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Kurze Röcke und Perestroika

Von Thomas Seifert

Analysen

Wenn die Röcke kürzer werden, geht’s wirtschaftlich bergauf - diese von 1926 datierende, nicht ganz ernsthafte Erkenntnis haben wir Professor George W. Taylor von der University of Pennsylvania zu verdanken. Immer wieder hat sich dessen These bewährt: In den "goldenen 20er Jahren" zeigten Frauen Bein, auch in den "Roaring Sixties" war der Mini en vogue.

Als nun Beobachter vermeldeten, dass in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang die Rocksäume langsam in die Höhe stiegen, wurde dies von den Auguren als weiteres Zeichen einer nordkoreanischen Perestroika gedeutet. Die Nachrichten von der Entfernung des konservativen Armeechefs, General Ri Yong-ho, Auftritte von Disney-Figuren im Staatsfernsehen und das Bekanntwerden der Vermählung des jungen Machthabers Kim Jong-un mit der jungen Ri Sol-ju nährten ebenfalls Hoffnungen auf einen Wandel im Land.

Ein Sprecher des Nordkoreanischen "Komitees für eine friedliche Wiedervereinigung von Korea" hat nun aber in einem Interview mit der staatlichen nordkoreanischen Nachrichtenagentur KCNA die Reform-Hoffnungen gedämpft. Er sagte, dass Kim Jong-un die "Son’gun"-Politik ("Das Militär zuerst") weiterführen werde. "Wenn jemand glaubt, dass die neue Führung mit der Vergangenheit brechen würde", dann sei das der "Gipfel der Ignoranz". Er fügte hinzu: "Ein alberner und dummer Traum, so, als wenn man wollte, dass die Sonne im Westen aufgeht."

Wie immer sind die Signale aus Pjöngjang widersprüchlich und schwer zu deuten. Machthaber Kim Jong-un zeigt einen neuen Führungsstil und bemüht sich, der Bevölkerung weniger entrückt zu erscheinen, als das sein Vater getan hat. Das mag zwar einige alte Genossen vor den Kopf stoßen, bei den jungen Nordkoreanern bringen diese kulturellen Öffnungssignale zweifelsohne Punkte.

Von Reformen wird in Pjöngjang dennoch niemand zu sprechen wagen: Das Wort wird vermieden, es klingt für nordkoreanische Ohren zu sehr nach "Wende" oder gar "Kapitulation" vor dem Kapitalismus.

Nichts wünscht China sich aber sehnlicher als eine Perestroika in Pjöngjang. Die Volksrepublik will einen stabilen Nachbarn im äußersten Südosten des Riesenreiches. Wenn Kim Jong-un freilich den Weg von Kim Jong-il weitgergeht, dann droht eines Tages ein Kollaps des Landes. China hat gute Erfahrungen mit Deng Xiaopings Politik der "Reform und Öffnung" gemacht und legt genau dieses Rezept den Genossen in der nordkoreanischen Hauptstadt nahe. Auch in Peking dürften die Experten hoffen, bald noch mehr Bein in Pjöngjang zu sehen zu bekommen.