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Kuschelhormon hemmt Angst

Von Alexandra Grass

Wissen
Ausgiebiges Kuscheln fördert die Produktion von Oxytocin. Foto: bilderbox

Wissenschafter rücken Angst und Stress zu Leibe. | Der Botenstoff fördert das Vertrauen zueinander. | Wien. Lange Zeit galt Oxytocin als reines Mutterschaftshormon. Das Neuropeptid - auch als Bindungs- oder Kuschelhormon bezeichnet - fördert nicht nur die enge Beziehung zwischen Mutter und Kind, sondern auch zwischen Liebenden. Doch Oxytocin kann noch mehr, wie Wissenschafter des schwedischen Karolinska Instituts und des Welcome Trust Functional Imaging Laboratory in London jetzt nachgewiesen haben: Es hemmt Angstgefühle.


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Wehen einleiten und Milchfluss anregen

Oxytocin sorgt während der Geburt für das Einsetzen der Wehen und regt beim Stillen den Milchfluss der Mutter an. Schon in den 1960er Jahren fand das Hormon daher den Weg auf den Arzneimittelmarkt. Es kann im Rahmen der klinischen Geburtshilfe als Medikament in Tablettenform, als Nasenspray oder intravenös eingesetzt werden.

Aber auch enger Körperkontakt und ausgiebiges Kuscheln zwischen Liebenden fördert die Ausschüttung des Neuropeptids im Gehirn, das in der Hirnanhangdrüse gebildet wird. Hier wirkt es direkt auf die Amygdala, den Mandelkern - eine Gehirnregion, die für soziale Interaktionen, darunter eben auch das Gefühl der emotionalen Bindung, wichtig ist.

Auf Rekordwerte schnellt das die Konzentration des Botenstoffes beim Orgasmus. "Oxytocin ist an allen Prozessen beteiligt, die im weitesten Sinne der Fortpflanzung und dem Arterhalt dienen", erklärt der Psychologe Markus Heinrichs in der "Süddeutschen Zeitung".

Im Rahmen einer Studie versuchte er, der sozialen Phobie - einer extrem ausgeprägten Schüchternheit - zu Leibe zu rücken. Im Lauf von zehn mehrstündigen Gruppensitzungen sollten die Probanden durch Rollenspiele oder Vorträge ihre Scheu vor anderen Menschen abbauen. Für diese Aufgabe saßen sich sechs Männer am Psychologischen Institut der Universität Zürich gegenüber. Eine knappe Stunde vor der Sitzung erhielt jeder Teilnehmer Oxytocin in die Nase gesprüht.

Neuropeptid verringert Angst und Stress

Der Botenstoff soll den Patienten die Angst voreinander nehmen und das Vertrauen zueinander fördern. "Oxytocin heilt nicht, aber es verringert in sozialen Situationen Angst und Stress", erklärt Heinrichs.

Auch am Karolinska Institut waren Forscher am Werk. Sie zeigten ihren Probanden jeweils vier unterschiedliche Gesichter. Bei zweien erhielten die Probanden einen harmlosen, aber unangenehmen elektrischen Schock. Diese beiden Gesichter wurden als bedrohlicher wahrgenommen. Unter dem Einfluss von Oxytocin jedoch wandelte sich das Bild. Bei gleicher Vorgehensweise empfanden die Probanden die Gesichter - im Vergleich zur Placebo-Gruppe - plötzlich nicht mehr als unangenehm.

"Das deutet darauf hin, dass Oxytocin Angst reduzieren kann und auch die Chancen auf sozialen Kontakt für Menschen mit bestimmten psychiatrischen Störungen", erklärt der Neurologe Predrag Petrovic vom Karolinska Institut.

Therapeutischer Einsatz wird weltweit ausgelotet

Weltweit wird in Studien das therapeutische Potenzial des Stoffes ausgelotet. Dabei richten die Forscher ihr Augenmerk vor allem auf die Behandlung sozialer Phobie, des Borderline-Syndroms und von Autismus.

Gerade weil autistischen Menschen der Kontakt zu anderen Personen schwer fällt, erhoffen sich Mediziner dadurch Hilfe. Pilotstudien an der Mount Sinai School of Medicine in New York zeigten, dass Autis- muspatienten unter Oxytocin weniger als unter Placebo zu Wiederholungsverhalten neigten. Vor allem verbesserte das Hormon die soziale Wahrnehmung. Von einem klinischen Einsatz des Mittels sei man allerdings noch weit entfernt, erklärte zuletzt die Psychologin Jennifer Bartz von der Mount Sinai School of Medicine.