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Lässt sich das Schlimmste noch verhindern?

Von Lars van Dassen

Gastkommentare
Lars van Dassen ist Chef der Wiener NGO "World Institute for Nuclear Security" (WINS). Er studierte Politikwissenschaften in Dänemark und war Friedens- und Konfliktforscher an der Universität in Uppsala. 2001 bis 2020 war er bei der Schwedischen Atombehörde für die Unterstützung Russlands, der Ukraine, Georgiens, Kasachstan, Moldaus und Belarus’ im Bereich nuklearer Sicherheit zuständig.
© privat

Das ukrainische AKW Saporischschja und die Erinnerung an Tschernobyl.


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Seit Ende Februar stehen Kernkraftwerke in der Ukraine unter Beschuss. Dies ist ein Verbrechen. Wir dachten, es wäre allgemeiner Konsens, dass selbst in einem Krieg die Risiken von Schäden an AKW vermieden werden sollten. Doch Russland hat diese Hoffnung auf Rationalität vernichtet und hat schon im Februar völlig rücksichtslos Tschernobyl attackiert. Die eigenen Soldaten wurden in Räumlichkeiten und in der Umgebung großen Mengen von Strahlung ausgesetzt, ebenso die ukrainischen Mitarbeiter im alten AKW. Es wurde gefoltert, missbraucht und getötet. 130 Personen sind verschwunden, seit sich die Russen zurückgezogen haben. Es ist das Schlimmste zu befürchten.

Ich werde oft gefragt, ob die Lage sich am südukrainischen AKW Saporischschja zu einem neuen Tschernobyl entwickeln könnte. Dann frage ich zurück: Welches Tschernobyl ist gemeint - der Unfall im April 1986 oder die bewusste Zerstörung von Menschenleben und Infrastruktur durch die Russen im März 2022? Es gibt jedenfalls keine einfache Antwort hierzu. 1986 war es ein menschengemachter Unfall, der sich so schlimm entwickelte, wie es nur möglich war. Aber damals war "nur" ein Reaktor betroffen, und alle zogen an einem Strang, um Schlimmeres zu vermeiden.

In Saporischschja ist es heute ganz anders. Das AKW ist ukrainisch, und die Angestellten sind Ukrainer. Aber es gibt eine Besatzungsmacht, die erklärt hat, dass sie jetzt alles übernommen habe. Dabei können die Russen das AKW gar nicht selbst betreiben, weil dort so viele Modernisierungen nach westlichem Standard vorgenommen wurden, dass die Reaktoren sich wesentlich von jenen gleichen Namens und Ursprungs in Russland unterscheiden. Es gibt also zwei Parteien, die alles andere als an einem Strang ziehen. Und die Erfahrung von Tschernobyl im heurigen Frühling hat gezeigt, dass die russische Seite beim Verlassen des AKW alles hinter sich zerstören könnte. Wir sprechen hier von sechs Reaktoren und jeder Menge hochradioaktiver Brennstäbe.

Die Bestrebungen des Generaldirektors der IAEO, eine Schutzzone zu errichten, sind sinnvoll. Alles, was zur Konfliktdämpfung beiträgt, ist wichtig. Aber es ist mehr notwendig, wenn die Staatengemeinschaft Russland mit seiner Zerstörungskraft vom eigenen Todestrieb abhalten möchte. Hier könnten wir vielleicht aus dem Abkommen für die Getreidetransporte lernen. Da waren es eine Reihe von Entwicklungsländern, die auf Russland Druck ausgeübt haben, weil sie nicht akzeptieren wollten, dass ihre Bevölkerungen wegen der russischen Blockade des Schwarzen Meeres hungern und unter höheren Preisen leiden sollte. So wurde ein Druckmittel Russlands entschärft.

Es gibt 25 bis 30 Entwicklungsländer, die im Bereich der Atomkraft Abkommen mit Russland geschlossen haben, in einer Höhe von geschätzten 180 Milliarden Euro. Würden diese Staaten auf Russland Einfluss ausüben und erklären, dass eine Zusammenarbeit mit ihnen ein verantwortungsvolles Verhalten in Saporischschja erfordere, dann könnte es vielleicht eine Wirkung haben. Ja, das Schlüsselwort lautet hier "vielleicht" - aber gibt es so viele andere Möglichkeiten?