Zum Hauptinhalt springen

Kurdisches Fernsehen am Fuße des Ararat

Von Martyna Czarnowska

Kommentare

Die Entführung der drei deutschen Bergsteiger in der Osttürkei fügt auch der Region Schaden zu.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 15 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Über den Bildschirm laufen Bilder von Kämpfern. Im Gänsemarsch schlagen sich junge Männer und Frauen in abgetragenen Uniformen und mit Gewehren über der Schulter über schmale Bergpfade. Sie werden zu romantischen Helden stilisiert, zu einer Guerilla, die sich gegen eine Übermacht für eine gerechte Sache einsetzt. Untermalt sind die Bilder von kurdischer Musik.

In dem Restaurant des Campingplatzes in der Nähe der osttürkischen Stadt Dogubayazit, am Fuße des Berges Ararat, ist - anders als an den meisten öffentlichen Orten - keine türkische Fahne, kein Foto des Republikgründers Atatürk zu finden. Stattdessen läuft Mesopotamia TV, ein in Dänemark stationierter Sender, der sich die Verbreitung von kurdischen Programmen zum Ziel gesetzt hat. Wie Roj TV sieht er sich in der Türkei dem Vorwurf ausgesetzt, Propaganda für die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) zu betreiben.

Die deutschen Studios von Roj TV hat die Regierung in Berlin vor wenigen Wochen schließen lassen. Kurze Zeit später wurden drei deutsche Bergsteiger am Ararat entführt.

Auch Azat, der auf dem Campingplatz bei Dogubayazit arbeitet, wo einst die Arche Noah gestrandet sein soll, organisierte Touren auf den biblischen Berg, wo einst die Arche Noah gestrandet sein soll. Vor der Entführung ließ der Kurde durchaus Sympathie für die PKK erkennen. "Wir haben das Recht, einen eigenen Staat zu wollen", argumentiert er.

*

Doch die meisten Kurden sind vom jahrzehntelangen Kampf der türkischen Armee mit der PKK ermüdet. Vergessen sind auch die früheren Ziele der linksextremen Organisation: die Macht der kurdischen Feudalherren im verarmten Südosten der Türkei zu brechen.

Nach der Verhaftung des PKK-Gründers Abdullah Öcalan 1999 und dem Rückzug eines Großteils seiner Truppen in den Norden des Irak schien die Gruppe geschwächt. In den vergangenen Jahren jedoch häuften sich wieder Bombenanschläge und Gefechte mit türkischen Soldaten. Von koordiniertem Vorgehen ist dabei aber nicht mehr die Rede: Zu zahlreich sind die Splittergruppen der PKK.

Das zeigte sich auch an den verschiedenen Forderungen aus unterschiedlichen PKK-Kreisen nach der Entführung der Bergsteiger: Sie reichten vom Ruf nach Einstellung der "kurden-feindlichen Politik" in Deutschland bis zum Wunsch, Berlin solle auf Ankara einwirken, die Militäroperationen im Nordirak einzustellen.

Zum Nebenschauplatz im Kurden-Konflikt ist Deutschland immer wieder geworden. Immerhin lebt dort etwa eine halbe Million Kurden, europaweit die größte Diaspora-Gruppe des vielleicht 30-Millionen-Volkes ohne eigenen Staat. Im Vorjahr hielt das Bundesamt für Verfassungsschutz fest, die PKK verfüge in Deutschland weiterhin über einen "illegalen und konspirativ handelnden Funktionärskörper". Noch immer sollen Geldeintreiber mit oft wenig zimperlichen Methoden Mittel für den "Befreiungskampf" sammeln.

*

Zwar hat die PKK mit der Entführung nun erreicht, was sie in den letzten Jahren vermisst hat: erhöhte internationale Aufmerksamkeit für ihre Anliegen. Den in der Region von Dogubayazit lebenden Menschen tat sie aber keinen Gefallen. Rund um die 60.000-Einwohner-Stadt, aus der viele Jugendliche so schnell wie möglich wegziehen, gibt es nämlich nicht viele Verdienstmöglichkeiten: kaum Industrie, ein wenig Ackerbau und Viehzucht, ein bisschen Schmuggel über die 40 Kilometer östlich gelegene Grenze zum Iran - und etwas Tourismus. Für den sind aber Entführungen von Besuchern nicht förderlich.

Der Ararat ist für Bergtouren einmal mehr gesperrt. Erst vor sechs Jahren war er wieder für Besteigungen freigegeben worden. Ein paar tausend Alpinisten kamen pro Jahr, ließen ihr Geld bei Tourveranstaltern, in den Hotels und Restaurants der Umgebung. Diese Einkommensquelle fällt nun fürs erste weg.

grenzgaenge@wienerzeitung.at