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Kunstmafia hinter Plünderungen in irakischen Museen vermutet

Von Rainer Mayerhofer

Politik

Hinter den alliierten Siegesmeldungen ist in den letzten Tagen beinahe untergegangen, dass bei der Plünderung von bedeutenden Museen in Bagdad und Mossul archäologische Fundstücke und Kunstwerke aus sieben Jahrtausenden Menschheitsgeschichte verschwunden sind oder zerstört wurden. Nachdem erste gestohlene Kulturgüter aus dem Irak in der Zwischenzeit auch in den USA und Europa aufgetaucht sind, verstärkt nun die amerikanische Bundespolizei FBI die Suche nach den geplünderten Kulturgütern. Rund 170.000 Objekte sollen von den Plünderungen betroffen sein.


Das FBI will in Kürze ein Expertenteam in den Irak schicken, das genaue Beschreibungen der geplünderten Kunstwerke erstellen soll. Anhand dieser Listen sollen gestohlene Objekte identifiziert werden. Auch UNESCO und Interpol haben die Entsendung von Experten in den Irak angekündigt, die bei der Auffindung gestohlener Kulturgüter mithelfen sollen. Interpol plant darüber hinaus für 5. und 5. Mai eine Konferenz in Lyon, in der die internationalen Bemühungen stärker koordiniert werden sollen. Der israelische Archäologieprofessor Dan Bahat und der Direktor des New Yorker Metropolitan Museum, Philippe de Montebello, haben vorgeschlagen, für Plünderer und Diebe in Bagdad eine kurzzeitige Amnestie auszurufen, um wenigstens einen Teil der aus dem dortigen Nationalmuseum gestohlenen Gegenstände zurückzuerhalten. Bahat befürchtet, dass vor allem die aus Edelmetall bestehenden Stücke, die so bekannt sind, dass sie praktisch unverkäuflich sind, von den Dieben eingeschmolzen werden könnten und damit auf immer verloren sind.

Internationale Experten vermuten hinter den Plünderungen in den Museen organisierte Banden der internationalen Kunstmafia. Es gab Berichte, nach denen die Plünderer Schlüssel zu den wichtigen Sammlungen besaßen und gezielt wichtige Stücke weggebracht haben. Seit dem Zweiten Weltkrieg habe es keine Plünderung von diesem Ausmaß gegeben, sagte der britische Archäologe Alex Hunt. Unter anderem sind Kulturschätze von unschätzbarem Wert, wie die sumerische Vase aus Uruk und die Silberne Leier aus Ur verschwunden. Hunt warf den Amerikanern vor, zwar das Ölministerium geschützt zu haben, nicht aber das Archäologische Museum. Der irakische Archäologieprofessor Muadsched Said el Damergie sagte, die US-Panzer seien vor dem Haupteingang des Museums gestanden, als die Plünderer durch den Nebeneingang eindrangen und sie hätten nichts unternommen, um die Kulturschätze zu sichern.

Experten erwarten, dass ein Großteil der gestohlenen Objekte auf dem internationalen Kunstmarkt auftauchen wird. So sei es schon nach dem ersten Golfkrieg im Jahr 1991 gewesen, als 4.000 Gegenstände aus dem Irak auf dem europäischen und amerikanischen Kunstmarkt aufgetaucht sind. An der irakisch- jordanischen Grenze sind in der Vorwoche im Gepäck von ausreisenden Journalisten 42 Gemälde sichergestellt worden, deren genaue Herkunft noch geklärt werden muss. Auch in Europa wurden bereits irakische Kulturgüter angeboten.

Die Internationale Konföderation der Kunst- und Antiquitätenhändler hat in der Vorwoche ihre Mitglieder in 22 Ländern ersucht, der Herkunft angebotener oder ausgestellter mesopotamischer Kunstwerke besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Die Vereinigung übte auch heftige Kritik an amerikanischen und britischen Streitkräften, die zwar den Schutz wirtschaftlicher Einrichtungen wie Ölquellen sorgfältig geplant, jedweden Schutz des unersetzlichen Kulturerbes aber vernachlässigt haben.