Langes Arbeiten schadet der Gesundheit

Von Martina Madner

Politik
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Arbeitsmediziner und Psychiater warnen vor einer Ausweitung der Arbeitszeit.


Wien. Mittwoch und Donnerstag arbeiten die Nationalratsabgeordneten im Parlamentsplenum, ob zwölf Stunden, wie künftig gesetzlich maximal möglich sind, ist noch fraglich.

Klar ist aber bereits, dass die Regierungsparteien im Parlament am Donnerstag das neue Gesetz beschließen wollen, und auch den Abänderungsantrag dazu. Demnach ist nun zwar die Möglichkeit vorgesehen, Überstunden nach der zehnten Arbeitsstunde am selben Tag abzulehnen, was Vertreter von ÖVP und FPÖ als "Freiwilligkeitsgarantie" bezeichnen, Arbeitnehmervertretern aber weiterhin zu weit geht: "Der Arbeitgeber sitzt gegenüber einzelnen Arbeitnehmer immer am längeren Ast", hieß es etwa dazu von Seiten der Arbeiterkammer.

Klar ist auch, dass Gewerkschaft und Opposition, allen voran die SPÖ, auch weiterhin gegen das Gesetz mobilisieren: So lud zum Beispiel SPÖ-Gesundheitssprecherin Pamela Rendi-Wagner Experten aus dem Gesundheitswesen dazu ein, auf mögliche Folgen längerer Arbeitszeiten hinzuweisen, denn: "Menschen sind keine Maschinen und haben natürliche Leistungsgrenzen."

70 Prozent mehr Unfälle in der zwölften Arbeitsstunde

Wie sich die Arbeitszeit auf die Unfallhäufigkeit auswirkt, destillierte Ximes, ein Unternehmen, das Betriebe bei Arbeitszeitmodellen berät, aus 29 Studien zum Thema. Das Ergebnis: Ab der neunten Stunde nimmt das Unfallrisiko mit jeder Stunde stärker zu. In der zwölften Stunde ist es im Vergleich zur ersten um 70 Prozent höher. "Bei mehr als zwölf Stunden ist von 170-prozentigen Steigerung auszugehen", heißt es in der Analyse des Unternehmens.

"Das Unfallrisiko bei der Heimfahrt nach mehreren Zwölf-Stunden-Nachtschichten hintereinander ist mit jenem einer starken Alkoholisierung vergleichbar", rechnete Ximes-Geschäftsführer Johannes Gärtner in der "Wiener Zeitung" bereits vor. Konkret habe ein Arbeiter, der nach dem vierten Arbeitstag mit einem 12-Stunden-Nachtdienst in der dreizehnten Stunde die Heimfahrt antritt, ein fünfmal so großes Verkehrsunfallrisiko - das gleiche Risiko wie mit einem Blutalkoholwert von 0,8 Promille.

60-Stunden-Woche verdoppelt das Herzinfarktrisiko Erich Pospischil, Internist und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Arbeitsmedizin, warnt vor einer "Fülle von Problemen", die mit einer Ausweitung der Arbeitszeit einhergehen können: Er spricht von erheblichen Belastungen in manchen Berufen, der Muskeln oder durch Schadstoffe. 12-Stunden-Arbeitstage seinen aber auch für das Herz-Kreislauf-System "bedrohlich": "Das Studienmaterial dazu ist erdrückend."

So zeigt eine wissenschaftliche Studie japanischer Herzspezialisten zum Thema Überstunden, dass sich das Herinfarktrisiko bei einer Arbeitswoche mit 60 Stunden im Vergleich zu einer mit 40 verdoppelt. Eine Auswertung mehrerer Studien von deutschen Arbeitsmedizinern wiederum zeigt, dass jeder vierte bis fünfte mit 60-Stunden-Arbeitswoche an Schlafstörungen leidet, bei jenen mit 40 Stunden wöchentlicher Arbeitszeit sind es jeder achte bis zehnte - bei einer 20 Stunden Arbeitswoche dagegen offenbar nur jeder Zwanzigste.

Stress als "Toxin der heutigen Zeit"

"Über Daten müssen wir nicht diskutieren. Wir müssen ja auch nicht darüber diskutieren, ob die Erde eine Scheibe ist", sagt Georg Psota, Chefarzt der Psychosozialen Dienste in Wien, früher auch Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie. Psota weist darauf hin, dass Menschen mit längeren Arbeitszeiten weniger gesund leben: "Sie bewegen sich weniger, rauchen mehr, trinken mehr Alkohol, haben überhaupt mehr Süchte." Auch deshalb steige das Risiko für Schlaganfälle. Der Psychiater sagt aber auch: "Das Toxin der heutigen Zeit ist Stress."

Arbeitsmediziner und Psychiater Rudolf Karazman, der für das Unternehmen IBG Betriebe in der Gesundheitsförderung berät und sich mit der Gesundheitsverträglichkeit von 12-Stunden-Schichten auseinandersetzt, gießt dieses "giftige" Phänomen dann doch in Zahlen: "55 Prozent der Arbeitnehmer leiden unter sehr starkem oder starkem Stress." Und: "Chronischer Stress ist kein Spaß", er führe unter anderem zu Rückenschmerzen, Herz-Kreislaufproblemen, Panikattacken und Depressionen.

Die kürzlich veröffentlichten Daten der Pensionsversicherungsanstalt untermauern das: Von den insgesamt 20.100 Arbeitnehmern, die vergangenes Jahr Rehabilitation machten und von der PVA Geld bezogen, waren bei 69,7 Prozent psychiatrische Krankheiten die Ursache.

Ältere sollten kürzer, nicht länger arbeiten

Die Auswirkungen langen Arbeitens sind nicht bei allen Beschäftigten die gleichen. Psota sagt zum Beispiel, dass ein 12-Stunden-Tag für jene, die "young, free and single sind, super sein kann. Bei 43-jährigen, die die Generation vor ihnen betreuen müssen, oder Alleinerziehenden sind sie aber mit Sicherheit gesundheitsschädigend".

Karazmans Auswertung aus der betrieblichen Praxis zeigt außerdem, dass es nicht egal ist, wer wann wie lange arbeitet. Acht Stunden Nachtschicht belasten Arbeitnehmer im Durchschnitt wie 13 Stunden Arbeit am Tag. Arbeitnehmer im Alter von 50 plus aber belastet eine solche Nachtschicht wie 16 Stunden Tagesarbeit. Ältere sollten deshalb nicht nachts, außerdem kürzer arbeiten als jüngere Arbeitnehmer, nicht weil sie abbauen: "Älter werden ist ein Umbau, kein Abbau. Die sozialen und professionellen Kompetenzen steigen, lange Arbeitszeiten belasten Ältere aber mehr."

Karazman schwebt eine 30-Stunden-Woche als "sozial wirksamste Arbeitszeit" vor, "bei vollem Lohnausgleich". Zumindest eine Änderung der Lebensarbeitszeit mit kürzeren Arbeitszeiten ab 50 Jahren, aber auch am Beginn der Karriere wäre dem Arbeitsmediziner zufolge sinnvoll: "Einsteiger erleben eine Hochstressphase, die Arbeit ist in den ersten beiden Jahren um bis zu 25 Prozent anstrengender als danach", sagt er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Kranke kosten wie Frühpensionen viel Geld

Pospischil geht bei längeren Arbeitszeiten als heute "von mehr Menschen, die das reguläre Pensionsalter nicht erreichen", aus. Psota sagt, dass Invaliditätspensionierungen wegen psychischer Erkrankungen ein wachsendes Problem seien. Eine Berechnung der Mehrkosten einer Arbeitszeitverlängerung etwa durch mehr Krankenstände und mehr Frühpensionierte ist zum aktuellen Zeitpunkt nicht möglich.

Der aktuelle Fehlzeiten-Report des Wirtschaftsforschungsinstituts vom November 2017 zeigt jedenfalls, dass Kranksein schon heute viel Geld kostet. Entgelt- und Krankengeldfortzahlungen belasten Unternehmen und den Staat schon heute mit 3,52 Milliarden Euro jährlich. Dazu kommen wegen der Verluste bei der Jahresarbeitszeit durch Krankheiten bis zu 5,56 Milliarden Euro an Wertschöpfungsverlusten und bis zu 8,65 Milliarden Euro an öffentlichen und privaten Gesundheitsausgaben. Im Jahr 2015 habe der Staat laut Wifo-Report außerdem wegen verminderter Arbeitsfähigkeit und Erwerbsunfähigkeit 2,89 Milliarden an Invaliditätspensionen ausbezahlt.

ÖVP-Klubobmann August Wöginger erklärte am Dienstag unabhängig davon gemeinsam mit FPÖ-Klubobmann Walter Rosenkranz, dass keine Änderungen des Gesetzes mehr geplant sind. Es handle sich um ein "wirklich ausgewogenes Gesetz".