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Künstlerische Hochschulbildung: Kulturprozeß und Arbeitswelt

Von Caspar Einem

Wissen

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Erlauben Sie mir, daß ich aus Anlaß dieser heutigen Eröffnung der Konferenz zum Thema Künstlerische Hochschulbildung, Kulturprozeß und Arbeitswelt ein paar Gedanken, ich möchte nicht sagen ein schlüssiges Gesamtkonzept, aber ein paar Gedanken zu diesem Thema zu Ihnen spreche.

Gedanken, die nach meiner Auffassung jedenfalls andeuten sollen, daß der Zusammenhang zwischen dieser Themenstellung nicht allzu direkt, aber doch sehr deutlich gegeben ist. Lassen Sie mich, bevor ich in die thematischen Gedanken eingehe, und ich bin mir schon bewußt, daß ich ein bißchen mehr tue als dem örtlichen Minister zusteht und insoweit auch in die Rede meines nächsten Redners eingreife, lassen Sie mich zunächst also kurz den Rahmen beschreiben. Ich denke, daß gesellschaftsbezogene Themen nur dann sinnvoll diskutiert werden können, wenn sie in einen zeitlichen Kontext gesetzt werden, in einen Kontext der konkreten historischen Entwicklung der Gesellschaft. Ich möchte auch hier nicht allzu weit ausgreifen, allerdings drei Entwicklungselemente zeigen, die, wir mir scheint, für die letzten zehn, fünfzehn Jahre prägend gewesen sind:

Erstens, wir leben - und ich meine damit nicht nur in Österreich, sondern auch in Europa - in einer Zeit tiefgreifender politischer Umbrüche. Ich denke dabei insbesondere an den Zusammenbruch des Kommunismus und all dessen, was damit zu tun hat, das heißt zum Teil das Wegfallen eines Freund-Feind-Klischees das neben Verunsicherungen doch auch eine große Zahl von Klarheiten, zumindestens scheinbaren Klarheiten, mit sich gebracht hat.

Zweitens, wir leben in einer Zeit der Öffnung und Vergrößerung der politischen Räume, in denen Gestaltung versucht wird und Gestaltung möglich ist, also etwa im Rahmen der Europäischen Union statt ausschließlich auf nationalstaatlicher Ebene.

Und drittens, wir leben in einer Zeit der Globalisierung der Wirtschaft und damit auch sehr tiefer Eingriffe, man möchte fast sagen Einschnitte in zuvor sicher gewähnte Lebens - und Sozialverhältnisse.

Dies nur als Aufriß der Rahmenfelder. Sicher erscheint mir dabei eines: soweit die hier bloß skizzierten Veränderungen erlitten werden, als auferlegt oder als passiert erlebt werden, passiv hingenommen werden oder hingenommen werden müssen, handelt es sich um Zeiten der Verunsicherung oder um Zeiten, in denen man, wie man in Österreich sagt, auf weitere Neuigkeiten nicht neugierig ist.

Das sind schlechte Zeiten für die Kunst und auch schlechte Zeiten für die Forschung.

Andererseits, soweit die Veränderungen gestaltet, aktiv herbeigeführt, politisch durchgesetzt werden, soweit die Veränderung als Befreiung erlebt wird, oder erlebt werden kann, öffnen sich zugleich Quellen der Phantasie, der Neugier, des Mutes zu Neuem.

Ohne daß ich hier als Kulturwissenschafter dilettieren möchte: es ist immerhin möglich, daß einige der Perioden großer Entdeckungen, einige Perioden großer auch künstlerischer Würfe und Entwicklungen solche Zeiten der Befreiung; Zeiten also, die als Befreiung und befreiende Veränderung erlebt worden sind, gewesen sind, und daß das durchaus einen inneren Zusammenhang hat.

Ich habe schon angedeutet, daß ich durchaus der Überzeugung bin, daß es Sinn macht, die Frage der Künste und die Frage der Forschung jenseits der Tatsache, daß wir in Österreich jetzt entschieden haben, auch die Hochschulen der Künste zu Universitäten der Künste zu machen, und sie formal, organisatorisch aber auch was die Qualität der Abschlüsse betrifft, den Universitäten gleichzustellen: Ich glaube, daß Forschung und Kunst deutlich mehr miteinander zu tun haben als auf den ersten Blick augenscheinlich ist.

Ich will auch das ein bißchen erläutern: man könnte sagen, daß die heutige Zeit, wenn ich das noch einmal in den konkreten gesellschaftlichen Kontext stellen darf, daß die heutige Zeit eine Zeit ist, in der alles einen industriell nutzbaren Zweck haben soll, rasch umsetzbaren Nutzen abwerfen soll und daß das eine Zeit ist, in der die Skepsis gegenüber dem, was man nicht kennt, was man nicht durchschaut, was einem fremd ist, geradezu militante Züge annehmen kann.

In solchen Zeiten sind Forschung und Kunst dem selben Risiko ausgesetzt. Forschung deshalb, weil sie ein Prozeß der neugiergeleiteten Durchdringung der Welt mit der Chance auf neue Erkenntnis und mit dem Risiko des Fehlschlages oder auch gefährlicher Erkenntnis ist. Und die Skepsis richtet sich eben genau gegen diese unbekannten Risken, gegen dieses Risiko des Übergangs vom Bekannte ins Fremde.

Und das Beispiel aus der Forschung, das derzeit europaweit und wohl auch über europäische Grenzen hinaus zeigt, welchen Prozessen Forschung hier ausgesetzt ist, ist die Gentechnik, ist die Mikrobiologie, die sehr deutlich all diese Ängste mobilisiert und zeigt, wie damit umgegangen werden kann.

In den Gesellschaften, in denen ein positives Verhältnis zur Veränderung besteht, gibt es eine eher aktive Akzeptanz, dort, wo Veränderung eher erlitten worden ist, gibt es eher eine sehr besorgte, skeptische Grundhaltung, bis hin zur Panik.

Der künstlerische Prozeß, dem Forschungsprozeß gegenübergestellt, der Prozeß also, der zur Kunst führen kann und hin und wieder auch zur Kunst führt, dieser Prozeß ist auch einer der Sublimierung der Welt und der Verdichtung zu einer eigenständigen Sprache der Kunst. Und genau diese Eigenständigkeit der Sprache, genau das Neue daran ist auch wieder das, was vielfach zur Sorge, zur Skepsis, vielfach zur panischen Ablehnung führt. Ich denke hier nur an gegenwärtige Beispiele in der Auseinandersetzung mit lebenden Künstlern, etwa die Auseinandersetzung um die Neugestaltung des Landhaussaales in Klagenfurt oder jetzt auch aktuell die Auseinandersetzung um die Frage des Mysterienspiels von Hermann Nitsch, das Anfang August seinen Anfang nehmen soll. In der Forschung und in der schöpferischen Kunst insbesondere geht es daher also um Fremdes, weil Neues.

Beide sind daher von einem kulturellen Umfeld einer Kultur des Zusammenlebens abhängig, in der Neues und Fremdes auf Interesse, auf anteilnehmende Neugier, auf positive Resonanz stoßen kann oder stößt.

Ich springe daher nunmehr zur Arbeitswelt. In der Arbeitswelt stellen wir derzeit zwei gegenläufige Tendenzen fest: einerseits einen breiten, die große Masse der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erfassenden Prozeß, der von ihnen vielfach so gefühlten aufgenötigten Veränderung, der Rationalisierung, der Verdichtung von Arbeit, der Auflösung gewohnter Strukturen und so weiter, also Veränderungen, die ganz überwiegend erlitten werden und die von der Mehrzahl nicht als Befreiung erlebt werden, auch wenn damit Arbeitszeitverkürzungen verbunden sein sollten. Teilweise Hand in Hand mit diesem Mainstream-Prozeß breitet sich allerdings auch einer aus, der zu einer Veränderung der bisher vor allem fremdbestimmten Arbeit hin zu höherer, um nicht zu sagen hoher individueller Autonomie und Selbstbestimmung geht.

Diese Entwicklung ist kennzeichnend für Unternehmen mit modernsten und hochwertigen Produktionen und Entwicklungen und Prozessen und für forschende Unternehmen und Einrichtungen. Hier gehen die Veränderungen in eine Richtung, die schon bisher für Forscher und für schöpferische Künstler kennzeichnend war: hohe Autonomie, hoher Einfluß auf die Zeitgestaltung und auf das Produkt der Arbeit, hohe Identifikation mit dem Ergebnis, hoher Anteil des persönlichen Engagements am Endprodukt.

Und es sind in der Regel - und auch das halte ich für nicht zufällig - die Mutigeren oder die Neugierigeren, die Angstloseren, die diese Arbeiten suchen, die sich diesen Herausforderungen stellen und aussetzen, die, die wenig oder gar kein Geländer brauchen, um sich nicht zu fürchten. Es sind die, die für die Veränderung Chance bedeutet, Offenheit für schöpferische Prozesse. Zu fragen ist daher, woher dieser Mut bzw. der Mut zur Neugier kommt und kommen kann, denn eines scheint mir gewiß: wir werden diesen Mut zur verändernden Gestaltung brauchen, um unsere Zukunft lebenswert zu gestalten.

Einige Ansatzpunkte für eine Kultur der Neugier und der Selbstgestaltung gibt es freilich auch in der Arbeitswelt heute schon.

1. Ein Ansatzpunkt, der eine Bedingung für den möglichen Mut ist, ist Informationsoffenheit, ist Transparenz hinsichtlich der verfügbaren Informationen und Prozesse.

2. Eine Bedingung geradezu ist Fairneß in den Arbeitsbeziehungen: nur dann wird sich auch die Arbeitnehmerseite voll einbringen können, mit diesem Mut zu Neuem.

Und das Dritte ist Verläßlichkeit in der Absicherung gegen bestimmte Lebensrisken oder anders gesagt das Vertrauenkönnen auf integrative Politik, die niemanden gänzlich alleine läßt.

Diese Bedingungen reichen zwar nicht aus, sie sind aber eine sehr gute Hilfsvoraussetzung für den Mut zur Veränderung oder für die Akzeptanz von Neuem als positive Herausforderung.

Ich habe versucht, zumindest zwei Ebenen der kulturellen Absicherung für die positive Wahrnehmung von Prozessen der Veränderung zu skizzieren: nämlich die für die Arbeitswelt typische bzw. nachgefragte Absicherung über ein soziales Netz, über Mindestbedingungen der Kooperation, Mindestbedingungen der Offenheit in der Information usw. Anderseits die gesellschaftliche Seite: Hier wird Neugier auf Neues vielfach auch bloß symbolisch vermittelt und die Bereitschaft zur Entdeckung quasi politisch hergestellt oder begünstigt.

Es ist das, wie ich meine, die Schnittstelle zur Politik, zu den Angeboten, die politisch gemacht werden können, um eine Kultur der Offenheit, der Entwicklung, der Begegnung zu unterstützen

Es gibt, wie ich noch andeuten werde, zwei Schnittstellen zur Welt der Arbeit, zur Welt der wirtschaftlichen Entwicklung:

Einerseits die hier angesprochene, wo es um die Grundlage der gestalteten Modernisierung und der Veränderung der Welt zum Wohle der Menschen geht und andererseits die Öffnung und Befreiung des Menschen und seiner schöpferischen Kräfte auch als Grundlage einer wirtschaftlichen Entwicklung auf hohem sozialen, wirtschaftlichen und kulturellem Niveau. Das schließt hier das Technische wie das Künstlerische in engerem Sinne ein. Und eines dieser Angebote - und damit schließt sich der Kreis hin zu den künstlerischen Hochschulen, zu den Universitäten - ist ein zeitgemäßes Angebot von Universitäten und Hochschulen, ein zeitgemäßes Angebot der Universitäten und Hochschulen, die in der Lage sind, Offenheit für Veränderung zu unterstützen. Um welche Anforderungen geht es dabei?

Es geht darum, daß wir uns bewußt sind, daß Universitäten generell und auch jene Universitäten der Künste vor allem grundlegende Fertigkeiten und Bildungselemente für den einzelnen Absolventen entwickeln helfen sollen, die ihn befähigen, sich nachher selbständig und im Kontext mit anderen, im sozialen Kontext, in der Welt zurechtzufinden, auch in der Arbeitswelt.

Es geht erstens um die Methodensicherheit im jeweiligen Fach. Es geht zweitens um die Vermittlung von Orientierungsfähigkeit, von selbständiger Orientierungsfähigkeit im Fach, aber deutlich über die fachlichen, ja gar über die universitären Grenzen hinaus. Und es geht drittens um Offenheit und Kommunikationsfähigkeit zu und mit anderen Menschen und Fächern.

Das sind die drei Kernelemente, von denen ich behaupte, daß sie die Ziele der Bildungsarbeit in den hohen Schulen sein sollen, vielfach vielleicht noch nicht sind. Aber das, was wir auf seiten der Bildungspolitik beitragen können, ist zu helfen, diese Ziele zu realisieren.

Ich denke, daß die Reformprozesse, die wir in den vergangenen Jahren in Österreich versucht haben umzusetzen - und der letzte davon war der Reformprozeß, der die künstlerischen Hochschulen betroffen hat, sowohl in Organisation als auch im Studienrecht - genau in diese Richtung gehen.

Für mich gibt es auch noch einen anderen Zusammenhang zwischen künstlerischen Hochschulen, Kulturprozeß und Arbeitswelt, und das ist der, der einem vielleicht zuerst einfallen würde:

Es gibt den Zusammenhang, den, der der ängstlichen Mehrheit entspricht, die Veränderung im Allgemeinen eher als einen Anschlag auf ihr gewohntes und bisher geschütztes Leben betrachtet. Hier geht es, was die Kunst und künstlerische Enuntiationen betrifft, eher um affirmative Kunst, teilweise durchaus auf hohem Niveau, vor allem reproduzierende und damit vom Substrat her definitionsgemäß nicht Neues, Herausforderndes, Verlangendes.

Ob es Picasso-, Monet- oder Kandinsky-Ausstellungen sind, ob es Verdi-, Bach- oder Mozart-Festspiele sind: Sie alle basieren auf einem hohen Maß an Professionalität, insoweit ist auch hier ein Mindestmaß an qualifizierendem Training und an Ausbildung zuvor notwendig, und ihr Zusammenhang mit der Arbeitswelt ist ganz offensichtlich. Hier geht es um traditionelle Industrien, im Vordergrund um Tourismus und Gastronomie, aber auch um einige andere.

Ich kann nicht umhin, gerade an diesem Ort in Salzburg und am heutigen Tag, an dem ich vor einigen Stunden eine Ausstellung über Gottfried von Einem in Salzburg eröffnet habe, darauf hinzuweisen, daß auch das Gute und Alte der laufenden Erneuerung bedarf. Wie sonst hätte Mozart vor zwei Jahrhunderten mit seinen Stücken aufgeführt werden sollen und können. Wie sonst hätte Hugo von Hofmannsthal seine Stücke zur Aufführung bringen können, wenn es in jeweiligen Zeiten nicht möglich gewesen wäre, Neues zu bringen. Der Gedanke etwa, Berthold Brecht einen Salzburger Totentanz entwickeln und als Nachfolge zu "Jedermann" in Salzburg aufführen zu lassen und anderes in diesem Zusammenhang hat vor fünfundvierzig Jahren dazu geführt, daß eben einer der Jungen, der es probiert hätte, aus den Festspielen hinausgeworfen worden ist und dazu, daß ich in Wien eingeschult worden bin. Aber das ist nicht das Thema.

Damit zurück zum Thema.

Das, wovon wir mitunter sprechen, wenn wir von Kunst und Kultur sprechen, ist vielfach bloß ein Prozeß der Ausbreitung der Kunstprodukte, ein Prozeß der geradezu industriellen Vermarktung von Kunst, es ist industrielle Kultur der Massenproduktion und der Massendistribution. Wir sollten daher bedenken, daß dieser Prozeß einerseits nach den Regeln industrieller Produktion abläuft, daß heißt, daß immer weniger Menschen benötigt werden, um eine immer größere Zahl von Produkten zu reproduzieren und andererseits, daß er gerade deshalb an Grenzen der Marktsättigung stößt - früher oder später.

Wenn ich es auf den Musiksektor beziehe, irgendwann hat jeder, der sich dafür interessiert, seine drei Ausgaben von "Don Giovanni" und von der "Messa di Requiem" von Verdi zu Hause auf CD. Irgendwann haben Sie die bekanntesten Picassos, Monets, Kandinskys alle gesehen und vielleicht auch den entsprechenden Katalog zu Hause. Dann aber stellt sich die Frage nach den Herausforderungen, die bleiben.

Die Tatsache der geradezu explosiven Entwicklung der Kulturtechniken und ihrer Verbreitung sollte uns daher nicht darüber hinwegtäuschen, daß es hier um nichts anderes geht als den Prozeß der Massenproduktion von Konsumgütern bei erweitertem Begriff von Konsumgut.

Die Basis der Entwicklung ist allerdings der schöpferische Prozeß in der Kunst und in der Arbeitswelt. Diese Einsicht gilt es zu verbreiten und zugrundezulegen. Mit dieser Einsicht ist auch die Gesellschaft, auch das Zusammenleben im Alltag, das Zusammenarbeiten zu verändern. Und das wäre eine Veränderung hin zu einer neuen kulturellen Stufe des Lebens. Damit ist, wie ich glaube, zugleich der Raum vorgezeigt, den Hochschulen der Künste zu erschließen und den auch insgesamt Universitäten zu entwickeln helfen könnten - wenn Sie so wollen, eine Vision der schöpferischen Aneignung der Welt.