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Kynge: China - Der Aufstieg einer hungrigen Nation

Von Christian Ortner

Politik

Was im Boomland China wirklich los ist. | Unglaublich tiefe Löhne und modernste Produktionsmethoden. | Ein neues Buch mit dem reichlich bieder geratenen Titel "China - Der Aufstieg einer hungrigen Nation" auf den Schreibtisch zu bekommen, ist für den auch nur leidlich auf der Höhe seiner Zeit lesenden Rezensenten ungefähr so aufregend wie der Anblick eines knapp geschnittenen Bikinis für einen Badewärter Ende September: Davon haben sie wirklich genug gesehen. Die Anzahl der lieferbaren China-Titel steigt derzeit ungefähr so rapide wie das chinesische Bruttosozialprodukt.


Wer sich freilich davon nicht abschrecken lässt und in dem mit rund 250 Seiten überschaubar voluminös geratenen Buch zu lesen beginnt, wird sehr bald feststellen: Dies ist nicht irgendein Buch über China - dies ist das wahrscheinlich beste, intelligenteste, sachkundigste und informativste Werk, das zum Thema (bisher zumindest) vorliegt.

Und, was auch kein Schaden ist: Es ist verdammt gut geschrieben, weshalb die Lektüre nicht nur zu einem außerordentlichen Gewinn, sondern auch zu wirklichem Vergnügen wird.

Präziser Blick aufs Ganze

Müsste sich jemand entscheiden, nur ein einziges Buch über Chinas erstaunlichen wirtschaftlichen Aufstieg am Eingang des 21. Jahrhunderts zu lesen - kein anderes wäre auch nur annähernd so zu empfehlen wie "China - Der Aufstieg einer hungrigen Nation" von James Kynge.

Schon das erste Kapitel, in dem er ebenso minutiös wie spannend den Abbau eines an den chinesischen Shagang-Konzern verkauften, gewaltigen Thyssen-Krupp Stahlwerkes im deutschen Ruhrgebiet durch chinesische Arbeiter und die Wiedererrichtung der 250.000 Tonnen schweren Anlage nahe der Mündung des Flusses Yangzi beschreibt, deutet an, welches Gemälde Kynge dem Leser eröffnet: Nicht nur der (bekannte) ökonomische Aufstieg Chinas, sondern vor allem auch die zahllosen Fernwirkungen, die rund um den Planeten dadurch entstehen. Dabei beschreibt er stets präzise, im besten Sinne journalistisch, aber ohne ins bloß Anekdotische abzugleiten. Jedes Detail, das er leserfreundlich ausmalt, erleichtert den Blick aufs Ganze. "Wie aus dem Nichts erschienen beinahe tausend chinesische Arbeiter (zum Abbau des nach China verkauften Krupp-Stahlwerkes ,Anm.). Sie richteten sich in einem leer stehenden Gebäude der Anlage einen behelfsmäßigen Schlafsaal ein und arbeiteten den ganzen Sommer lang zwölf Stunden am Tag - sieben Tage in der Woche. Erst nachdem sich einige deutsche Arbeiter und Manager beschwert hatten, wurden sie aufgefordert, aus Respekt vor den deutschen Gesetzen wenigstens einen Tag zu pausieren."

Man sieht (und spürt): Mit diesen Arbeitern zu konkurrieren, wird für ihre europäischen Kollegen auf unabsehbare Zeit nicht ganz einfach sein. Zumal, wie Kynge vorrechnet, eine hunderte Millionen umfassende Reservearmee der chinesischen Landbevölkerung bereitsteht, jederzeit zu Löhnen zu arbeiten, die nicht einmal die Hälfte jener kargen Einkommen erreicht, die amerikanische Proletarier um 1850 in Chicago erzielen konnten.

Quasi-Gratis-Arbeiter

Weil freilich dank moderner Technologien die Produktivität dieser Quasi-Gratis-Arbeiter um Zehnerpotenzen höher liegt, wird China noch viele Jahrzehnte konkurrenzlos günstig produzieren können - und zwar fast alles.

Doch anstatt diesen Sachverhalt professoral zu dozieren, führt Kynge seinen Leser in die nicht eben sehr bekannte chinesische Stadt Yiwu, den "...größten Großhandelsmarkt der Welt".

Hier kann man alles kaufen, was Chinas Industrie zu konkurrenzlos günstigen Preisen herstellt: "Die Dimensionen an diesem Ort sind unfassbar. Etwa 34.000 Standinhaber sitzen in riesigen Ausstellungshallen, die sich ... über ein Gebiet von 1500 Hektar erstrecken, und verkaufen um die 320.00 unterschiedliche Produkte."

Bei seinem Gang durch dieses Epizentrum der Globalisierung lernt der Autor - und mit ihm der Leser -, warum viele Waren bei uns so billig angeboten werden können und die Händler trotzdem verdienen. Denn in Yiwu, wo sich praktisch alle großen Handelsketten der Welt eindecken, kostet beispielsweise ein hypermoderner Karbonfaser-Titanium-Tennisschläger rund 4 Euro, eine Teetasse, wie sie hier um 1 Euro verkauft wird, ganze 5 Cent, ein Bohrmaschinenset auf "Black&Decker"-Niveau ist für weniger als 10 Euro zu haben, "samt einem kompletten Satz Bohrer". Und so fort und so fort ...

Doch gerade die Fähigkeit Chinas , dank einer historisch einmaligen Kombination aus unglaublich tiefen Löhnen und modernsten Produktionsmethoden zur "Fabrik der Welt" zu werden, stellt für den Autor einen der wichtigsten Risikofaktoren dar, der Chinas Aufstieg bremsen könnte. Denn je mehr Jobs deshalb im Westen flöten gehen, umso stärker dürfte dort der politische Druck werden, Handelsschranken gegenüber China zu errichten. Was katastrophale Folgen haben könnte. Denn wie kaum ein anderes Land hängt China mittlerweile von Exporten ab; werden die eingedämmt, könnten die latenten sozialen Spannungen das Land in seiner Existenz bedrohen.

Außerordentlich plastisch beschreibt Kynge auch die beiden anderen großen Risken, die Chinas Aufstieg bremsen oder beenden könnten: die mittlerweile arg missbrauchte Umwelt, deren Sanierung zum teuersten Projekt der menschlichen Geschichte zu werden droht; und die allgegenwärtige Korruption im kommunistischen Machtapparat, die erhebliche Einbußen an ökonomischer Effizienz verursacht. (Interessanterweise hält der Autor diese Korruption für die Hauptursache der Aversion Pekings gegenüber einem Mehrparteiensystem: Dieses würde den Filz von Korruption und Kommunismus transparenter machen.)

Massenhaft Selbstmorde

Dass in China, nicht zuletzt auf Grund der misslichen sozialen Lage breiter Schichten der Bevölkerung, jede Woche 500 Frauen Suizid begehen, wird für viele Leser im Übrigen sicher genauso neu sein wie der Umstand, dass sich infolge von Korruption und Schlamperei im Gesundheitswesen in einer einzigen Provinz gleich eine Million Bauern mit HIV infiziert haben.

Dass Kynges Buch so außerordentlich faktendicht geraten ist, liegt freilich nicht nur am Talent, sondern auch an der Biografie des Autors. Seit er 1982 das erste Mal nach China kam, um Mandarin zu studieren, arbeitet er fast durchgehend als Journalist in dem Land, zuletzt von 1996 - 2005 als Leiter der Pekinger Redaktion der "Financial Times". Derzeit ist er Geschäftsführer der renommierten britischen Verlagsgruppe Pearson - mit Dienstort Peking, versteht sich.

Pflichtlektüre.James Kynge: China - Der Aufstieg einer hungrigen Nation. Murmann Verlag. 293 Seiten, 20,10 Euro