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Kurden: Aufstand, wenn die Türkei im Irak einmarschiert

Von Rainer Mayerhofer

Politik

Ankara/Washington - Während die USA der Türkei nach der Ablehnung einer Stationierung von US-Truppen für den Irak-Krieg mit dem Entzug von Milliardenhilfen drohen und die US-Armee die bereits begonnene Modernisierung von Luftwaffenstützpunkten und Häfen in der Türkei gestoppt hat, zeichnet sich immer deutlicher eine ernste Krise zwischen der Türkei und den im Nordirak lebenden Kurden ab.


Der nordirakische Kurdenführer und Vorsitzende der demokratischen Partei Kurdistans (KDP), Massud Barzani, hat für den Fall, dass die türkische Armee in die nordirakischen Kurdengebiete einmarschiert mit einem allgemeinen Aufstand gedroht. Das gelte selbst dann, wenn die türkischen Truppen unter amerikanischem Kommando stünden - was von der Türkei bisher ohnehin strikt abgelehnt wird.

Die kurdischen Befürchtungen, im Rahmen eines Irak-Krieges unter die Räder zu geraten, hatten neuen Aufwind bekommen, nachdem der türkische Verteidigungsminister Vecdi Gönül erklärt hatte, die USA und die Türkei hätten unter anderem eine Entwaffnung der Kurdenparteien im Nordirak vereinbart. Die Türkei hatte schon bisher - nicht zuletzt aufgrund ihrer international umstrittenen Politik gegenüber den Kurden im eigenen Land - die Tatsache, dass die drei irakischen Nordprovinzen Arbil, Suleimaniya und Dohuk seit dem ersten Golfkrieg im Jahr 1991 von den miteinander rivalisierenden Kurdenparteien KDP und der Patriotischen Union Kurdistans (PUK), die unter Führung von Jalal Talibani verwaltet werden, mit Unbehagen wahrgenommen. Bei einem allfälligen US-Angriff auf den Irak hofft man in Ankara gleich auch das leidige Kurdenproblem in den Griff zu bekommen. Bisher standen die Kurden im Nordirak unter dem Schutz der amerikanischen und britischen Luftwaffe. In den letzten Tagen waren in der Stadt Arbil tausende Kurden auf die Straße gegangen und hatten türkeifeindliche Slogans skandiert.

Der Vorsitzende der regierenden islamische Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP), Recep Tayyip Erdogan, hat an die Adresse der Kurden im Nordirak eine scharfe Warnung gerichtet und von "bedauerlichen und besorgniserregenden Vorkommnissen" gesprochen. Erdogan, der sich am kommenden Wochenende bei einer Nachwahl in Südostanatolien um ein Parlamentsmandat bewirbt, das ihm nach Meinung von politischen Beobachtern so gut wie sicher scheint, hatte die Kurden vor allen Versuchen gewarnt, aus der Ablehnung der US-Truppenstationierung durch das türkische Parlament Vorteile zu ziehen. In Ankara wird darüber spekuliert, dass Erdogan nach der Wahl Regierungschef Abdullah Gül ablösen und dann versuchen wird, vom Parlament eine Zustimmung für die Stationierung der US-Soldaten zu erreichen. Für die Türkei würden neben milliardenschweren Wirtschaftshilfen, die das Land dringend benötigt, eine Mitspracherecht bei der künftigen Gestaltung des Irak abfallen.

Die Kurden, für die eine türkische Besatzung "noch widerwärtiger" als das derzeitige Bagdader Regime wäre, haben bereits ihre Reservisten einberufen. Sowohl de KDP wie auch die PUK verfügen je über rund 30.000 Mann Milizen und auch der Großteil der 3,5 Millionen umfassenden kurdischen Bevölkerung in dem Gebiet ist bewaffnet. Bei einem viertägigen Treffen der Oppositionskräfte im Nordirak in der Vorwoche, an der auch Bushs Spezialgesandter für die irakische Opposition, Zalmay Kahlilzad, teilnahm, drängten die Kurden auf trilaterale Gespräche mit den USA und der Türkei, wobei die Türkei bisher keine Bereitschaft dazu erkennen hat lassen.

"Wenn die Türken nach Bagdad marschieren wollen, ist das in Ordnung, wenn sie aber nur deshalb in den Nordirak kommen, um dort ihre eigenen Interessen zu vertreten, dann werden sie auf unseren Widerstand stoßen", drohte der KDP-Vertreter Hoshyar Zubari.