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Lampedusa kommt uns näher

Von Heiner Boberski

Wissen

Deutscher Zukunftsforscher erwartet eine Renaissance der klassischen Familie.


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Wien. "Auf welche Weise können wir unsere Zukunftsfähigkeit sichern und für nachkommende Generationen ausbauen?" Einen Ausblick auf 2030 bot am Donnerstagabend die Wissenschaftsgala des Landes Niederösterreich in Grafenegg. Problembewusst, aber doch optimistisch gab sich als Gastredner der deutsche "Mister Zukunft" Horst Opaschowski.

Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" nannte er spontan drei Riesenprobleme, die auf uns zukommen: "Erstens: Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst, und die Wohlhabenden haben keine Freude an ihrem Wohlstand. Mit anderen Worten: Lampedusa kann auch in Wien und in Berlin ankommen, und den Armutsgefährdeten droht Ausgrenzung." Opaschowski sieht den sozialen Frieden gefährdet, wenn nicht für einen Ausgleich gesorgt wird.

Seine zweite Sorge: "Arbeitsstress wird für viele zum Dauerstress. Immer weniger müssen immer mehr leisten. Meine Formel lautet: 0,5 mal 2 mal 3. Das bedeutet: Die Hälfte der Mitarbeiter verdient dann doppelt so viel, muss dafür aber dreimal so viel leisten wie früher. Die andere Hälfte muss das Leben fristen über Zeitverträge, Gelegenheitsarbeiten, Leiharbeiten. Im Jahr 2030 wird nur noch jeder zweite Beschäftigte einen Fulltime-Job haben."

Und drittens: "Die Wohlstandsgesellschaft kann zur Wohlstandsillusion werden. Wenn die Schulden von heute so bleiben, dann werden sie die Steuern von morgen sein. Meine Auffassung ist: Wer Schulden macht, macht sich schuldig. Das gilt für die Wirtschaft wie für die Politik."

Gibt es auch positive Perspektiven? "Der größte Hoffnungsfaktor für die Bürger ist die Familie. Eine Renaissance der Familie deutet sich an, auch bei der jungen Generation. Sie wandelt sich aber zur Generationenfamilie - also nicht nur Eltern und Kinder, sondern Enkel, Kinder, Eltern, Großeltern. Wahlfamilien oder Wahlverwandtschaften wachsen zusammen und unterstützen sich gegenseitig."

Opaschowski rechnet mit einer Zunahme der Geburtenraten und spricht von einem "zweiten demografischen Wandel". Bis sich das in der Statistik niederschlage, würden aber 20 bis 30 Jahre vergehen, zumal die nächste Generation Kinder später, nämlich erst mit 30 bis 40 Jahren bekomme. Der Zukunftsforscher erwartet auch, dass familiäre Bindungen und Ehen stabiler werden: "Es wird in der Tendenz weniger Scheidungen geben, es wird wieder mehr Ehen geben, auch Rückbesinnung auf die klassische Ehe mit Kind und Trauschein, aber zugleich eine große Akzeptanz und Toleranz für die verschiedensten Lebensformen." Was sind die großen Zukunftssorgen der Bürger? "Ganz oben steht die Angst vor Preissteigerungen, vor Armut, vor Mindestrente. Was die Menschen weniger besorgt, ist die Frage des Klimawandels. Sicherheit wird in den nächsten Jahren wichtiger als Freiheit. Die Menschen wollen auf Nummer sicher gehen in diesen unsicheren Zeiten. Ein Musterbeispiel waren vor Jahren die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und der damalige Finanzminister Peer Steinbrück, als sie gesagt haben: Die Sparbücher sind sicher. Solche Dinge wollen die Menschen hören."

Umdenken beim Wachstum

Nimmt man für die Sicherheit auch mehr Überwachung in Kauf? "Ja, viele Orwell’sche Züge sind ja heute schon erkennbar. Ich habe 1999 das Buch ,Generation @‘ herausgegeben und gesagt: Das Internet ist eine Erfindung des amerikanischen Verteidigungsministeriums und nur darauf ausgerichtet, Spähprogramme zu entwickeln, und genauso ist gekommen."

Für Deutschland und die Schweiz hat Opaschowski einen Wohlstandsindex verfasst, er konstatiert ein Umdenken bei den Menschen: "Wohlstand wird neu definiert: gut leben statt mehr haben. Das hat mehr mit Verbesserung der Lebensqualität als mit Lebensstandardsteigerung zu tun. Die Wachstumsagenda der letzten Jahre und Jahrzehnte kommt auf den Prüfstand. Wachstum wird nicht abgelehnt, nur Wachstum ist mehr als nur materieller Wohlstand. Ganz oben stehen in Zukunft zwei G: Geld und Gesundheit, und vier F: Freiheit, Familie, Frieden und Freunde."

Opaschowski hat viele Begriffe kreiert, zum Beispiel "Ichlinge", heute betont er: "Ich sage das Ende der ,Ichlinge‘ voraus. Wenn es heute und in Zukunft noch Egoisten gibt, dann sind das hilfsbereite Egoisten. Das ist ein gesunder Egoismus nach dem Prinzip: Ich helfe dir, aber du hilfst auch mir."

Der Forscher hält seine Prognosen nicht nur für Deutschland oder die EU-Länder für relevant: "Es gibt atemberaubende Übereinstimmungen in aller Welt. Als ich vom neuen Wohlstandsdenken gesprochen habe - im Sinne von: Lebensqualität ist wichtiger als Lebensstandard - und den nationalen Wohlstandsindex veröffentlicht habe, wissen Sie, wer sich als Erster gemeldet hat? Die amtliche Nachrichtenagentur aus China hat gefragt, ob man so etwas auch in China entwickeln kann. In China hat man bisher den Grundsatz vertreten: Wachstum um jeden Preis. Als aber der Smog in Peking einsetzte, setzte auch Unruhe in der Bevölkerung ein, und die Politik muss langsam umdenken. Wachstum hat auf längere Sicht nur Sinn, wenn es den Menschen dabei gut oder im Hinblick auf die nächste Generation besser geht als heute. Diese nächste Generation ist nicht naiv, nicht blauäugig, sie weiß um alle Krisen, und sie sagt dennoch: Ich blicke optimistisch in meine eigene Zukunft, ich will das Beste aus meinem Leben machen."

Zur Person

Horst Opaschowski,

geboren 1941 in Beuthen (Oberschlesien), 1975 bis 2006 Professor für Erziehungswissenschaft an der Uni Hamburg, ist Deutschlands bekanntester Zukunfts- und Freizeitforscher.