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Kurz vor der Eskalation?

Von Werner Reisinger

Politik
© Martin Juen

Türkisch-kurdische Konfrontation: Sozialarbeit und Politik sind gefragt.


Wels/Wien. Wer dieser Tage ein Boulevardblatt aufschlägt, könnte meinen, in Österreich entwickle sich ein militanter Kampf auf der Straße. "Es war wie im Krieg", zitierte die "Kronenzeitung" am Dienstag Sonja Prousek, Chefin der Konditoreikette Aida. Am Samstag waren vor der Aida-Filiale am Wiener Stephansplatz Kurden und Türken aneinandergeraten, Sessel flogen durch die Luft. Am Montag verübten zwei junge kurdischstämmige Männer einen Brandanschlag auf ein türkisches Vereinslokal in Wels - Personen kamen dabei nicht zu Schaden, der Brandsatz versagte. Bereits am Freitagabend versuchte eine kleine Gruppe Kurden, ins ORF-Zentrum am Küniglberg in Wien einzudringen. Die Gruppe wollte die Verlesung einer Erklärung im TV erzwingen. Am Vorfall soll auch einer der mutmaßlichen Brandstifter von Wels beteiligt gewesen sein.

Laut Polizei konnte von einem gewaltsamen Eindringen keine Rede sein. Das hinderte die "Krone" nicht daran, die ohnehin schon angespannte Situation noch weiter anzuheizen: "Sturm auf den Küniglberg", war auf der Internetseite des Blattes zu lesen.

"Die Kurden haben Angst"

Seit dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei vom Juli häufen sich Konfrontationen zwischen Kurden und Türken. Die Politik befürchtet einen Import des innertürkischen Konflikts nach Österreich, nach der Brandstiftung in Wels forderte Oberösterreichs Landeshauptmann Josef Pühringer (ÖVP) eine klare Distanzierung der verfeindeten Lager von Gewalt, die Polizei signalisiert Härte. Aktuell arbeiten die Wiener Beamten die Vorfälle am Stephansplatz vom Samstag auf, hinsichtlich einer für Samstag geplanten kurdischen Demonstration wolle man die Sicherheitsvorkehrungen verstärken. Stehen wir tatsächlich vor einer gewaltsamen Eskalation?

Die Frauensprecherin der Grünen, Berivan Aslan, ist selbst kurdischer Abstammung. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" berichtet sie von massiven Provokationen seitens türkischer Verbände gegenüber den Kurden. Vor allem die Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) verfolge eine Doppelstrategie, sagt Aslan: "In den sozialen Netzwerken im Internet hetzt die UETD gegen Kurden und diffamiert Personen." Öffentlich rudere man dann zurück und weise die Verantwortung von sich.

Aslan sieht die Kurden in Österreich von der Politik im Stich gelassen. "Schon vor Wochen haben sich alevitische und kurdische Verbände mit einem Hilferuf zu Wort gemeldet. Wir schaffen das einfach nicht - auf der einen Seite gibt es einen massiven Rechtsruck der heimischen Politik, auf der anderen Seite schaut man beim türkischen Nationalismus und beim politischen Islam weg. Kurden und Aleviten werden von zwei Seiten attackiert", sagt die grüne Politikerin. Die Angst in der kurdischen Community vor Übergriffen sei genau so groß wie in der Türkei selbst. In Linz sei es bereits zu einer gewaltsamen Attacke gegen eine Kurdin gekommen, die mit einem Gegenstand am Kopf verletzt wurde und genäht werden musste. Solidarität mit den Kurden gebe es kaum - "abgesehen von einigen Wortmeldungen von Verantwortungsträgern". Das Gewaltpotenzial der türkischen Rechten sei enorm. "Die Kurden haben Angst."

Emotionalisierte junge Männer

Die Bedrohungslage rechtfertige in keiner Weise Taten wie in Wels, sagt Aslan. Sie fordert, dass Gewalttäter in jedem Fall zur Verantwortung gezogen werden.

Problematisch sei jedoch, dass - zumindest im Fall Wels - die Täter nicht in den kurdischen Verbänden organisiert seien. Mit linksgerichteten türkischen Verbänden gebe es eine gute Gesprächsbasis, gemeinsam wolle man alles daransetzen, eine Eskalation zu vermeiden. Der Ball liege bei der UETD, sagt Aslan. Ihre Politik sei verantwortlich dafür, dass es für viele türkischstämmige Österreicher keine Chance gebe, sich voll in Österreich zu integrieren. Von den politischen Parteien erwartet sich Aslan, die Situation ernst zu nehmen und darauf zu verzichten, mittels der türkischen Verbände "politisches Kleingeld zu schlagen".

"Konflikte in den Herkunftsländern spiegeln sich weltweit in den Gastländern wider", relativiert der Islamexperte und Politologe Thomas Schmidinger. "Nach den Übergriffen auf Kurden in den vergangenen Wochen scheint nun vor allem bei jungen Männern der Geduldsfaden gerissen zu sein." Schmidinger rät, vor allem mittels Sozialarbeit auf radikalisierte und emotionalisierte junge Männer einzuwirken. Solange es bei Sachbeschädigungen bleibe, sei Achtung, aber keine Panik geboten. Personenschaden müsse jedoch unbedingt vermieden werden, sagt Schmidinger. "Dann droht eine Eskalationsspirale."