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La Grande Motte, die ideale Stadt am Meer

Von Wolfgang Ludwig

Reflexionen
Der Yachthafen von La Grande Motte - etwas bescheidener als die Pendants an der Côte d’Azur . . .
© Wolfgang Ludwig

Das südfranzösische Seebad wurde auf dem Reißbrett entworfen - als perfekte Feriendestination für den Mittelstand.


Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg brachten Westeuropa Wohlstand und zunehmende Mobilität. Und immer mehr Menschen wollten ihre Sommerferien im Ausland verbringen. Nur: Es gab zu wenig Ferienorte, die für die Mittelschicht leistbar waren. Die Österreicher fuhren an die obere Adria, für die Franzosen war die Costa Brava in Spanien ein begehrtes Ziel, denn die Côte d’Azur war zu exklusiv und teuer.

Genauso wie man in Österreich aus Gründen der Leistungsbilanz und der Auslastung heimischer Betten den Urlaub daheim propagierte, hatte man in Frankreich ähnliche Gedanken. Dazu musste aber erst die nötige Infrastruktur geschaffen werden. Die Regierung unter General de Gaulle ging diesen Plan ziemlich professionell und radikal an: Ziel war die Schaffung einer Ferieninfrastruktur für den Mittelstand im eigenen Land.

Mit de Gaulles Kabinettschef Pierre Racine wurde ein eigener Regierungskoordinator für das Ferienprojekt bestellt, und mit Jean Balladur (1924-2002) der geeignete Architekt gefunden. Balladur war zunächst mit einem Philosophiestudium, bei dem er u.a. Jean-Paul Sartre als Lehrer hatte, ganz andere Wege gegangen. Gelegentlich publizierte er in Sartres legendärer Zeitschrift "Les Temps Modernes". Bald wechselte er jedoch zur Architektur - und damit offenbar auch die Weltanschauung, indem er sich dem Gaullismus näherte, zu einem Vertrauten und Berater von Charles de Gaulle und später von Georges Pompidou wurde.

Diese Nähe brachte seinem Architekturbüro beachtliche Großaufträge, die Balladur jahrzehntelang beschäftigten: Die Badeorte La Grande Motte ("Der große Hügel") und Port Camargue sowie ein Stadtteil des benachbarten Badeortes Le Grau-du-Roi sind seine Hauptwerke, die man wegen der einheitlichen Idee und der Größe ohne Weiteres auch als Gesamtkunstwerk bezeichnen kann.

Balladur schwebte ein Konzept vor, das in den 1960er Jahren noch nicht so wirklich populär war: "L’espace urbain de La Grande Motte résulte d’une conception philosophique sur la nature de l’homme" (Der städtische Raum von La Grande Motte entspringt einer philosophischen Betrachtung der Natur des Menschen). Eine menschenfreundliche Stadt mit reduziertem Autoverkehr und zahlreichen Grünflächen sollte es werden, mit einheitlichem Erscheinungsbild der Gebäude, was zwar dem Zeitgeist entsprach, aber doch minimal differenziert, eben nicht ganz so monoton.

Überwiegender Baustoff war Beton, trotzdem sollte das Ganze weich und flexibel wirken. Einflüsse von Oscar Niemeyers Bauten in Brasilia, von Le Corbusier und Mies van der Rohe sind nicht zu verleugnen. Die ideale Stadt war - nach Balladur - für die Menschen da, die ihren Urlaub genießen wollten.

Auf einen Bahnanschluss wurde allerdings verzichtet. Die nächste TGV-Station liegt in Montpellier. So ganz ohne Autos geht’s daher in La Grande Motte leider nicht, schon gar nicht, wenn man die weitläufigen Strände rund um die Stadt erreichen will. Als Ort für den Bau der Anlagen wurden ein Terrain ehemaliger Weinkulturen und ein Sumpfgebiet etwa 30 Kilometer südöstlich von Montpellier gewählt, das erst einmal von Stechmücken befreit werden musste. Das Gebiet, bestehend aus Nehrungen, Halbinseln und Lagunen, schien wegen seiner weitläufigen Sandstrände für Ferienanlagen besonders attraktiv.

Die Form der Bauten in La Grande Motte erinnert an aztekische Pyramiden und spiegelt Einflüsse einer Mexikoreise Balladurs wider. Außerdem sollten die Pyramidenbauten einen Kontrast zur ebenen Landschaft der Camargue bilden, diese optisch auflockern und auch noch die lästigen Seewinde brechen. "L’architecture dessine un paysage" (Die Architektur gestaltet eine Landschaft), sagt Jean Balladur über die Stadt.

Betongold

In die städtische Landschaft platzierten Künstler im Auftrag Balladurs ihre Werke, wie zum Beispiel Joséphine Chevry ihre Betonskulpturen im Bereich des "Point Zéro", einem Gebiet, das den Baubeginn symbolisieren sollte. Die Stadt besteht aus einigen Hotels - auf mondäne Grand Hotels wie an der Côte d’Azur wurde aber bewusst verzichtet - und vor allem aus zahlreichen Appartements, die sich Stadtbewohner aus ganz Frankreich als Eigentumswohnung gekauft haben. Dafür werden heute Preise erzielt, die durchaus mit Wohnungen in guten Lagen in Wien vergleichbar sind. Die Wohnungen sind also auch eine Wertanlage, die durch das äußerst gepflegte Erscheinungsbild der Siedlung gesteigert wird.

Rund achttausend Menschen wohnen ständig in La Grande Motte, im Sommer sind es mindestens zehnmal mehr, dazu kommen viele Tagesgäste aus Montpellier. Der Großteil der Bewohner ist über sechzig, kommt aus der Mittelschicht französischer Großstädte und wohnt nur zeitweise im Ort. Der Bau begann in den 1960er Jahren, 1968 waren die ersten Wohnungen bezugsfertig und 1971 folgte die Eröffnung des ersten Hotels. Erst 1974 wurde der Ort eine eigene Gemeinde. Etwa sechzig Architekten waren unter Balladurs Leitung mit der Planung der Anlagen beschäftigt. Auch heutige Zubauten und Erweiterungen folgen seinem Konzept.

Es gibt für La Grande Motte also viele Anlässe, den Fünfziger zu begehen. Im Vorjahr begannen die Feiern, heuer geht’s mit Ausstellungen und Veranstaltungen weiter. Heutzutage ist die Stadt - früher von so manchen verspottet - für viele schon so etwas wie eine Stilikone geworden ist. Immerhin bietet der Tourismusverein jedes Jahr Ausstellungen und Touren für Architekturinteressierte durch den zum "Nationalen Kulturerbe" ernannten Ort an.

Nur wenige Kilometer weiter östlich liegt der weitläufige Naturpark der Camargue mit dem Delta der Rhône. Vor dem Bau der Autobahnen war die Reise in den Süden Frankreichs ziemlich beschwerlich. Die Nationalstraße 7 von Paris über Lyon, Orange und Avignon nach Menton war die einzige durchgehende Verbindung. Die fast tausend Kilometer von Paris nach Nizza konnte man, besonders wenn man in einem - nunmehr kultigen - 2CV unterwegs war, nur in Etappen schaffen.

Kultstraße N7

Im N7-Museum in Piolenc.
© Ludwig

Heute führt die N7, von Nostalgikern zum Pendant der amerikanischen Route 66 hochstilisiert, ein sehr beschauliches Dasein. Geschlossene Tankstellen, Motels und Restaurants lassen die frühere Bedeutung der Straße erahnen. Ihre durchgehende Nummerierung hat sie schon längst verloren - wieder eine Gemeinsamkeit mit der Route 66. Der Name lebt heute nur in der Autoroute Nr. 7, die in Frankreich im Sommer als Stauautobahn berüchtigt ist, fort.

In der kleinen Ortschaft Piolenc, wenige Kilometer nördlich von Orange, haben Fans der alten Kultstraße ein kleines Museum eröffnet, das zwar sehr amateurhaft organisiert ist, aber dennoch eine Vorstellung der einstigen Bedeutung der N7 aufkommen lässt. Kuriose Details: Am Weg nach Süden boten bis in die sechziger Jahre unzählige Straßenverkäufer in den Wintermonaten lokal angefertigte Körbe an - ideal als Picknick- oder Strandkörbe in den Ferien. Und in der Gegenrichtung wurden für die Rückreisenden Besen zum Verkauf angeboten - wohl zum Saubermachen der Wohnung in Lyon oder Paris nach den langen Ferien . . .

Beruhigend: Wenn Sie schon einmal in Piolenc sind, haben Sie es fast geschafft. Nach La Grande Motte sind es nur noch 104 Kilometer!

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Wolfgang Ludwig, geboren 1955, unterrichtet in Wien Deutsch und Geografie und schreibt Kulturreportagen.