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Kurzsichtige Finanzierung?

Von Ina Weber

Politik

Ärztekammer gegen Selbstbehalte. | ÖVP und SPÖ einig: Weder neue noch Erhöhung der Selbstbehalte. | Wien. Der Wiener-Ärztekammer-Präsident Walter Dorner ist kritisch gegenüber Selbstbehalten. "Durch Selbstbehalte kommt es zu Leistungskürzungen", sagte er am Mittwoch anlässlich der Präsentation einer IHS-Studie über die "Auswirkungen von Leistungskürzungen auf die Volkswirtschaft" am Beispiel der Sehbehelfe. Diese seien nur eine "kurzfristige Geldbeschaffung".


IHS-Studienautorin Monika Riedel untersuchte die Auswirkungen der Erhöhung der Selbstbehalte bei Sehbehelfen auf das Verhalten der Versicherten bei der Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK): Seit der Erhöhung des Mindest-Selbstbehaltes Anfang 2005 von 24,20 auf 72,60 Euro (am kassenfinanzierten Anteil der Sehbehelfskosten) würden geschätzte 5800 Augenuntersuchungen pro Jahr wegfallen. Der Grund: "Die Menschen gehen nicht mehr zum Augenarzt und verzichten damit auf die erforderliche ärztliche Untersuchung.

IHS: Mehrausgaben von 1,7 Millionen Euro

Dadurch erspare sich die Sozialversicherung pro Jahr 656.000 Euro. Wegen der kürzeren Behandlungsdauer reduzieren sich die direkten Behandlungskosten für die Gruppe der zu spät erkannten Krankheiten um 823.000 Euro. Dem gegenüber würden jedoch höhere Ansprüche für Pflegegeld und Invaliditätspensionen - da Krankheiten nicht mehr rechtzeitig erkannt würden -, zu Mehrausgaben der öffentlichen Hand im Umfang von 1,7 Millionen Euro führen. Durch Krankheit käme es auch zu einem Produktivitätsverlust von zusätzlich 434.000 Euro. Insgesamt würden sich Mehrausgaben für die Volkswirtschaft von 656.000 Euro ergeben.

"Man muss schauen, welche Nebeneffekte es gibt bei der Einführung von Selbstbehalten", sagte Leo Chini von der Wirtschaftuniversität Wien. Ein Finanzierungseffekt sei vielleicht vorhanden, der Steuerungseffekt sei in diesem Fall jedoch, dass Krankheiten nicht rechtzeitig erkannt würden. Man müsse die ärztlichen Leistungen in der Vorsorge verstärken.

Augenärztin Helga Azem warnt vor allem davor, dass Krankheiten wie der Grüne Star, der "bis hin zur Erblindung führen kann", nicht rechtzeitig diagnostiziert werden können, wenn der Patient ausbleibt.

In Richtung Regierungsverhandlungen meint Dorner: "Ich erwarte mir in Zukunft ein klares Bekenntnis zur ganzheitlichen Gesundheitspolitik anstatt Einzelmaßnahmen. Wir Ärzte sind kein Kostenfaktor, im Gegenteil, durch unsere Tätigkeit in der Präventivmedizin können viele Kosten gespart werden."

ÖVP-Gesundheitssprecher Erwin Rasinger gibt Entwarnung: ÖVP und SPÖ hätten sich bereits darauf geeinigt, dass es zu keinen neuen Selbstbehalten oder Erhöhungen kommen werde. Die Studie könne er nicht ganz nachvollziehen. "Jeder kann zum Augenarzt gehen." Dieser Besuch sei für den Patienten "kostenlos". Er geht von "mündigen Bürgern" aus.

Der Hauptverband der Sozialversicherungsträger will die Studie nicht kommentieren. Manfred Brunner, Obmann der Vorarlberger Gebietskrankenkasse, meinte: "Die Kürzung der Zuschüsse bei den Sehbehelfen war eine Maßnahme der Regierung, die von der Vorarlberger Krankenkasse von Anfang an kritisch kommentiert wurde."