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Laissez-Faire und Mama-Bonus

Von Bettina Figl und Stefanie Kornherr

Politik

Rund 2000 Studierende weniger beginnen an TU Wien.


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Wien. Wer braucht schon Anmeldefristen, wenn er eine Mama hat. "Meine Mutter hat mir vorgegeben, dass ich mich Anfang September inskribieren muss", sagt der 18-jährige Denny schüchtern und verrät seinen Nachnamen der "Wiener Zeitung" vorsichtshalber nicht. Er steht am Dienstagvormittag - einen Tag vor dem Ende der Inskriptionsfrist am 5. September - Schlange. Der Schalter, der ihm zum Studium der Informatik zulässt, ist bereits in Sichtweite. Seit einer halben Stunde wartet er, langsam bewegt sich die Kolonne im Stiegenaufgang der Technischen Universität (TU) auf dem Karlsplatz vorwärts.

Letzte Chance für die Anmeldung an einer der 21 österreichischen Universitäten ohne Aufnahmetest, hier die TU Wien.
© WZ/ Stanislav Jenis

Mit dem 5. September endet die Einschreibungsfrist so früh wie noch nie, erstmals kann man sich an den elf österreichischen Unis ohne Eignungstest nicht mehr bis Ende Oktober einschreiben, sondern muss das schon Anfang September erledigen. Die Unis argumentieren die neue Regelung mit besserer Planbarkeit, indem sie schon früher wissen, mit wievielen Studierenden sie zu Semesterbeginn rechnen müssen.

Nachfrist bis 30. November für "Härtefälle"

Spätberufene können in Ausnahmefällen noch bis 30. November inskribieren. Von dieser Nachfrist können beispielsweise Zivil- und Präsenzdiener Gebrauch machen, oder Studierende, die bei Aufnahmetests gescheitert sind. "Unvorhergesehene Ereignisse" oder Auslandsaufenthalte können ebenfalls solche "Härtefälle" sein. Und was ist, wenn man noch im Urlaub weilt? Die Entscheidung über Ausnahmefälle obliege den einzelnen Universitäten, erklärt Elisabeth Fiorioli, Generalsekretärin der Universitätenkonferenz, der "Wiener Zeitung".

Einige Studienfächer verzeichneten am Dienstag bereits ähnliche Anmeldezahlen wie im Vorjahr. Eine davon die Uni Wien, die größte Uni des Landes. Hier reichten am Dienstag kurz nach 9 Uhr die Warteschlangen bereits bis weit vor die Tore am Universitätsring (ehemals Dr. Karl Lueger Ring). Und auch die TU Graz, die Uni Innsbruck oder die Montanuniversität Leoben haben nicht weniger Beginner.

Ausnahmen: Lockere Handhabung der TU Wien

Ganz anders die Lage an der TU Wien, der größten Technischen Universität des Landes, wie die vergangenen Tage zeigen: Am Dienstag haben mit rund 2000 Studierenden um die Hälfte weniger ein Bachelorstudium begonnen, im Wintersemester 2011/12 waren es noch fast 4500.

Am Mittwoch haben Spätzünder noch bis 12 Uhr die Chance, sich zu inskribieren - wobei es seitens der TU heißt, man werde nicht um Punkt 12 Uhr die Rollläden herunterfahren, vielmehr sei man auf "viele Zuspätkommende" eingestellt. "Wir werden deshalb - im gesetzlichen Rahmen - die Ausnahmeregelungen in diesem Jahr deutlich lockerer als beabsichtigt handhaben", sagt Adalbert Prechtl, Vizerektor für Lehre, auf Anfrage der "Wiener Zeitung".

Immer wieder gibt es Infokampagnen, um die Anzahl der Studierenden der naturwissenschaftlichen Fächer zu erhöhen, und nun gehen sie aufgrund der vorgezogenen Inskriptionspflicht zurück. Doch woran liegt das, während etwa die TU Graz nicht gegen solche Probleme anzukämpfen hat?

Während vereinzelte TU-Studierende sich auf ihr familiäres Umfeld (nennen wir es "Mama-Bonus") verlassen können, kann es natürlich sein, dass andere auf den Ruf der TU-Wien als "Laissez-Faire"-Uni spekulieren. Von hiesigen "lockeren Handhabungen" berichten zumindest zwei Studienberater der Technischen Mathematik. Einer von ihnen erinnert sich mit Schaudern an die "strikten" Regeln an der Wirtschaftsuniversität Wien, dann wieder versucht er vor dem Haupttor vor der Karlskirche Interessierte mit flotten Sprüchen anzulocken.

Ebenfalls weniger Andrang verzeichnet die Universität Linz: Bis Dienstagnachmittag haben rund 2000 Studierende inskribiert, im vergangenen Jahr war es mit 2900 rund ein Drittel mehr. Hier heißt es "der Run geht weiter", und auch auf der TU Wien wird erwartet, dass die letzten beiden Tage "heiß" werden.

"Das perfekte Mittel, um Leute zu verschrecken"

Zweimal Warten hieß es für Magdalena Haider (li.) an der TU Wien - beim ersten Versuch zu
© © Stanislav Jenis

Heiß ist es in den alten Gemäuern der TU Wien zwar, den "Run" sucht man aber vergebens: Entspannt lehnen Studierende an den Wänden. Sie vertreiben sich mit Handys oder I-Pads die Zeit, so wie Winfried Hoke. Er studiert eigentlich Umweltwissenschaft an der Universität für Bodenkultur (Boku), dort ist er bereits inskribiert. Für ihn ist die vorverlegte Inskriptionspflicht "das perfekte Mittel um Leute zu verschrecken". Er gehört wohl zur unerschrockenen Sorte, er will an der TU ein Fach mitbelegen.

So auch Magdalena Haider, ebenfalls Boku-Studentin: Die 20-Jährige mit Hornbrille und glitzernden Ohringen ist extra aus Salzburg angereist, um zusätzlich zu Kulturtechnik und Wasserwirtschaft an der Boku Ingenieurwesen an der TU zu belegen. Sie ärgert die vorverlegte Frist, da sie dadurch eine zusätzliche Anreise mit dem Zug aus Salzburg berappen muss. Für sie ist es bereits der zweite Inskriptionsversuch an diesem Tag: Beim ersten Mal wurde sie aufgrund fehlender Formulare abgewiesen.

Vorverlegte Frist als Vorbote von Zugangsregeln?

Die vorverlegte Frist als Vorbote der Zugangsregelungen? Mittlerweile ist das Aus des freien Hochschulzugangs ja auch für einige SPÖ-Politiker denkbar (SPÖ-Wissenschaftssprecherin Andrea Kuntzl, der steirische Landeshauptmann Franz Voves, SPÖ-Geschäftsführerin Laura Rudas, die "Wiener Zeitung" berichtete). Doch das nur bei gleichbleibenden Studienplätzen, heißt es. In dieselbe Kerbe schlägt Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle, der sich - als alter Verfechter der Zugangsregelungen - über die neuen Töne des Koalitionspartners sehr freut. Er will die schrittweise Einführung der Studienplatzfinanzierung ab 2014. Er argumentiert, dass stark nachgefragte Studienrichtungen diese brauchen würden, um Qualität in Lehre und Forschung zu heben.

"Weniger Studienanwärter sind das, was sie erreichen wollen", kritisiert Physikstudent Stefan Löffler. Der 28-Jährige ist Projektassistent an der TU Wien und schreibt derzeit an seiner Doktorarbeit. Erst am Tag zuvor hat er sich "spontan entschieden", nun auch noch Mathematik zu belegen - deshalb weilt auch er unter den Wartenden.

Er glaubt nicht, dass die vorverlegte Frist als Steuerungsmittel taugt, da Hörsäle und Seminarräume bereits viel früher angemietet werden müssen. Schade findet er, dass man nun nicht mehr Zeit hat, sich ein Studium unverbindlich anzusehen, sondern vor Semesterbeginn Anfang Oktober für ein Studium entscheiden muss. Letztlich sei es egal, wann die Frist endet: "Der zielgerichtete Student, den die Politik gern hätte, weiß schon am Anfang des Sommers, was er studieren will." Oder die Mama weiß es.