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Lärm lärmt nur relativ

Von Ina Weber

Politik

Medizinischer Berater des Flughafens Wien, Hans-Peter Hutter, im Interview.


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Wien. Ab einer gewissen Lautstärke wird das Ohr geschädigt, soviel ist jedem klar. Doch ist Lärm tatsächlich ein Faktor, der krank macht? Für Hans-Peter Hutter, Oberarzt des Instituts für Umwelthygiene der Medizinischen Universität Wien, wird - abhängig von der Einwirkungszeit - das Ohr ab 80 bis 85 Dezibel geschädigt. Stundenlange Einwirkung von 90 Dezibel verursache Lärmschwerhörigkeit. "Der Faktor Lärm wird unterschätzt. Er steht ganz oben auf der Liste von Ursachen für Frühpensionen", so Hutter zur "Wiener Zeitung".

Den Fluglärm betreffend ist für Hutter selbstverständlich, dass vor allem der nächtliche Fluglärm für Betroffene aus medizinischer Sicht bedenklich sei. "Jeder Mediziner würde ihnen sagen, dass kein Lärm in der Nacht das Beste ist", sagt er. Allerdings gehe das eben nicht. Zumindest solange der Mensch auch mit dem Flugzeug unterwegs sein wolle. Und so stelle sich die Frage, "wie viel Lärm darf es sein".

Kein Lärm in der Nacht wäre das Beste, aber . . .

Für Hutter ist das Zusammenspiel vieler Faktoren ausschlaggebend. Wird ein Gebiet komplett für den Flugverkehr genutzt oder teilt man diesen gleichmäßig auf die Stadt auf? Diese Fragen sind für den Mediziner in einer Mediation zu lösen, wo alle Beteiligten, von Bürgern über Politiker bis hin zu Flughafen-Betreibern an einem Tisch sitzen. "Natürlich ist es immer eine Zwickmühle", sagt er. "Niemand will das Flugzeug vor seiner Tür haben."

"Wir versuchen, jeden Lärm, egal woher er kommt, kritisch zu hinterfragen", sagt Hutter. Klar sei aber auch, dass es ausschlaggebend ist, wie Lärm subjektiv wahrgenommen wird. "Es kommt darauf an, wie man mit der Quelle kann." "Wenn jemand gesund lebt und seinen Lärm als positiv betrachtet", dann werde dieser Mensch wahrscheinlich nicht krank. "Wenn sich jemand dauernd aufregt über eine Lärmquelle, dann schon", so Hutter. Und Lärm könne zweifelsohne langfristig zu Gesundheitsschäden, wie Bluthochdruck oder Herzinfarkt führen. "Man kann mit einem Dialog und passivem Lärmschutz viel bewirken", sagt Hutter. Jemand würde sich etwa weniger über Fluglärm aufregen, wenn er genau weiß, wann und wie oft ein Flugzeug seine Terrasse überquert.

Ein leiser Fluglärm sei jedoch weniger gefährlich als ein plötzlicher lauter Knall. Allerdings könne es bei chronischer Lärmbelästigung durchaus zu Schweißausbrüchen, Konzentrations- und Schlafstörungen kommen. Das Ohr werde laut Hutter aber generell vom Menschen brutal missbraucht. "Es gibt viele Lärmquellen", sagt er. Die Zeiten, in denen das Ohr dann noch feine Nuancen, wie Blätterrauschen wahrnimmt, seien schnell vorbei.