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Kulturwandel impossible?

Von Ronald Schönhuber

Wirtschaft

VW wurde jahrzehntelang durch allmächtige Manager geformt, die keinen Widerspruch duldeten. | Der neue Chef Matthias Müller will nun alles anders machen, doch er tritt ein schweres Erbe an.


Wolfsburg. Es sind Worte, die das geschundene Unternehmen nun dringend benötigt. Der neue Volkswagen-Chef Matthias Müller spricht am Donnerstagabend vor 400 Spitzenmanagern von Verantwortung und von Fehlern, aber auch von Durchhaltevermögen, Veränderung und Neubeginn. Auch das Wort Stärke kommt vor, für Müller ist es allerdings nicht die alte Stärke, zu der das größte Unternehmen Deutschlands nach dem Abgasmanipulationsskandal zurückfinden muss, sondern eine neue und andere.

Es ist nicht weniger als ein Kulturwandel, den der ehemalige Porsche-Chef beim Krisentreffen in Leipzig ausruft. Und dafür sollen selbst einige Kühe geschlachtet werden, die im Konzern jahrzehntelang als heilig erachtet wurden. Zur Disposition steht dabei auch die zentrale Führungsstruktur, an deren Spitze in der Vergangenheit zumeist allmächtige Manager gestanden sind. Diese Art der Führung habe der Abgas-Affäre mit den Weg bereitet und sei überholt, sagt Müller nun. Er will den unteren Management-Ebenen mehr Verantwortung übertragen und sich anders als sein Vorgänger Martin Winterkorn auch nicht mehr mit den kleinsten Details der Produktentwicklung beschäftigen. "Ob eine Frontscheibe ein Grad steiler steht oder nicht - damit will und werde ich mich nicht befassen", sagt der 62-Jährige.

Getragen soll der Kulturwandel auch von einem neuen Umgang miteinander werden. "Weniger Stromlinienförmigkeit und mehr Querdenkertum", fordert Müller gemeinsam mit Betriebsratschef Bernd Osterloh in einem Brief an die Belegschaft. Probleme dürften nicht versteckt werden, sondern müssten offen mit Vorgesetzten besprochen werden können. Dass man es ernst meint, soll auch ein neues Vorstandsressort für "Integrität und Recht" beweisen, das am Freitag mit der Ex-Verfassungsrichterin Christine Hohmann-Dennhardt besetzt wurde.

Es ist allerdings ein schweres Erbe, das Müller in diesem Zusammenhang antritt. Denn der vor knapp drei Wochen als VW-Chef zurückgetretene Winterkorn galt nicht nur als detailverliebter Technikfreak, sondern auch als autoritärer Konzernlenker, der auf seinem Weg zum weltgrößten Autobauer keinen Widerspruch duldete. "Jeder hatte Angst vor Winterkorn", sagt ein hochrangiger Manager eines Zulieferers hinter vorgehaltener Hand. "Überall, wo er hinging, hatte er seinen kleinen Schraubenzieher und seine Taschenlampe dabei. Wenn er sie zog, begannen die Ingenieure zu schlottern."

"Nordkorea ohne Arbeitslager"

Ein früherer Konzernmanager berichtet, dass selbst die Chefs der Konzernmarken respektlos zur Rede gestellt wurden. "Wenn etwas nicht nach Plan lief, wurden die runtergeputzt wie die Schulbuben", sagte der Manager, der mittlerweile bei einem anderen Hersteller arbeitet, der Nachrichtenagentur Reuters. "Wenn jemand schlechte Nachrichten präsentieren musste, konnte das für ihn sehr unangenehm, laut und herabsetzend werden."

Legendär ist etwa jene auch auf YouTube zu sehende Szene, die sich 2011 in Frankfurt auf der Internationalen Automobilausstellung IAA zugetragen hat. Damals taucht Winterkorn in Begleitung mehrerer schwarz gekleideter Manager auf dem Stand des südkoreanischen Konkurrenten Hyundai auf. Nach einer prüfenden Runde rund um das neue i30-Modell setzt sich Winterkorn auf den Fahrersitz, um die Innenverkleidung zu begutachten. Als er schließlich die Höhenverstellung des Lenkrads betätigt, kippt die vorher schon angespannte Spannung endgültig. "Bischoff", ruft der Mann, der intern zumeist nur Wiko genannt wurde, entnervt. Als der herangeeilte VW-Designchef sich zu ihm beugt, deutet Winterkorn auf das sich geräuschlos bewegende Lenkrad. "Da scheppert nix", knurrt der VW-Chef. "Wir können es nicht, BMW kann es nicht. Warum kann es der?"

"Kultur und Organisationsstruktur bei VW sind nicht mit BMW oder Daimler zu vergleichen", sagt auch der Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen. "Alle Leute, mit denen man spricht, erzählen von einem ganz speziellen Druck bei VW." Winterkorns Führungsstil, den das Nachrichtenmagazin "Spiegel" einmal als "Nordkorea ohne Arbeitslager" bezeichnete, ließ auch kaum einen Bereich unberührt. Selbst die Sitzordnung im Firmenjet war Personalpolitik. "Winterkorn saß immer auf dem Platz mit dem Blick nach vorn. Es gab immer ein großes Getue darum, wer ihm gegenübersaß, hinter ihm, um ihn herum. Das war eine Machtdemonstration und eine Frage, wie nah man ihm war", sagt der von Reuters zitierte Konzerninsider.

Wenn Matthias Müller sich als neuer VW-Chef nun den Kulturwandel auf die Fahnen schreibt, muss er sich aber nicht nur mit jenen stromlinienförmigen Strukturen auseinandersetzen, die seine Vorgänger aufgebaut haben. Der spezielle Druck, den Experten wie Ferdinand Dudenhöffer ansprechen, hat auch viel mit den Machtverhältnissen im Aufsichtsrat zu tun. Denn dort verfügen das Land Niedersachsen und die Arbeitnehmerseite zusammen über 12 der 20 Sitze und beide verfolgen dasselbe Ziel, nämlich möglichst viele Arbeitsplätze. Die deutschen VW-Arbeiter verdienen allerdings deutlich mehr als jene Beschäftigten, die etwa in Rumänien an den Bändern der Konkurrenz Motoren und Getriebe zusammenschrauben. Für das Management bedeutet das eine nur sehr schwer lösbar Aufgabe. Denn wenn man kostenseitig mithalten will, muss man andere Wege als die Konkurrenz einschlagen. In der Vergangenheit waren das aber nicht nur TDI und Quattro-Antrieb, sondern auch Eingriffe in die Motorsteuerungssoftware, mit denen Abgaswerte bei Prüfstandtest geschönt wurden.