Zum Hauptinhalt springen

Launenhafte Bulgaren schenken diesmal Karate-König ihr Vertrauen

Von Michael Schmölzer

Analysen

Er habe nun das Privileg, nicht Regierungschef Bulgariens zu werden, verwirkt, zeigte sich Wahlsieger Bojko Borissow am Sonntag vom Unglück verfolgt. Er musste notgedrungen auf ein ganz beachtliches Wahlergebnis verweisen, seine konservative Partei Gerb hat mit knapp 40 Prozent Stimmenanteil den Urnengang haushoch für sich entschieden. Die bis dato regierenden Sozialisten von Ministerpräsident Sergei Stanischew kamen nur noch auf knapp 18 Prozent. | Die Gründe für den durchschlagenden Erfolg Borissows liegen auf der Hand: Der 50-Jährige hat sich in einem Land, das auch zwei Jahre nach seinen EU-Beitritt heftig unter Korruption und Amtsmissbrauch zu leiden hat, den Ruf eines Politikers erworben, der Ordnung schaffen kann. Der bullige Mann präsentiert sich markant und entschlussfreudig, gibt sich volksnah und ist schon deshalb um derbe Sprüche nicht verlegen.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 14 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Borissow, der Gerb im März 2006 gegründet hat, war ursprünglich Leibwächter Todor Schiwkows, des letzten bulgarischen KP-Chefs. Von ihm will Bojko Borissow politisch viel gelernt haben. Auch war der neue potenzielle Premier früher Karate-Kämpfer; zeitweise trainierte er sogar die Nationalmannschaft. Dem Image des Machers, der durchgreifen kann, ist das sicher zuträglich.

Aufschlussreich ist das jetzige Wahlergebnis aber vor allem dann, wenn man sich die Wahlverlierer ansieht. Dazu gehört neben Stanischew auch ein Mann namens Simeon Sakskoburggotski. Der "letzte König Bulgariens", der im Jahr 2001 noch mit großer Mehrheit zum Premier gewählt worden war (bis 2005 im Amt), erreichte diesmal nur magere 3,5 Prozent und musste das Parlament verlassen - während der Emporkömmling Borissow mit seiner Partei die erste Parlamentswahl, zu der Gerb angetreten ist, auf Anhieb gewann.

Die Politologin Rumyana Kolarowa spricht in diesem Zusammenhang gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" von einem "permanenten politischen Erdrutsch" in Bulgarien.

40 Prozent der Bewohner des Balkan-Landes hätten ihrer Berechung nach diesmal anders gewählt als noch im Jahr 2005. 2001 schenkten die Bulgaren mit Simeon II. spontan einer politischen Randerscheinung ihr Vertrauen, 2009 kommt in Gestalt eines Ex-Leibwächters ein anderer Polit-Exot in den Genuss großer Sympathie. Wann und ob sich die politischen Verhältnisse in Bulgarien im Sinne einer gewissen Kontinuität stabilisieren, ist derzeit nicht prognostizierbar.

Von der Launenhaftigkeit der Wähler verschont wurde bei dieser Wahl die rechtsradikale Ataka-Partei. Sie war 2005 neu in das bulgarische Parlament eingezogen, zählt die Transformationsverlierer und die, die sich dafür halten, zu ihren Unterstützern und erreichte auch diesmal knapp unter 10 Prozent.