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Langfinger und lange Beine

Von Martyna Czarnowska

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Der Begriff "Ostmafia" kriminalisiert eine ganze Region - und verwischt Länder-Unterschiede.


Über Nacht war das Auto weg. Gestohlen. In Polen. Es passierte vor einigen Jahren, zu einer Zeit, als Polen-Witze Hochkonjunktur hatten. Ich hatte mich immer gegen diese Pauschalverurteilungen gewehrt, sah meine ursprüngliche Heimat diffamiert, konnte über diese Klischees von Autoklau und Handel nicht lachen.

Und dann das. Mit meiner Familie war ich bei meinen Großeltern zu Besuch, in einem Ort in der Nähe Poznans, im Nordwesten Polens. An einem Morgen war der zehn Jahre alte Mercedes meines Vaters nicht mehr da.

Das Klischee war bestätigt. Es machte nichts, dass einem Freund in Italien der Fotoapparat gestohlen worden war, bei einem anderen in der Wiener Wohnung eingebrochen wurde, dass also in jedem Land Straftaten begangen werden. Polen klauen Autos - das wog viel schwerer.

Die Fortsetzung der Geschichte war zwar spektakulärer, doch weniger klischeehaft. Sie handelt nämlich von der Effizienz der polnischen Polizei. Zunächst einmal wurde das Auto nach zwei Tagen wiedergefunden, mit abmontierten Kennzeichen. Doch anscheinend hatten es die Diebe bei näherem Hinsehen als doch zu alt und damit des Abtransports unwürdig befunden.

Wir konnten also nach Österreich zurückfahren. Weiter als hundert Kilometer kamen wir allerdings nicht. Vor einem geschlossenen Bahnübergang reihten wir uns in eine lange Autoschlange ein, warteten. Auf einmal rasten zwei Streifenwagen auf uns zu, ein junger Polizist sprang heraus, mit gezückter Waffe, ließ meinen Vater aussteigen. Danach mussten wir, einen Wagen mit Blaulicht vor, einen hinter uns, zur Wache fahren.

Dort klärte sich nach ein paar Telefonaten alles auf. Ein Streifenpolizist hatte auf der Straße ein Auto mit abmontierten Kennzeichen bemerkt, in seinem Computer nachgesehen und den Wagen als gestohlen gemeldet gefunden. Er gab seinen Kollegen in der nächsten Stadt Bescheid - und die machten sich an die Arbeit.

Doch darüber, dass die Aufklärungsquote etwa bei Autodiebstählen in Polen in den vergangenen Jahren gestiegen ist, berichtet kaum jemand in Westeuropa. Stattdessen schreiben Zeitungen von Ostbanden, die ihr Unwesen in Österreich, Deutschland oder der Schweiz treiben - oder gleich von der Ostmafia.

Unterschieden wird dabei nicht zwischen georgischen Einbrechern, serbischen Drogenschmugglern oder albanischen Menschenhändlern. Vielmehr wird eine ganze Region kriminalisiert: der Osten. Der Begriff ist nicht so neutral wie etwa "der Westen"; bestimmte, meist negativ besetzte Bilder haften ihm an. Anscheinend ist alles, was von dort kommt, böse, kriminell oder verkommen. Und es muss einander wohl auch alles ähnlich sein, ob in Polen, Tschechien, Georgien oder Russland. Es ist, als ob umgekehrt ein Slowake keinen Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland machte oder Österreich mit Belgien gleichsetzte.

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Es gibt da noch ein anderes Wort, ebenso vorurteilhaft, doch glanzvoller als die Ostmafia, weil es so einige Männeraugen zum Leuchten bringt: Ostfrauen. So mancher Geschäftsmann, der aus Kiew zurückkommt, etliche Mitarbeiter eines Think tanks, die ein Seminar in Bukarest besuchen, der eine und andere Bratislava-Tourist - sie schwärmen von der Höhe der Stöckelschuhe, der Tiefe des Dekolletes, der Kürze des Rocks und der Intensität des aufgetragenen Lippenrots. Auch dabei wird kaum unterschieden, ob das Objekt der Begierde aus der Ukraine, aus Rumänien oder aus der Slowakei kommt.

Die Männer sind Langfinger, die Frauen haben lange Beine. Diese Bilder vom Osten überwiegen im Westen. Und das wird sich nicht so schnell ändern. Denn: Ob in Ost oder West - ohne Klischees kommt kaum ein Mensch aus.