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Kurzsichtige Drogenpolitik

Von Ronald Schönhuber

Wissen

Der internationale Suchtstoffkontrollrat (INCB) hat gestern in Wien seinen jährlichen Bericht zur weltweiten Drogensituation präsentiert. Im Mittelpunkt steht dabei die Analyse der Wechselwirkungen zwischen Angebot und Nachfrage auf dem globalen Drogenmarkt. Bei der Bekämpfung des Drogenproblems würden diese Vernetzungen von den Regierungen oft nicht hinreichend berücksichtigt werden, kritisiert der INCB. Ein weitere Schwerpunkt des Berichts liegt auf der wachsenden Bedeutung von Internet-Apotheken bei der Verbreitung von Drogen.


"Auf den ersten Blick scheint es sich beim Angebot von illegalen Drogen und der Nachfrage danach um zwei voneinander unabhängige Phänomene zu handeln. Drogen werden von einer Personengruppe erzeugt, geschmuggelt und verkauft und von einer anderen Gruppe gekauft und konsumiert", erklärt der Vorsitzende des Suchtstoffkontrollrats Hamid Ghodse. Tatächlich gehe es aber um zwei miteinander untrennbar verbunde Elemente eines einzigen Phänomens: "Die Nachfrage nach Drogen steigert das Angebot, und das Vorhandensein von Drogen führt zu einer größeren Zahl von Abhängigen und damit zu einer Erhöhung der Nachfrage", betont Ghodse. Gerade diese Wechselwirkungen würden dem diesjährigen Bericht des INCB zufolge bei der Bekämpfung des globalen Drogenproblems aber oft nicht beachtet. Die Maßnahme der Regierungen würden allzu oft nur auf das Drogenangebot abzielen. Auch wenn hier kurzfristig Erfolge erzielte würden, könne damit keine langfristig Lösung des Drogenproblems erreicht werden. Neue Quellen würden binnen kurzem den Ausfall kompensieren, urteilt der Bericht. Die Nachfrage könne daher nur durch langfristige Präventions- und Therapiemaßnahmen reduziert werden. Der Sucht-stoffkontrollrat plädiert dementsprechend für eine wesentlich stärkere Vernetzung der Maßnahmen zur Senkung von Angebot wie auch Nachfrage.

Angebotsseitig habe sich vor allem durch die immer stärker aufkommenden Internet-Apotheken ein neues Problem entwickelt, betont der INCB. Jedes Jahr würden Drogen im Wert von mehreren Milliarden Dollar auf diese Weise verkauft werden. Über das Web könnten Narkotika und psychotrope Substanzen ganz einfach - also ohne Vorlage von Rezepten - bezogen werden. "Problematisch sind dieses Internet-Apotheken auch, weil sie Grenzen aufheben. Drogen werden ganz einfach neben Mitteln wie Viagra oder Nahrungszusätzen angeboten", kritisiert Rainer Schmid vom INCB.

Der Suchtstoffkontrollrat (INCB)

Der Internationale Suchtstoffkontrollrat wurde 1968 gegründet und ist ein unabhängiges, mit gerichtsähnlichen Funktionen ausgestattete Kontrollorgan. Zu den Aufgaben des 13 Personen umfassenden Gremiums gehört vor allem die Überwachung der internationalen Drogenkontrollabkommen der UNO und die diesbezügliche technische oder finanzielle Unterstützung von Regierungen. Der INCB arbeitet dabei eng mit Behörden wie der WHO oder Interpol zusammen.