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Landkinder haben weniger Allergien

Von Richard E. Schneider

Wissen

Ein Molekül im Stallstaub schützt vor Allergien. | Tübingen. Ferien auf dem Bauernhof können Großstadt-Kindern zu einem besseren Immunsystem verhelfen. Ein Forschungsteam aus deutschen Lungenärzten, Allergologen und Kinderärzten hat ein großes, pflanzliches Zuckermolekül im Stallstaub gefunden, das das Immunsystem vor überschießenden Reaktionen schützt und somit Allergien vorbeugt.


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Bisher haben medizinische Studien mit über 10.000 Kindern nachgewiesen, dass ein übermäßiger Sauberkeitswahn zu einem geringeren Infektionsdruck speziell bei Kindern führen kann. Ihr Immunsystem ist dann unterfordert und wappnet sich nicht mit genügend Antikörpern gegen spätere Infektionen. Während nur sechs Prozent der Kinder, die vom ersten Lebensjahr an Stallkontakt hatten, unter Bronchialasthma litten, sind doppelt so viele (12 Prozent) der Stadtkinder betroffen.

Kein Heuschnupfenauf dem Bauernhof

Heuschnupfen, eine typische Allergieerkrankung, war in den Studien unter Stadtkindern sogar viermal mehr verbreitet, während Bauernkinder in der Regel keinen Heuschnupfen entwickeln. Bei Abstrichen aus dem Nasenraum und den Schleimhäuten wiesen Kinder von Bauernhöfen eine deutlich größere Bandbreite von Antigenen zur Bekämpfung von Allergenen auf.

Doch welche Inhaltsstoffe sind es konkret, die die Stallluft als besonders gesundheitsfördernd ausweisen? "Die Suche nach der schützenden Substanz glich der Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen", sagt Studienleiter Marcus Peters von der Ruhr-Universität in Bochum. Sein Team untersuchte Staubproben aus Tierställen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Analysen ergaben, dass sich der gesundheitsfördernde Stallstaub hauptsächlich aus pflanzlichen Bestandteilen zusammensetzt. Identifiziert wurde das Zucker-Molekül Arabinogalaktan, das zehn Prozent der Menge des Stallstaubs ausmacht, nie fehlt und besonders groß ist. In Futterpflanzen für Tiere ist es gewöhnlich enthalten.

Die Wissenschafter prüften dann in Tests die Wirkung von Arabinogalaktan bei Mäusen, deren Immunsystem potenziellen Allergenen ausgesetzt wurde. Es zeigte sich, dass die dendritischen Zellen des Immunsystems, die die spezifische Immunantwort auf das präsentierte Antigen auslösen, ihr Verhalten unter der Wirkung des Arabinogalaktans änderten. Das Molekül sorge dafür, dass die dendritischen Zellen ihre Reaktion von heftig auf normal umstellen und das Immunsystem seine Aufgabe - die Abwehr von Krankheitserregern - korrekt erfüllen könne, erklärt Peters. Ob und wie das Arabinogalaktin im Viehfutter sich zur Vorbeugung oder zur Behandlung von Allergien oder Asthma eignet, wollen die Forscher nun erkunden. Peters kann sich einen Nasenspray oder Nasentropfen auf der Basis des Moleküls vorstellen.