit zum Glück eher maritime Strauchdiebe", erzählt Cofalka, der beim Überfall gerade Nachtwache schob. Das noch an Schiff befindliche ecuadorianische Sicherheitspersonal vertrieb die mit Hieb- und Stichwaffen ausgerüsteten Eindringlinge, indem es energisch mit Pistolen fuchtelte. Zum Glück stellte sich erst hinterher heraus, dass die Pistolen nicht geladen waren.<p>Auf Kreuzfahrtschiffen kommen derlei Kalamitäten für gewöhnlich nicht vor. Auch wenn der zu absurd-humoresken Effekten neigende Martin Amanshauser seinen Kreuzfahrtroman "Der Fisch in der Streichholzschachtel" (2015) rund um eine Kaperung durch eine Piratenbande aufbaut. Und damit die Handlung von Anfang an so unwahrscheinlich ist, dass erst gar niemand auf die Idee kommt, dem Autor mangelnden Realitätsbezug vorzuwerfen, kommen die Piraten geradewegs aus der Vergangenheit. Am Ende fügt sich das Ganze dennoch zu einem überaus logischen Lesevergnügen.<p>Was aber letztlich die nie nachlassende Faszination des Meeres auf den Kreuzfahrer ausmacht, kann Amanshauser, wie viele vor ihm, nicht beantworten. Und auch Vincent Cofalka vermag es nach zwanzig Jahren auf hoher See nicht zu sagen: "Das ist schwer in Worte zu fassen, aber da gibt es etwas. Wenn ich aus Santorin über die Nordwestpassage auslaufe und die Sonne geht gerade in diesem Moment unter, dann bin auch ich ergriffen, obwohl ich weiß Gott viele Sonnenuntergänge auf See erlebt habe".<p>Und weil es eine einfache Antwort nicht gibt, wird der Raum umso breiter für Mutmaßungen. Als eine Rückkehr zu den Wurzeln möchten manche den Wunsch nach der Fahrt über das Meer sehen. Weil der Mensch einst eine Amphibie war und erst später an Land kroch, um dort das zu werden, was er heute ist. Und gibt es nicht den Mythos, dass der Salzgehalt des Meeres exakt jenem der menschlichen Tränenflüssigkeit entspricht?<p>Von dieser anatomischen Koinzidenz ist es dann nicht mehr weit zu der Feststellung, dass der Mensch auch bibelgeschichtlich ein Kreuzfahrer ist, weil er der Sintflut in der Arche Noah entkam. Und natürlich war schon Odysseus ein Kreuzfahrer. Das Gilgamesch-Epos lassen wir in diesem Zusammenhang ausnahmsweise einmal aus.<p>

Kapitänsdinner

<p>Freilich: Auch abseits von solch kulturellem Plankton hat sich in den Köpfen der zur See reisenden Gemeinde so manches an unverrückbaren Vorstellungen festgesetzt. Zum Beispiel das: Eine Schiffsfahrt, die ist lustig. Und nicht weit davon entfernt: Eine Schiffsfahrt, die ist schnittig. Denn der Wirkung der Seemannsuniform können sich viele nicht entziehen. Erst einmal korrekt eingekleidet, ist fast jedes Mitglied der Crew unwiderstehlich: "Dr. Schumann überquerte mit dem disziplinierten Schritt eines alten Militärs das Deck und pflanzte sich an der Reling auf; entspannt ohne Schlaffheit, die Hände an den Seiten herabhängend, beobachtete er den unordentlichen Zug von Passagieren", heißt es über den Schiffsarzt im "Narrenschiff" von Katherine Porter, jenem Buch, aus dem später der Film wurde, und das erst unlängst vom Manesse-Verlag wiederauferlegt wurde.<p>Und dann erst das Kapitänsdinner! Den Kapitän nicht nur von der Ferne zu sehen, sondern mit ihm zusammen am gleichen Tisch zu sitzen - welch Glorie! Die Realität ist diesbezüglich allerdings ein wenig ernüchternd: Darüber, wen der Kapitän an seinem Tisch speisen lässt, entscheiden nämlich weder Schönheit noch Feinsinnigkeit, sondern im Regelfall schlicht und einfach der schnöde Mammon. Bei den meisten Anbietern ist das Kapitänsdinner ab einer bestimmten Buchungsklasse im Package inbegriffen.<p>Bei AIDA Cruises bietet man stattdessen daher die deutlich demokratischer angehauchte "nautische Stunde". An einem Seetag, wenn das Schiff keine Häfen anfährt, steht da der Kapitän den Passagieren Frage und Antwort. Und meist findet sich dabei auch ein Scherzbold, der unbedingt fragen muss, ob das Schiffspersonal wohl auch an Bord schlafe. Die Frage, ob der Kapitän Paare verheiraten und sie vielleicht sogar scheiden darf, treibt die Reisenden wiederum offenbar derart um, dass sich inzwischen sogar Wikipedia genötigt sieht, klärend einzuspringen: "Spätestens seit der Fernsehserie ,Das Traumschiff‘ muss klargestellt werden, dass eine Eheschließung als sogenannte ,Hochseetrauung‘ durch einen Kapitän, der nicht gleichzeitig die Qualifikation eines Standesbeamten vorweist, auf einem deutschen Schiff nicht zulässig und nicht gültig ist, auch wenn sich das Schiff in internationalen Gewässern befindet."<p>Die meisten Fragen, die an die Kapitäne gestellt werden, erklärt Cofalka, betreffen aber das Leben an Bord. Vor allem für Erstfahrer sei eine Kreuzfahrt ja auch eine Form von Kulturschock. An den ersten zwei Tagen, sagt der Käptn, weiß so mancher Gast vor lauter Angebot gar nicht, was er als erstes tun möchte. Normalerweise lege sich dieser Zustand aber bald.<p>

Überangebot

<p>Der Kulturschock, den eine Kreuzfahrt nach sich zieht, mag tatsächlich im Überangebot bestehen: die 362 Meter lange "Harmony of the Seas", das größte Kreuzfahrtschiff der Welt, bietet den Gästen zum Beispiel zwanzig Restaurants, bei einer durchschnittlichen Reisedauer von sieben Tagen. Dazu Wasserrutschen, die über mehrere Stockwerke gehen, Musical, Theater, Diskotheken, Fitness, Yoga - es gibt nichts, was es nicht gibt.<p>Als Gegenbild drängt sich da, zufälligerweise auch geografisch, der "Zauberberg" auf. In Thomas Manns Roman sind vor allem die Dauergäste, wie Hans Castorp feststellt, Meister darin, ihre Zeit ganz anders totzuschlagen - indem sie ihren Tätigkeitspegel auf ein absolutes Minimum senken: "Die Vielmonatigen oder gar Mehrjährigen hatten längst gelernt, auch ohne Zerstreuung und Beschäftigung des Kopfes die Zeit zu vernichten und kraft inneren Virtuosentums hinter sich zu bringen."<p>Der durchschnittliche Kreuzfahrer scheint von diesem Sinnbild nahezu zen-hafter Gleichmütigkeit weit entfernt. Der Viel- und Durchfahrer freilich nicht. Denn der gehe, so wird übereinstimmend berichtet, so gut wie nie zu Landausflügen von Bord, verirre sich niemals zu kulturellen Darbietungen am Schiff und lasse sich oft tagelang das Essen direkt in die Einsamkeit seiner Kabine servieren.

Piotr Dobrowolski, geboren 1965, war u.a. Außenpolitik-Chef bei "Format" und lebt nun als freier Journalist in Graz.