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Kurzsichtig und verantwortungslos

Von Ernest G. Pichlbauer

Gastkommentare
Dr. Ernest G. Pichlbauer ist unabhängiger Gesundheitsökonom und Publizist.

Die Wiener Ärztekammer verlautet: "Krankenkasse agiert kurzsichtig und verantwortungslos." Ist das so? Oder ist es nicht genau umgekehrt?


Dr. J. Steinhart, Oberarzt, Geschäftsführer und ärztlicher Direktor eines Wiener Spitals, Kassen(Fach)Arzt, Vizepräsident zweier Ärztekammern und als Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte deutlich mächtiger als sein Präsident, hat eine Mission: Er will klarmachen, dass es in Wien zu wenige Kassenärzte gibt. Wartezeiten und volle Ambulanzen sind die Folge.

Und um das zu belegen, werden ein "Großstadtfaktor" und ein "deutsches Versorgungskonzept" herangezogen.

Behauptet wird, in Wien kämen auf einen Hausarzt 2170 Patienten, das deutsche Konzept sieht hingegen lediglich 1671 vor. Realiter geht es wohl um Einwohnerzahlen pro Arzt und nicht, wie behauptet, um Patienten - naja, Kleinigkeit. Aber es stimmt, die angestrebte Hausärztedichte ist in Deutschland höher - warum? Weil es dort Hausarztmodelle gibt. In solchen müssen sich Patienten bei einem Hausarzt einschreiben und verpflichten, diesen vor einem Facharztbesuch aufzusuchen. Solche "Gatekeeping"-Modelle erfordern mehr Hausärzte, werden aber seitens der Kammer kategorisch abgelehnt - denn die "freie (Fach-)Arztwahl" ist uns heilig. Weiters wird behauptet, HNO-Ärzte betreuten in Wien um 73 Prozent, Kinderärzte um 60 Prozent und Augenärzte um 40 Prozent mehr Patienten, als es laut dem deutschen Versorgungskonzept ideal ist.

Genauer wird nicht darauf eingegangen - verständlich. Denn vermutlich sind es wieder nicht Patienten, sondern Einwohner pro Arzt, um die es hier geht. Und was tunlichst verschwiegen wird ist, dass es in Deutschland so gut wie keine Spitalsambulanzen gibt. Es ist daher klar, dass es außerhalb der Spitäler mehr Fachärzte geben muss.

Und der Großstadtfaktor? Schauen wir uns an, wie viele Ärzte in Wien im Vergleich zu Österreich bereitstehen.

Zählt man alle ambulant tätigen Ärzte, also auch die in Spitalsambulanzen, kommt in Wien auf 10.000 Einwohner ein Kinderarzt, österreichweit gibt es einen auf 18.000; in der HNO ist das Verhältnis Wien 1:16.000, österreichweit 1:27.000; Augen: Wien: 1:12.000, Österreich 1:18.000. Also, der Großstadtfaktor muss gewaltig sein, wenn das nicht reicht!

An Ärzten mangelt es nicht, aber es mangelt an verbindlichen Regeln, was ein Kassenarzt arbeiten muss.

Hat ein Arzt einen Kassenvertrag, kann er anbieten, was er will. Es besteht keine Möglichkeit, verbindlich vorzuschreiben, was er zu tun hat. Die Folge ist, dass vermutlich viele einfach nur das tun, was Spaß macht und Geld bringt - und alles andere überlässt man dann gerne der Spitalsambulanz. Wenn also ein Hausarzt keine Warze entfernen will, wird er den Patienten überweisen - und so braucht man für eine Warze mindestens zwei Ärzte!

Wenn die Kurie der niedergelassenen Ärzte nicht rasch erkennt, dass sie statt mehr Stellen zu fordern, den Kassen verbindliche (und auch gut bezahlte) Versorgungskonzepte anbieten muss, dann sehe ich schwarz für Kassenfachärzte - dann werden sie ähnlich wie in Holland bald Angestellte der Spitäler sein. Und das war es dann auch mit der mächtigen Kurie.