Lassen Chatbots das Gehirn verkümmern?

Von Eva Stanzl

Wissen

Sie liefern ein Rundumservice an Information. Denken müssen wir trotzdem selbst, sagt Hirnforscher Jürgen Sandkühler.


"Wiener Zeitung": Neue Chatbots wissen fast alles, schreiben Texte und lösen Rechenbeispiele. Könnte das Gehirn bei diesem Rundumservice durch Künstliche Intelligenz (KI) verkümmern? Werden wir dümmer?

Jürgen Sandkühler: Ich halte diese Angst für unbegründet. Vom Abakus bis zum Computer ist es nichts Neues, dass einem Arbeiten abgenommen werden. Trotzdem kann das Gehirn weiterhin mathematische Aufgaben leisten und werden wir beim Denken nicht unbedingt entlastet. Allerdings führt ein Computer hochpräzise Berechnungen besser aus als wir. Wenn wir noch mit dem Abakus rechnen würden, hätten wir viele technische Fortschritte nicht gemacht.

Was sind Chatbots wie ChatGPT für ein Fortschritt?

Sie lassen uns in ein neues Zeitalter treten bezüglich der Art, wie wir mit dem Computer kommunizieren. Das ist aus meiner Sicht überfällig, denn Suchmaschinen-Anfragen erfolgen heute auf eine plumpe Weise. Sie geben Stichwörter ein, anhand derer das Programm versucht, herauszufinden, was Sie gemeint haben könnten, und dann schleppt es oftmals einen Haufen Mist daher! Wenn der Computer aber Texte versteht und generieren kann, ist das eine neue Stufe.

ChatGPT stellt die Schulen vor Herausforderungen, da die Text-KI bei Schülern und Studenten beliebt ist. Der Chatbot macht die Hausaufgaben und die Schüler machen blau: Ist das ein Problem?

Erstens gibt ChatGPT nicht immer die richtige Antwort. Zweitens werden Lehrer es wohl merken, wenn ihre Schüler die KI für sich arbeiten lassen, da die meisten keine Texte auf dem Niveau des Chatbots verfassen. Zudem wird es wohl bald Überprüfungsfunktionen geben, die anzeigen, welcher Anteil eines Textes von ChatGPT stammt - bei mehr als zwei Prozent könnte man die Arbeit abweisen. Plagiatswesen und Denkfaulheit sind überdies ebenfalls nichts neues, nur vergrößert die Möglichkeit eines solchen Missbrauchs auf Knopfdruck das Problem.

Denkfaulheit ist das Gegenteil von gedanklichem Training. Was passiert im Gehirn, wenn es gewisse Aktivitäten weniger trainiert? Schrumpfen die Synapsen?

Das würde ich nicht befürchten. Zum Ersten haben fast alle Neuronen und Synapsen im Gehirn mehr als eine einzige Aufgabe und arbeiten überlappend. Wenn die Aufgabe einer Gehirnregion komplett wegfällt, wird dieser Bereich nicht gleich inaktiv, sondern übernimmt oftmals Aufträge benachbarter Regionen. Das Gehirn ist sehr plastisch und passt sich an veränderte Herausforderungen an.

Wann beginnt bei Kindern die Neugier auf Wissen, logisches Denken und Sprachverständnis?

Das Interesse, an der Sprache zu wachsen, an logischem Denken oder an Wissenschaft wird in der Vor- und Grundschule gelegt. Daher würde ich das Problem in einem unzureichend ausgestatteten Bildungssystem orten, das es nicht allen Kindern ermöglicht, grundlegende Fähigkeiten zu erwerben.

Das Bildungssystem ist also schuld, wenn eine Firma es mit einem Produkt überrumpelt, das die Notewendigkeit, zu lernen, infrage stellt?

Das tut ChatGPT nicht - im Gegenteil. In Deutschland läuft ja wegen Lehrermangels eine Debatte um eine Viertagewoche in den Schulen. Eine künstliche Intelligenz könnte Bestandteile der Lehrveranstaltungen übernehmen. Es ist anachronistisch, dass diese heute immer noch wie bei den Alten Griechen ablaufen: Einer trägt vor und die anderen hören zu, und zwar im Rhythmus des Professors. Wenn mit Hilfe einer Künstlichen Intelligenz jeder sein Lehrprogramm individuell vorantreiben kann, dieses System treffliche Rückfragen stellt und dabei jeder und jede in der eigenen Geschwindigkeit weiterkommt, hätten die Lehrenden Zeit, in Kleingesprächen in die Tiefe zu gehen.

Wer mit Lehrern spricht, könnte zum Schluss kommen, dass der Beruf über Jahrzehnte klein gemacht wurde und auch nicht üppig bezahlt ist. Und jetzt sollen menschliche Lehrende durch KI ersetzt werden?

Lehrer sollen nicht ersetzt werden, und dass Grundschüler nicht ab dem ersten Tag von einem Roboter begleitet werden sollen, muss klar sein. Aber die Fortschritte der Kinder könnten von einer technischen Lösung begleitet werden und die Lehrer gezielt dort ansetzen, wo Kinder motiviert werden müssen. Wenn die Vielwisserei von Computern mit der Fähigkeit der Lehrer, wie Universalgelehrte Informationen zu gewichten, kombiniert wird, könnte Lernen ein neues Niveau erreichen. Auch Qualitätsjournalismus wird Bedeutung gewinnen. Bald wird die Welt voller Texte sein, deren Verfasser keiner kennt. Dann werden wir uns an Medien wenden, deren Existenz von der Zuverlässigkeit der Information abhängt.

Aus dem Journalismus wissen wir: Edelfedern wachsen nicht auf Bäumen. Treffliche Formulierung wollen  überlegt, doch nicht gesucht sein, die Erzählkunst erfordert grammatikalische Präzision, Substantivierungen sind altbacken - schreiben will geübt sein. Was passiert im Gehirn, wenn der Mensch das Schreiben nicht mehr üben muss?

Alles, was wir nicht üben, verlieren wir mit der Zeit an Fähigkeiten, und je komplexer die Fähigkeit, desto schneller verlernen wir sie. Aber das ist nicht zu vermeiden. Das Gehirn erfasst gut, was es häufig und dringend braucht. Das ist eine Frage der effizienten Nutzung und nichts, was man bedauern muss. Ich persönlich würde es trotzdem sehr bedauern, wenn Präzision, Schönheit und Eleganz in der Sprache verloren gingen. Aber in der Menschheitsgeschichte gab es noch keine Zeit, in der große Bevölkerungsteile wirklich elegant, präzise und mit Freude die Sprache nutzten. Sprache erfüllte immer in erster Linie einen Zweck in wandelndem Gewand, die Anforderungen an sie sind dynamisch und sie wird sich immer ändern müssen. Im Gehirn stirbt dadurch nichts ab. Ich bin überzeugt, dass das Gehirn sehr viele Herausforderungen zu bewältigen hat. Das Wissen der Welt ist so enorm gewachsen, wir brauchen Unterstützung beim Auffinden von Information und das macht der Chatbot besser als der Mensch.