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Lagos erster sozialistischer Präsident Chiles seit Allende

Von Jan-Uwe Ronneburger

Politik

Santiago de Chile · Vor dem chilenischen Präsidentenpalast La Moneda feierten am Sonntagabend weit mehr als 100.000 Menschen den Sieg des Sozialisten Ricardo Lagos bei der Präsidentenwahl. | Vor knapp 27 Jahren hatte der Putschgeneral Augusto Pinochet 1973 das historische Gebäude bombardieren lassen, in dem der letzte sozialistische Staatschef, der damalige Präsident Salvador Allende, | amtierte. Allende kam dabei unter ungeklärten Umständen ums Leben.


Nun zieht nach Jahren finsterer Diktatur und Verfolgung und einer langen Phase des Übergangs wieder ein Sozialist in den Palast ein. Die gesamte Sechs-Millionen-Stadt hallte von Hupkonzerten

wider, als ob Chile die Fußballweltmeisterschaft gewonnen hätte.

Trotz aller historischen Bezüge war es im Wahlkampf jedoch kaum um das Thema Pinochet gegangen. Chile hat sich seit 1973 stark verändert. Lagos ähnelt mehr einem Sozialdemokraten und die alten

Frontstellungen zwischen Links und Rechts werden seit dem Ende des Kalten Krieges auch nicht mehr so erbittert verteidigt.

Der unterlegene Kontrahent Joaquin Lavin gab sich als guter Verlierer. Nachdem er dem Sieger persönlich gratuliert hatte, stellte sich der strenggläubige Katholik mit seiner Frau und seinen sieben

Kindern den Kameras. Der 44-Jährige versprach eine konstruktive Oppositionspolitik. "Lagos und Chile können auf mich zählen. Ich stehe ihnen zur Verfügung", sagte er.

Allerdings kritisierte er, dass sein enges Verhältnis zu seinem politischen Ziehvater Pinochet zum Thema des Wahlkampfes gemacht worden sei. "Niemals hätte die Vergangenheit irgendeines von uns ins

Spiel gebracht werden dürfen", sagte Lavin. Er hatte dem Militärregime als Wirtschaftsberater gedient und die Diktatur wiederholt gelobt.

Im Wahlkampf hatte er es geschickt verstanden, seine enge Verbindung zu dem Ex-Diktator herauszuhalten. Aus der ersten Runde der Präsidentenwahl am 12. Dezember war Lavin mit etwas mehr als 47

Prozent der Stimmen noch fast gleichauf mit Lagos hervorgegangen.

Ob die kurz vor der Wahl angekündigte mögliche Freilassung Pinochets den Wahlausgang beeinflusst hat, ist umstritten. Für das Ausland überraschend spielt das Schicksal des greisen Generals in dessen

Heimat keine entscheidende Rolle mehr.

Für die Chilenen stand angesichts der schweren Wirtschaftskrise eine Verbesserung ihrer persönlichen Lebensverhältnisse im Vordergrund.

Und die sehen sie offenbar bei dem integren und erfahrenen Lagos in besseren Händen. Günstige Wirtschaftsprognosen, die ein Wachstum von bis zu 5 Prozent für dieses Jahr vorhersagen, könnten ihm

dafür eine günstige Ausgangsposition verschaffen.