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Kurden im Irak willkommen

Von WZ-Korrespondentin Birgit Svensson

Politik
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PKK-Mitglieder sammeln Unterschriften für die Freilassung Öcalans am Fuße der Zitadelle in Erbil.
© sven

Syrien-Konflikt beflügelt Frieden zwischen Kurden und Türken.


Erbil. Najiba ist nicht ihr richtiger Name. Alle Mitglieder der PKK haben ihre zivile Existenz hinter sich gelassen, als sie sich für den Guerilla-Kampf gegen die Türkei entschieden haben. Die junge Kurdin ist geschult darin, die Organisation und ihre Anliegen nach außen zu vertreten. Sie gehöre dem Volkskongress Kurdistan an, erklärt sie auf ihre Funktion hin befragt, dem politischen Arm der PKK. Seit seiner Gründung im November 2003 wurde der Kongra-Gel immer bedeutender. Denn die Arbeiterpartei Kurdistans, wie die PKK offiziell heißt, hatte immer weniger mit Partei und Arbeit und viel mehr mit Waffengewalt und Anschlägen zu tun.

Mehr als 40.000 Menschenleben soll sie auf dem Gewissen haben. Die Türkei, die EU und die USA nennen sie eine terroristische Vereinigung. Die Kurden merkten, dass sie so nicht weiterkamen, und streben nun nach einer politischen Lösung. Der sind sie jetzt einen Schritt näher gekommen. Die Zeichen zwischen der türkischen Regierung in Ankara und der kurdischen Freiheitsbewegung stehen zurzeit auf Frieden. Die Guerillakämpfer ziehen aus der Türkei ab in den Irak.

Najiba steht am Fuße der 5000 Jahre alten Zitadelle im irakischen Erbil und sammelt Unterschriften für die Freilassung des PKK-Gründers Abdullah Öcalan aus der lebenslänglichen Haft in der Türkei. Mit ihrem hellblauen Jeanshemd und der nach hinten gedrehten Baseballmütze sieht Najiba aus wie ein normaler Twen, der sich politisch engagiert. Nur die grauen Militärhosen lassen ihre Vergangenheit erahnen. Bis vor kurzem lebte die 22-jährige Türkin in den irakischen Bergen, nahe der Grenze zu ihrem Geburtsland.

Die Kandil-Berge sind vor langer Zeit zum Unterschlupf für die Guerilla geworden. Von dort aus verübten sie Angriffe auf türkische Sicherheitskräfte, planten Anschläge in Istanbul, Ankara und auch in der türkischen Kurdenmetropole Dijabakir, die wiederum mit Luftangriffen der türkischen Armee auf Stellungen der PKK in den Bergen beantwortet wurden. Doch mit jedem Anschlag rückte das ursprüngliche Ziel der PKK, einen unabhängigen kurdischen Staat zu erhalten, weiter in die Ferne. Jetzt aber sollen die restlichen in der Türkei verbliebenen 2000 Mitglieder ebenfalls in die irakischen Berge abwandern und ihre Aktionen gegen den türkischen Staat einstellen. Die ersten Kämpfer seien schon im Lager angekommen, will Najiba von ihren Kameradinnen erfahren haben. "Der Rückzug läuft", sagt sie stolz.

Der Abzug der PKK-Kämpfer aus der Türkei ist Resultat der Friedensverhandlungen, bei denen der inhaftierte Rebellenchef Abdullah Öcalan und der türkische Geheimdienst MIT seit Dezember über Wege zur Beendigung des Kurdenkonflikts sprechen. Die türkische Regierung strebt nach dem Abzug der PKK eine Entwaffnung der Kurdenkämpfer an. Unklar ist bisher, welche politischen Zugeständnisse den Kurden im Gegenzug gemacht werden sollen. Die PKK und der Kongra-Gel fordern die Verankerung politischer und kultureller Rechte der etwa 13 Millionen türkischen Kurden in einer neuen Verfassung für das Land. Am Ende soll dann die Freilassung Öcalans aus dem Inselgefängnis vor Istanbul stehen. Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, wollen Najiba und ihre Mitstreiter eine Million Unterschriften sammeln und diese sowohl in Ankara als auch in Brüssel abgeben.

Die Verlegung der PKK-Kämpfer aus der Türkei in Lager der Rebellen im benachbarten Nordirak gilt demnach als entscheidende Wegmarke. Die türkische Regierung hatte den abziehenden Kämpfern freies Geleit zugesichert. Die PKK will den Abzug jedoch sofort stoppen, falls sie auf ihrem Rückzug angegriffen wird, denn das Misstrauen ist auf beiden Seiten noch groß. Bei einem schon einmal geplanten Rückzug 1999 griff das türkische Militär die Kämpfer an und tötete etwa 500 von ihnen. "Jetzt kommen unsere Leute zu Fuß über die Berge und gehen nur nachts", weiß Najiba, "damit keiner weiß, wo sie sind und sie verfolgen kann."

Wirtschaftlicher Aufstieg

Der Abzug kann bis zu vier Monate dauern. So wird nun der Irak zum sicheren Hafen für die türkischen Freiheitskämpfer. Besser gesagt, der kurdische Teil des Zweistromlands. Denn von allen Ländern, in denen Kurden leben, sind sie im Irak am weitesten gekommen. Ihre weitgehend unabhängige Region erfährt einen noch nie dagewesenen Boom. Irak-Kurdistan ist ein Wirtschaftszentrum mit mehr als fünf Milliarden US-Dollar ausländischer Direktinvestitionen im Jahr 2012. Die Hauptstadt Erbil ist in den letzten zehn Jahren auf das Doppelte ihrer ursprünglichen Bevölkerungszahl angewachsen und zählt jetzt knapp 1,5 Millionen Einwohner. Die Kritik der in Bagdad regierenden schiitischen Rechtsstaatskoalition von Premier Nuri al-Maliki, die Aufnahme der PKK berge ein nicht zu unterschätzendes Risiko, prallt am Präsidenten Irak-Kurdistans Masoud Barzani ab, der inzwischen zum Freund der Türkei geworden war.

Als Barzani Ende April letzten Jahres vom nordirakischen Erbil nach Ankara in die Türkei reiste, wurde er dort wie ein Staatsgast empfangen. Grund für das Umdenken ist der Bürgerkrieg in Syrien, der das geostrategische Verhältnis in der Region rasant verändert. Seitdem das Regime in Damaskus versucht, die PKK für seine Zwecke und gegen die Türkei zu nutzen und ihr fast völlig freien Operationsraum im Nordosten des Landes lässt, schrillen die Alarmglocken in Ankara.

Dankbarkeit für Saddam-Ära

Zunächst überwand die türkische Regierung die Schwierigkeiten mit den irakischen Kurden, die sie lange beschuldigte Öcalans Freiheitskämpfer zu beherbergen. Nach dem Sturz Saddam Husseins schlug die PKK einige Lager in den Kandil-Bergen auf und fand dort eine Heimstatt für etwa 5000 ihrer Kämpfer. Erdogans Forderung an Barzani, sie auszuweisen, kam der Kurde nie nach. Für den Beistand im Kampf gegen den irakischen Diktator empfinden die Kurden Iraks auch heute noch Dankbarkeit gegenüber der PKK. Auch als Ankara Luftangriffe auf Ziele in der irakischen Grenzregion gegen die Guerilla fliegen ließ und kurdische Dörfer verwüstete, lenkte Barzani nicht ein. Einen drohenden Einmarsch der türkischen Armee am Grenzort Zakho vor fünf Jahren konnten die Amerikaner als Besatzungsmacht des Irak und als Nato-Partner in letzter Minute abwenden.

Inzwischen verdingt sich die kurdische Regionalregierung in Erbil als Vermittler der syrisch-kurdischen Opposition gegen Assad. Barzani lädt nicht nur zu regelmäßigen Konsultationen ein, sondern organisiert auch den Grenzverkehr zu Syrien im Norden. In Feindschaft zu Assad in Damaskus ziehen Erdogan und Barzani jetzt an einem Strang.

Wissen: Kurden

(sven) Der Name "Kurde" findet erstmals im 7. Jahrhundert Erwähnung. Damit wurden die Angehörigen unterworfener Stämme in den Bergen des türkisch-irakisch-iranischen Grenzgebietes bezeichnet. Durch Diplomatie und militärische Gewalt gliederte das Osmanische Reich im 16. Jahrhundert die meisten kurdischen Dynastien und Clans in das Großreich ein. Nach den Balkankriegen (1910 bis 1913), dem Ersten Weltkrieg und darauf folgendem Zerfall des Osmanischen Reiches erhofften sich die Kurden mit dem Friedensschluss von Sèvres 1920 die Erfüllung ihres Traumes von einer eigenen staatlichen Institution. Doch dieser Vertrag wurde nie umgesetzt. Im Folgevertrag von Lausanne (1923) fand Kurdistan schließlich gar keine Erwähnung mehr. Mustafa Kemal "Atatürk", Gründungsvater der modernen Türkei, lehnte eine Teilautonomie oder Vollintegration strikt ab. Das ist bis heute türkische Staatspolitik.