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Künstliche Inseln gegen das Ghetto

Von Harald Waiglein

Wirtschaft

Keine Wohnbauförderung in den Niederlanden. | Neubauten oft nur durch Landgewinnung möglich. | Auch in Wien ein Integrationsprojekt. | Amsterdam/Wien. Sozialer Wohnbau ist in den Niederlanden kein leichter Job. Der Ausländeranteil ist oft deutlich höher als in Österreich. In der Hauptstadt Amsterdam etwa ist jeder zweite Bewohner nicht in den Niederlanden geboren; in manchen Stadtteilen - etwa Bijlmer im Südosten der Stadt - liegt der Anteil sogar bei 70 Prozent.


Bijlmer ist 1992 zu trauriger Berühmtheit gelangt. Damals stürzte ein Flugzeug der israelischen Gesellschaft El Al in einen Wohnblock des Viertels, in dem hauptsächlich Menschen aus der ehemaligen Kolonie Surinam wohnen. Schon vor der Katastrophe waren die Wohnungen desolat: "Wir hatten hier in den alten Blocks Leerstände von 40 Prozent", sagt Harm-Jan Eleveld, Leiter der Amsterdamer Abteilung für Raumordnungsangelegenheiten. "Also stand man vor der Wahl: Reißen wir die Plattenbauten gleich nieder oder versuchen wir, sie so zu sanieren, dass wieder mehr Menschen hier wohnen wollen?" Bei 7000 der insgesamt 13.000 Wohnungen hat man sich für das Abreißen entschieden.

Heute ist Bijlmer nicht wiederzuerkennen. Es gibt schmucke Einfamilien-Häuser mit Vorgärten, neue ethnische Schulen für Minderheiten und künstliche Badeseen. "Die Menschen wollen jetzt wieder hier wohnen", sagt Eleveld.

Soziale Durchmischung

Die sozialen Wohnbaugesellschaften, die in Amsterdam 55 Prozent des Wohnungsbestandes halten, versuchen bewusst, Integration zu steuern und keine Ghettos entstehen zu lassen, sagt Jeroen Van Der Veer von der Amsteram Federation of Housing Associations. So leben etwa auch viele Familien aus mittleren und hohen Einkommensschichten in Sozialwohnungen. Das hat freilich unter anderem damit zu tun, dass es auf dem freien Markt in Amsterdam kaum größere Familienwohungen gibt - und wenn, dann sind Preise von 600.000 Euro für 130 Quadratmeter keine Seltenheit. Wohlhabendere Familien in Sozialwohnungen erhalten freilich weniger bis gar keinen Mietzuschuss.

Bauland ist knapp in Amsterdam. Ein Gutteil der Fläche muss durch Landgewinnung über das Aufschütten künstlicher Inseln erst erzeugt werden. Etwa in Ijburg: Auf sieben künstlichen Inseln entsteht hier ein komplett neuer Stadtteil mit günstigen Wohnungen für 45.000 Menschen. Bei der Wohnungsvergabe wird auf soziale und ethnische Durchmischung geachtet.

Bauen auf diese Art ist nicht billig. Dennoch sind die sozialen Wohnbaugesellschaften in Amsterdam für 80 Prozent des Wohnungsneubaus verantwortlich - und das, obwohl es seit 1995 keine Wohnbauförderung mehr in den Niederlanden gibt.

"Der Staat war der Meinung, es gibt genug Sozialwohnungen", sagt Van Der Veer. "Also hat man 17 Mrd. Euro an künftigen Förderungen mit ausständigen Krediten gegenverrechnet, und innerhalb eines Jahres die gesamte Wohnbauförderung abgeschafft. Gleichzeitig hat man damals den sozialen Wohnbaugesellschaften erlaubt, auf dem Markt tätig zu sein."

Heute finanzieren sich die Gesellschaften einerseits über die Mieten, andererseits über den Verkauf von Wohnungen. Der Staat gewährt nur noch Subjektförderungen - also Mietzuschüsse für Menschen mit niedrigem Einkommen.

Nichts für Österreich

Auf Österreich, wo ähnliches von einigen Wirtschaftsforschern immer wieder gefordert wird, sei dieses Modell nicht umlegbar, meint Eva Bauer vom Verband gemeinnütziger Bauvereinigungen. "Die Wohnbaugesellschaften in den Niederlanden werden auf andere Weise gefördert - nämlich über billigen Baugrund, der ihnen von den Gemeinden zur Verfügung gestellt wird."

Einen Ausländeranteil von 50 Prozent in einem gemeinnützigen Wohnprojekt gibt es in Österreich nur in Ausnahmefällen: etwa in einem Modellversuch der Sozialbau in Wien-Liesing. "So etwas funktioniert nur mit besonderen Einrichtungen: etwa einem attraktiven, großen Waschsalon, wo Begegnung und Integration stattfinden kann", sagt Herbert Ludl, Chef der Sozialbau. Aber man kann viel für die Zukunft lernen: "Wir stehen an der Wende zur inter-ethnischen Gesellschaft", so Ludl. Mittlerweile gebe es kein Projekt mehr, bei dem der Ausländeranteil unter 30 Prozent liege.