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Laser spürt Melanome auf

Von Wolfgang Kappler

Wissen

Mit Blitzgeräten überführt die Polizei unbelehrbare Raser und dem Blitzlicht verdankt die Menschheit ungezählte brillante Fotos aus der bewegten Natur; flüchtige und faszinierende Momente, die im Bruchteil einer Sekunde eingefroren und für Ewigkeiten festgehalten wurden. Jetzt wollen Physiker und Mediziner mit Blitzlicht Jagd auf unentdeckte und heimlich wachsende Melanome machen.


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Im Gegensatz zu Rasern, Kolibris oder fallenden Wassertropfen bewegen sich diese zwar nicht, doch immerhin verraten sich die angeblitzten Tumorzellen durch ein schwaches Aufleuchten. Das soll eine neue Frühdiagnosemöglichkeit eröffnen. Forscher des zur Leibniz-Gesellschaft gehörenden Berliner Max-Born-Institutes setzen dabei auf eine besondere Blitzlichtquelle, einen sogenannten Femtosekundenlaser. Im Gegensatz zu einem herkömmlichen Laserpointer, einem Lichtzeigefinger, sendet dieser kein einfarbiges Licht aus, sondern sehr viele Farben gleichzeitig. Das Ganze in Form von ultrakurzen Pulsen, die beim Millionstel Teil einer Milliardstel Sekunde liegen.

Als Zahl niedergeschrieben folgen einer Null mit Komma 14 weitere Nullen und eine Eins, oder zehn hoch minus 15, eine Femtosekunde eben. Die Physiker um Dr. Dieter Leupold hatten beobachtet, dass durch eine genau dosierte Laseranregung krankes Gewebe zu einem ultraschwachen Leuchten gebracht werden kann.

"Durch die verwendeten extrem kurzen Laserimpulse können wir zwischen gutartigen Pigmentkonzentrationen (ein Leberfleck) und dem bösartigen Melanom unterscheiden", erklärt Projektleiter Leupold. "Der Unterschied, sozusagen die Antwort des Hautgewebes bildet sich in Form eines charakteristischen Spektrums ab". Will heißen: Die Tumorzellen reflektieren ein schwaches rotes Licht, der Fingerabdruck des Tumors. Nach den bisherigen Ergebnissen arbeite das Verfahren sehr sicher, und deshalb eigne es sich besonders gut für die Frühdiagnose des Melanoms, einem der bösartigsten menschlichen Tumoren überhaupt.

Nachdem die zuständige Ethikkommission das Verfahren für Untersuchungen am Menschen zugelassen hat, gilt es nun zunächst die aufwändige Technik handlich zu machen. Diese Aufgabe will Leupold mit zwei Berliner Mittelstandsunternehmen meistern. "Dann ist der Weg frei für die klinische Erprobung", sagt er und schätzt, dass dies in einem Jahr der Fall sein wird. Gemeinsam mit den bisher kooperierenden Hautfachärzten der Ruhr-Universität Bochum soll das fertige Gerät dann dort getestet werden.

An Hautkrebs erkranken jährlich 80.000 bis 100.000 Deutsche. 8000 Mal stellen Hautärzte dabei die Diagnose "Melanom" (in Österreich werden pro Jahr etwa 2.000 Melanom-Neuerkrankungen registriert). Im Grunde ist dieser Tumor kein typischer Hautkrebs, sondern eine krebsartige Erkrankung des Melanozytensystems, dessen Zellen entartet sind. Die Melanozyten sind die Zellen, die das Pigment Melanin produzieren, welches der Haut ihre Farbe gibt. Diese Zellen finden sich aber auch in der Hirnhaut und der Aderhaut des Auges. So ist das Melanom der häufigste Augentumor.

Weil sich Melanome aber zu über 90 Prozent auf der Haut bilden, sind sie die Domäne des Hautarztes und werden landläufig als Hautkrebs bezeichnet. Allerdings einer, der es in sich hat. Verdickt er sich nämlich und bricht in das Lymph- und/oder Blutsystem durch, bildet er rasend schnell Metastasen in Lunge, Leber, Knochen oder Gehirn. Die Überlebenswahrscheinlichkeit ist dann sehr gering. Früherkannt ist der Tumor allerdings in 97 Prozent aller Fälle heilbar. In der Frühdiagnostik steckt also eine Riesenchance.

Der Femtosekundenlaser könnte also ein Schritt in die richtige Richtung sein, auch, weil es, so versichert Leupold, ein unblutiges Verfahren ist. Aber: Laser sind teuer. Und so bleibt vorerst abzuwarten, wie sich die Sache entwickelt.