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Kurz hat’s verstanden

Von Katharina Schmidt

Politik

Heinz Fassmann hat es auf den Punkt gebracht. Normalerweise werde wissenschaftliche Politikberatung in einem Ordner abgelegt, der zwar immer dicker werde, aber gleichzeitig verstaube, sagte der Vorsitzende des Expertenrats für Integration bei der Präsentation des Integrationsberichts 2012 am Montag. Doch neuerdings werde dieses heikle Thema sachorientierter abgehandelt als viele andere Bereiche.

Dabei ist Integration ja per se ein hochemotionales Thema, das bis zu jenem denkwürdigen Tag im April 2011 immer hochemotionalisiert debattiert wurde. Auch der Auftritt von Sebastian Kurz 2011 auf der bundespolitischen Bühne ließ die Emotionen hochgehen, war der erst 24-Jährige doch ein gefundenes Fressen für die Medien: Für sein jugendliches Alter zwar mit einer erstaunlich umfassenden, aber zweifelhaften (Stichwort: "Geilomobil") politischen Erfahrung ausgestattet, umgab ihn der Nimbus eines behüteten Bürgersohns, der - so wurde allseits vermutet - noch nie einen Immigranten aus der Nähe gesehen hatte. Doch weit gefehlt: Kurz entpuppte sich als bodenständiger Meidlinger, immer freundlich, immer mit allen sofort auf Du und Du. Und er ist ein Workaholic, der sich schnell in das Thema eingelesen, die Notwendigkeit des direkten Kontakts mit der Basis - den zahlreichen Vereinen - erkannt und schließlich sogar den skeptischen Expertenrat auf seine Seite gezogen hat. Sachlich ist wirklich etwas weitergegangen, wie der Bericht zeigt. Gleichzeitig ist das Thema präsent wie noch nie - und zwar erstmals nicht negativ besetzt.

Eine Lobhudelei ist an dieser Stelle allerdings genauso wenig angebracht wie der immer skeptische Zynismus der Medien. Denn auch Kurz ist durch und durch Politiker. Er argumentiert oft mit Stehsätzen, verkauft lange bestehende Projekte als eigene Ideen - und kommt damit durch. Aber er tut eines nicht: Er spielt nicht mit den Emotionen der Menschen. Stattdessen hört er lieber auf die Experten und bringt damit mehr weiter als viele andere.

Eine merkwürdige Blüte, die diese Art der Verwissenschaftlichung treibt: Das geplante Handbuch für Neo-Österreicher, die "Rot-Weiß-Rot-Fibel", soll laut Expertenbericht "auf einer transzendentalphilosophischen Reflexion beruhend jene Werte und Tugenden zur Diskussion stellen, die dem Gelingen des ‚Projekts Österreich‘ eigentlich zu Grunde liegen sollten." Wenn alle Österreicher - autochthone wie Migranten - diesen Satz auf Anhieb verstehen, dann ist das "Projekt Österreich" wohl dort angelangt, wo es die Wissenschaft gerne hätte.