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Land der Reinen

Von Thomas Veser

Politik

Pakistans Bevölkerung darf nicht nur auf die höchsten Berge Asiens stolz sein, im "Land der Reinen", so die deutsche Übersetzung des Staatsnamens, haben die Mogulkaiser auch die feinsten Baudenkmäler von ganz Hindustan hinterlassen. Diese Botschaften, die in diesen Tagen zu vorgerückter Stunde über Videoclips im Staatsfernsehen vermittelt werden, lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Staatspräsident Musharraf will die Kluft innerhalb der Bevölkerung überbrücken und hofft auf ein Wiedererwachen des pakistanischen Patriotismus.


Pakistans Militärregierung bereitet die Bevölkerung allmählich auf einen eventuellen Krieg vor. Sie bedient sich dabei der gleichen Mechanismen, die schon während der pakistanisch-indischen Kriege angewandt worden waren.

Dies bekräftigt Muhammad Ijaz Abbasi, Vizepräsident der Islamabader Industrie- und Handelskammer. "Die Menschen müssen jetzt angemessen auf harte Zeiten vorbereitet werden", bekräftigt der 40jährige Kammermitarbeiter, dem die Wirtschaftsentwicklung im ganzen Lande besonders seit dem Terroranschlag gegen die USA zunehmend Kopfschmerzen verursacht. Bereits als Praesident Musharraf vor zwei Jahren die Regierung übernommen hatte, so Abbasi, "war unsere Wirtschaftslage nicht gut." Häufige Regierungswechsel hätten dazu geführt, dass sich Investoren in Pakistan mit seiner Auslandsverschuldung in Höhe von 35 bis 40 Milliarden US-Dollar zurückhielten. Rund 47 Prozent des jährlichen Haushalts müssen für die Schuldentilgung ausgegeben werden. Der Optimismus, dass günstige Bedingungen für Investitionen geschaffen würden, sei damals sehr gering gewesen, fügt er hinzu. Allmählich habe sich die Lage dennoch verbessert.

Stillstand

Nachdem 1998/99 das pakistanische Exportvolumen - vor allem landwirtschaftliche Produkte wie Reis und Weizen sowie Sportartikel - acht Milliarden US-Dollar erreicht habe, sei es im vorigen Jahr auf neun Milliarden US-Dollar angestiegen. Für 2001/2 peilte die Regierung in Islamabad zunächst elf Milliarden US-Dollar an, "das ist jetzt jedoch kaum noch realistisch", schätzt Abbasi mit Blick auf die krisenhafte Entwicklung der letzten Tage.

Muhammad Ijaz Abbasi nimmt kein Blatt vor den Mund: "Seit dem Anschlag ist unsere Ökonomie praktisch zum Stillstand gekommen. Die Börse ist geschlossen und kein Mensch wird auch nur einen einzigen Pfennig in unser Land investieren", stellt er fest.

Das haben nun auch die Besitzer der Geschäfte rund um den Jennah-Markt zu spüren bekommen. Shahid Zafar, Inhaber eines kleinen Schuhgeschäfts im Islamabader Stadtviertel F 7/1 muss sich damit abfinden, dass er bestenfalls gerade noch ein Viertel des früheren Tagesumsatzes einnimmt. "Die Leute verhalten sich vorsichtig abwartend und behalten ihr Geld lieber für den befürchteten Notfall", stellt er nüchtern fest. Spitzeinnahmen in Höhe von 20 000 Rupien (umgerechnet über 4.700 Schilling) werden wohl künftig der Vergangenheit angehören.

Es mag überraschen, dass selbst in den Lebensmittelgeschäften durchgehend von einer anhaltenden Flaute gesprochen wird. Hamsterkäufe von Kunden, die sich für den Ernstfall eindecken wollen, haben bisher noch nicht stattgefunden. "Niemand hat mit einer solchen Entwicklung gerechnet, Ersparnisse besitzen die wenigsten Menschen", glaubt der Schuhladenbesitzer.

Stagnation in Rawalpindi

Besonders deutlich wird die wirtschaftliche Stagnation Pakistans im landesweit größten Gewerbegebiet der Nachbarstadt Rawalpindi, Rajah Bazaar. Während der Öffnungszeiten der Geschäfte wälzt sich normalerweise ein nicht abreißender Fahrzeugstrom in beiden Richtungen durch die vierspurige Durchgangsstrasse. In den letzten Tagen hat der Verkehr für asiatische Verhältnisse drastisch abgenommen, man kann im Rajah Bazar fast schon wieder durchatmen. Diese Erleichterung kann die zahllosen Ladeninhaber freilich kaum darüber hinwegtrösten, dass ihr Umsatz zusammengebrochen ist. Abdul Waheed Parachaa sitzt in seinem zur Straße offenen Geschäft, in dem der 38jaehrige Mann Waschmaschinen, Trockner und Klimaanlagen feilbietet. Auf die Frage, wie er seine Zukunft sieht, weiß er schlicht keine Antwort: "Wir haben keine Pläne. Nur eines ist sicher: Es lässt sich so gut wie nichts mehr absetzen", konstatiert er.

Diese Entwicklung habe schon vor einem halben Jahr eingesetzt, in den letzten Tagen seit dem Anschlag habe sie sich nur noch verschlimmert. "Früher konnte ich mindestens zwei bis drei Geräte verkaufen", erinnert sich der Ladenbesitzer, "und heute komme ich am Morgen, setze mich hin und muss abends ohne einen einzigen Verkauf wieder heimkehren." So eine Situation habe er in den vergangenen 18 Jahren, seit er sein Geschäft besitze, noch nie erlebt.

Sollte Pakistan in einen Krieg hineingezogen werden, wird sich die Situation nochmals dramatisch verschärfen. Bereits jetzt nimmt Muhammad Ija Abbasis Worten zufolge die Arbeitslosigkeit zu, "die Pakistani merken immer deutlicher, dass ihr verfügbares Geld knapp wird." Mit großer Sorge blickt er auf einen neuen Flüchtlingsstrom, der im Kriegsfall aus Afghanistan zu erwarten sei.

Mittlerweile hat sich die grenznahe North-West Frontier Province darauf bereits eingestellt. So gab die Regierung in Peshawar grünes Licht für die Anlage von weiteren 25 Flüchtlingslagern in den sogenannten "Stammesgebieten" zwischen Pakistan und Afghanistan. Dieser gebirgige Landesteil gehört bis zu der im 19.Jahrhundert festgelegten Durand-Linie zwischen dem einstigen Königreich Afghanistan und Britisch-Indien formal zu Pakistan, verwaltet sich jedoch weitgehend selbst. Im Kriegsfall rechnet die Regierung mit bis zu einer Millionen Flüchtlingen, um die sich Pakistan getreu der Genfer Konvention kümmern will.

Wie die meisten Gesprächspartner aus der pakistanischen Elite ist Muhammad Ijaz Abbasi darauf bedacht, zwischen friedliebenden Anhängern des Islam und "Gruppierungen, die den Koran falsch interpretieren" eine klare Trennlinie zu ziehen. "Der Terrorakt gegen das World Trade Center hat uns nicht weniger erschüttert als die Bevölkerung der Vereinigten Staaten", bekräftigt der Vizepräsident und weist darauf hin, dass sich unter den Opfern des Anschlags Vertreter von vierzig bis fünfzig Nationen befänden.

"Wer unter dem Begriff Jihad, dem gerechtfertigten Krieg, den Einsatz solcher Mittel versteht, hat den Koran falsch interpretiert", erläutert Muhammad Ijaz Abbasi, "er hat unsere Sympathie nicht auf seiner Seite." Staatspraesident Musharraf habe mit seiner klaren Stellungnahme "den Leuten hierzulande aus der Seele gesprochen", fügt er hinzu.

Bei den Hardlinern innerhalb der religiösen Parteien freilich ist der General bislang auf taube Ohren gestoßen. In Peshawar beteiligten sich nach einem Aufruf der Jamiat Ulema-i-Islam (JUI) mehrere Tausend Anhänger an einem Protestzug durch die Stadt. Dabei wechselten sich die Slogans "Nieder mit den USA und Israel" und "Lang lebe Osama bin-Laden" ab.

Szenen aus Peshawar

Peshawar: Wenn alle Ziegelbrennereien den vollen Betrieb aufnehmen, lässt sich Asiens legendärster Gebirgspass nur noch erahnen. Dann hängt tagelang eine fette Smogdecke über dem Talkessel von Peshawar im Westen Pakistans. Durch die Suleiman-Gebirgszüge, deren Konturen sich kaum wahrnehmen lassen, verläuft der Khyber-Pass, der Pakistan mit Afghanistan verbindet. Zwei Jahrtausende lang drangen Armeen auf ihrem Eroberungszug in den Norden des Subkontinents durch dieses Nadelöhr zunächst nach Peshawar, der Grenzstadt, wie ihr Name aus der Moguln-Zeit auf Deutsch heißt. Heute dient der Pass als Fluchtroute für afghanische Familien, die nicht mehr länger unter der Fuchtel des Kabuler Taliban-Regime leben wollen. Schon zu Beginn des sowjetischen Einmarsches nach Afghanistan hatten sich Hunderttausende in das Nachbarland abgesetzt. Inzwischen wird die Zahl der Afghanen im Nordwesten Pakistans auf rund drei Millionen Menschen geschätzt, mehr als ein Drittel davon lebt seit Jahren in Lagern, die vom UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge verwaltet werden. Jetzt hat Pakistan, wie von den USA gefordert, dieser Tage die Grenzübergänge nach Afghanistan geschlossen.

Wie man vom Grenzübergang auf pakistanischer Seite aus beobachten kann, komplimentieren Taliban-Leute ausreisewillige Afghanen seit der Grenzschließung recht unsanft zurück, während sie westliche Photojournalisten mit Schmähungen und Verwünschungen bedenken. Viele Fluchtwillige werden dennoch in das Nachbarland gelangen, da sich die rund 2500 Kilometer lange Staatsgrenze durch das raue und zerklüftete Berglandschwer kontrollieren lässt. Und auch die langjährigen Handelsbeziehungen im kleinen Grenzverkehr werden kaum an Dynamik verlieren: Von Dubai aus im Transitverfahren durch den Iran nach Afghanistan transportierte Güter, wie etwa Haushaltsgeräte, werden kurz vor der Grenze zu Pakistan entladen und anschließend von Schmugglern über Gebirgspfade in das Nachbarland getragen.

Auf den ersten Blick hat sich der Lebensrhythmus in den Basaren im Zentrum Peshawars nicht verändert. Durch die engen Gassen des Goldschmied- und Teppichknüpfer-Viertels wälzen sich an den Garküchen vorbei endlose Schlangen von Motor-Rikschas und Transportfahrzeugen. Souvenirverkäufer halten Ausschau nach westlichen Besuchern, die jetzt allerdings aus dem Straßenbild verschwunden sind. "Business as usual", lautet die Devise in der lärm- und abgaserfüllten Altstadt, über der sich die filigranen Minarette der Mahabat Khan Moschee erheben. Von Feindseligkeit ist nichts zu verspüren, wie immer erregt der westliche Besucher Neugier, man sucht das Gespräch, und geht auch gerne auf Fragen ein.

Zukunftsängste

Und dabei wird schnell deutlich, dass auch in Peshawar anhaltende Ungewissheit und Zukunftsängste die Stimmung drücken. Präsident Musharrafs Erklärung, Pakistan werde die USA bei militärischen Schritten gegen das Taliban-Regime unterstützen, hat viele Pakistani vor den Kopf gestoßen. "Zunächst waren wir gut genug als Gegengewicht gegen die Sowjetunion, als wir nicht mehr gebraucht wurden, haben uns die USA einfach fallengelassen", klagt ein pakistanischer Verwaltungsbeamter. "Und nun sollen wir wieder den Kopf herhalten", sagt er verärgert.

Die meisten Gesprächspartner warnen davor, Afghanistan als Hauptdrahtzieher des Terrorschlags gegen die USA einseitig zu verteufeln. Dazu seien die Afghanen schon technisch nicht in der Lage, "das ist auch nicht ihre Art. Es gibt zahllose Verwandtschaftsverhältnisse über die Grenzen hinweg, sie sprechen doch die gleichen Sprache wie wir und sind damit in gewisser Weise unsere Brüder", bemerkt ein Pakistani mit Nachdruck. In der Tat beträgt der Anteil der Pathanen an der Gesamtbevölkerung der North-West Frontier Province (NWFP) rund 60 Prozent. Ethnisch und sprachlich sind sie mit den in Afghanistan lebenden Pathanen eng verwandt. In beiden Ländern nennen sich die Angehörigen dieser Ethnie seit jeher "Afghans", ein uralter Oberbegriff, der über die Staatsgrenzen Afghanistans hinweggeht.

Allerdings hat das lange Zeit ausgeglichene Verhältnis zwischen pakistanischen Pathanen und afghanischen Flüchtlingen der selben ethnischen Herkunft in den vergangenen eineinhalb Jahren gelitten. Viele Flüchtlinge, die zunächst in Lagern untergebracht wurden, bauten sich außerhalb eine neue Existenz auf. Immer häufiger hört man nun Forderungen, die Flüchtlinge sollen endlich wieder in ihre Heimat zurückkehren, damit sei das Problem dann aus der Welt geschafft.

Diese energischen Einladungen, das Land zu verlassen, stoßen bei vielen Afghanen durchaus auf offene Ohren. Ein junger Mann, der seine Heimat im Norden Afghanistans schon während der sowjetischen Besetzung verlassen hatte, hofft inständig, dass er nach den langen Exiljahren bald wieder zurückkehren kann. Und ein 12jährige Junge, der in einem Bazargeschäft Kleider verkaufen hilft, träumt ebenfalls von der Rückkehr in den Osten Afghanistans, "aber in diesem Winter", so meint er einschränkend, "werden wir es wohl nicht mehr schaffen."