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Kürzer arbeiten oder übersiedeln - Wo kommen in Zukunft die Jobs her?

Von Stefan Melichar

Analysen

Die Rechnung klingt einfach: Würden alle Arbeitnehmer um ein paar Stunden kürzer im Betrieb stehen, könnte die frei werdende Arbeitszeit auf neue Jobs aufgeteilt werden. Dementsprechend glauben Sozialministerium und Arbeiterkammer seit längerem, in einer Reduktion der Überstunden den Stein der Weisen zur Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze gefunden zu haben.


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Tatsächlich scheint hier Spielraum gegeben: Österreich liegt laut Eurostat mit einer durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von 41,6 Stunden pro Person im Spitzenfeld der Europäischen Union. Der EU-Schnitt beträgt lediglich 40,4 Stunden. Im zweiten Quartal 2009 haben laut Statistik Austria 754.000 Personen in Österreich insgesamt 81 Millionen Überstunden geleistet. Pro Kopf und Woche sind das 8,2 Stunden zusätzlich. Eins zu eins umgerechnet könnten damit 180.000 bis 200.000 Vollzeit-Beschäftigungsverhältnisse geschaffen werden, rechnen Sozialministerium und Arbeiterkammer vor. Berücksichtigt man Produktionsgewinne im Rahmen eines Überstundenabbaus, würde immerhin noch ein Drittel der verringerten Arbeitszeit in neue Jobs fließen, so Sozialminister Hundstorfer vor einiger Zeit bei einer Pressekonferenz.

Arbeitsmarktexperte Ulrich Schuh vom Institut für Höhere Studien (IHS) spricht von einer "charmanten Idee", die aber in der Praxis nicht umsetzbar sei. Man könne Arbeitskräfte ausgehend von ihrer Qualifikation und ihrem Tätigkeitsprofil nicht beliebig "hin und her schichten", erklärt Schuh. Dies sei keine Lösung für die Probleme auf dem Arbeitsmarkt.

Es deutet sich aber ohnehin ein Trend in die Gegenrichtung an: Die Metallindustrie wird im kommenden Jahr mit der Gewerkschaft über die flexible Ausdehnung von Überstunden verhandeln. Wenn Hundstorfer die Industrie nun rügt, Mehrarbeit zu forcieren, anstatt Jobs zu schaffen, darf dies ruhig als Vorgeplänkel für diese heiklen Gespräche gesehen werden.

Eher als mit einer Überstundenkürzung kann sich IHS-Experte Schuh damit anfreunden, die Mobilität der Arbeitnehmer zu stärken. Vor allem bei temporären Arbeitsverhältnissen könne man "mehr einfordern", so Schuh. Derzeit wären etwa Ost-Österreicher kaum bereit, einen Saisonniers-Job in Tiroler Fremdenverkehrsbetrieben anzunehmen.

Auch AMS-Chef Johannes Kopf fordert in der Krise mehr Flexibilität ein. Bis Ende November haben lediglich 80 Personen eine sogenannte Übersiedlungsbeihilfe des AMS in Anspruch genommen. Auch für die Entfernungsbeihilfe, die längere Fahrten zum Arbeitsort abdecken soll, qualifizieren sich nur rund 2500 Job-Suchende pro Jahr. Freilich kommt es nicht nur auf finanzielle Anreize an: Gerade im Tourismus schrecken viele vor den Arbeitsbedingungen zurück.