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Last Exit São Paulo

Von Georg Ismar

Politik

Syrische Flüchtlinge stranden in Brasilien. Das südamerikanisches Land war lange das einzige, das Syrern Visa gab.


São Paulo. (apa/dpa) Dana al-Balkhi holt die Bomben noch einmal in ihr Leben zurück. "Das ist plötzlich kein Fernsehen mehr, keine Fiktion, sondern real." Das Wackeln der Wände, das Knallen, ein Leben lang abgespeichert. Ihr erster Gedanke: "Ich muss gehen." Nun sitzt sie in einer Bäckerei in Südamerika, 10.780 Kilometer entfernt von ihrer Heimat, der syrischen Stadt Daraa. Sie fängt an zu zittern, weint, kann nicht weiterreden.

Kein Schimmer, wie sie die so fremde Sprache lernen soll. Nach der Attacke war sie mit ihrer Schwester zunächst in der Türkei, die Mutter hatte beiden geraten, dem drohenden Tod zu entfliehen. Ein Bekannter aus Portugal machte Dana dort darauf aufmerksam, dass Brasilien Sonder-Visa anbietet. Ein ziemlicher Ausnahmefall. Dana traute sich, die Schwester ging zurück nach Syrien. Über Dubai landete Dana in São Paulo. Sie hatte versucht, irgendwie nach Deutschland zu kommen, damals waren alle Türen verschlossen. "Brasilien hörte sich verrückt und sinnlos an. Aber immer noch besser, als mit einem kleinen Boot im Mittelmeer unterzugehen." Ihr Traum ist, dass die Familie irgendwann wieder vereint ist.

Sonder-Visa für Syrer

Die Muslima ist schon seit Ende 2013 in dem Land mit der größten Anzahl an Katholiken weltweit. "Mein erstes Gefühl: Hier bin ich sicher." Und sie trinkt dann halt ein alkoholfreies Bier, wenn man gemeinsam ausgeht. Und es gibt ein halbes Dutzend Moscheen.

Während Hunderttausende nach Deutschland streben, ist Brasilien eines der außergewöhnlichsten Aufnahmeländer im Syrien-Drama: Schon im September 2013 erließ das nationale Flüchtlingskomitee (Comite Nacional para os Refugiados - Conare) die Weisung an die Botschaften, humanitäre Sonder-Visa an Menschen auszustellen, die wegen des brutalen syrischen Bürgerkriegs auf der Flucht sind.

Die Regelung lautet vereinfacht: Einreisepapiere ja, finanzielle Unterstützung nein. Derzeit gibt es nach Angaben von Conare 8400 Flüchtlinge aus dem Mittleren Osten und Nordafrika in Brasilien, davon 2077 Syrer, wobei noch viele weitere Visa-Anträge anhängig sind, die Zahl also steigen dürfte. Die Syrer können sich frei bewegen. Rund 70 Prozent haben sich in São Paulo niedergelassen.

Brasiliens Staatspräsidentin Dilma Rouseeff hat vor wenigen Tagen einen eindringlichen Gastbeitrag in der Zeitung "Folha de São Paulo" veröffentlicht: Die Flüchtlingsaufnahme und -verteilung müsse unbedingt bei der anstehenden UNO-Vollversammlung in New York "einen wichtigen Raum" einnehmen. "Es sind dringend Zeichen und Aktionen der Solidarität notwendig", mahnte Rousseff - und lobte dabei die eigene Aufnahmebereitschaft als beispielhaft.

Besuch bei Pater Paolo Parise in der Kirche do Glicerio - die erste Anlaufstelle für viele Flüchtlinge. Der 2010 aus Rom nach Brasilien gekommene Pater sieht bei Rousseffs Selbstlob eine Diskrepanz zur Realität. Wegen der schweren Wirtschaftskrise seien Projekte wie Sprachkurse für Migranten gestrichen worden. "Es gibt kaum politische Hilfe des Staates." Ihm pflichtet Kotaiba Ghannam bei, der vor 16 Monaten für 1200 US-Dollar (1060,07 Euro) nach Brasilien geflogen ist. "Die deutsche Regierung macht alles für die Flüchtlinge, die brasilianische nichts." Sein Bruder musste in Syrien bleiben, er arbeitete für die Regierung. Nun ist er auch geflohen - und lebt in München. Ob er die falsche Entscheidung getroffen hat? Ghannam weicht der Frage aus. Aber er verweist darauf, dass Brasilien eine legale und billige Option sei, auf der Balkanroute müssten bisweilen über 8000 Euro gezahlt werden.

Das schwer zu lernende Portugiesisch, das Anfassen und Umarmen, die Samba-Rhytmen, alles ungewohnt. Pater Paolo berichtet zudem, dass bei Essensstellen anfangs Syrern Schweinefleisch aufgetischt worden sei. Doch einige wollen nun gar nicht mehr zurück. An der Einkaufsmeile Avenida Paulista hat Fitoon Assi im Shoppingcenter Boulevard Mouti Mare ganz hinten das Geschäft mit der Nummer 100. Sie verkauft ausgerechnet Taschen aus Damaskus und Wandteppiche, der größte im Laden zeigt die Kaaba in Mekka.