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Leben im Überschuss

Von Matthias Nagl

Wirtschaft

Weltweit gibt es zu viel Milch, der Preis ist im Keller. Was heißt das für Österreichs Bauern? Ein Hofbesuch.


Pram. Ganz Österreich, nein, ganz Europa spricht in diesen Wochen über den Milchpreis. Aktuelle und ehemalige EU-Kommissare, Minister, Molkereivertreter, Agrarpolitiker, Lobbyisten und wohl auch Hinz und Kunz. Milchquoten, Zinsstützungen, Preisabsprachen, Milchgipfel. Doch was sagen eigentlich jene dazu, die davon leben wollen, die Bauern?

Das herauszufinden ist gar nicht so einfach. Mit zahlreichen Bauern hat die "Wiener Zeitung" im Vorfeld dieses Berichts Kontakt aufgenommen, seine Meinung preisgeben wollte kaum einer von ihnen. Aus Angst vor der Reaktion von Molkereien oder Fördergebern. In der Bauernschaft kursieren wilde Geschichten über jene, die sich in die Offensive getraut haben. Franz Meingaßner berichtet dennoch bereitwillig über seine Lage. "Wenn man die Gelegenheit bekommt, etwas zu sagen, muss man sie auch nutzen", meint er. Und: "Wir besprechen hier ja nichts Verbotenes."

Meingaßners Hof im oberösterreichischen Innviertel hat vielmehr etwas Repräsentatives. Mit 40 Stück Vieh, davon 19 Milchkühen, ist Meingaßner ein Milchbauer wie viele andere in Österreich. Mit 17 Hektar landwirtschaftlicher Fläche liegt der Hof sogar ziemlich genau im österreichischen Durchschnitt der Betriebsgröße (19 Hektar). Doch der Strukturwandel, der sich nicht zuletzt im niedrigen Milchpreis zeigt, macht diesen Betrieben das Leben schwer. Meingaßner ist überzeugt: "Jetzt sind die bäuerlichen Familienbetriebe in Gefahr." Seit dem EU-Beitritt hätten viele Kleinbauern aufgrund strengerer Vorschriften aufgehört. Meingaßner glaubt, dass es dadurch auch zu einem Qualitätsanstieg gekommen sei.

Preisverfall um ein Drittel

Nun gehe es aber um das Rückgrat der österreichischen Landwirtschaft. Der Trend geht in Richtung Großbetriebe. "Die Investitionsförderung ist das Einzige, was im neuen Förderprogramm verbessert wurde", sagt Meingaßner. Das komme aber vor allem Großbetrieben zugute, da nun erst ab 15.000 Euro Investitionssumme gefördert wird. "Damit wird die Überproduktion gefördert", erklärt er. Also genau das, was zum Verfall des Milchpreises geführt hat.

Der Landwirt zeigt seine letzte monatliche Milchabrechnung von einer der größten Molkereien Österreichs. Nach ein paar Zuschlägen und Abschlägen stehen am Ende für 7151 Kilogramm Milch etwas mehr als 2000 Euro. Vor etwa zwei Jahren waren es bei etwa der gleichen Menge noch rund 1000 Euro mehr. "Bei dem Preis bleibt nichts mehr übrig. Ich kann froh sein, wenn meine Ausgaben gedeckt sind. Die Arbeit mache ich gratis. Wir leben aktuell von der Substanz", sagt Meingaßner.

Nun komme ihm zugute, dass er immer überlegt investiert habe. "Ein Haufen Schulden wären jetzt ruinös", meint Meingaßner. Er habe immer versucht, das Bestehende zu erhalten. Aus dem 1958 erbauten Stadel wurde 50 Jahre später ein moderner Laufstall, zu einem großen Teil in Eigenarbeit. In einigen Jahren wird der 60-Jährige den Hof an seinen Sohn übergeben.

Ein Umstieg auf biologische Landwirtschaft, die einen wesentlich höheren Milchpreis erzielt, ist durchaus ein Thema. "Das Problem ist aber: Ich habe keine Garantie, dass der Bio-Preis nach der Übergangsphase in zwei Jahren genauso gut ist wie jetzt." Zumal der Landwirt auf den ersten Blick bei vielen wohl als Biobauer durchgehen würde. Da fallen schon einmal Sätze wie: "Die Natur und die Tiere sind für mich eine Religion. Alles andere als verantwortungsvoll mit der Schöpfung umzugehen, wäre für mich eine Sünde."

Auf die Auszeichnung Qualitäts-Milchhof ist Meingaßner besonders stolz. "Das ist nicht selbstverständlich", sagt er. Die Kühe hält er in Weidehaltung, er legt Wert darauf, keine Medikamente und Antibiotika und nur wenig Kraftfutter zu verwenden, und dass die Milch in Österreich gentechnikfrei produziert wird. Meingaßner kennt die Vorzüge seiner Milch: "Der Anteil an positiven, einfach gesättigten Fettsäuren wie Omega 3 ist in der Weidemilch höher. Mit viel Kraftfutter steigt der Anteil der mehrfach gesättigten, negativen Fettsäuren", erklärt Meingaßner. Vereinfacht formuliert, klingt das dann so: "Die Hochleistungsbetriebe machen die Kuh zur Sau. Das Getreide aus dem Kraftfutter wäre für den Menschen auch verwertbar. Die Kühe machen unverwertbare Pflanzen für den Menschen verwertbar." Im Preis macht sich der Weideanteil freilich nicht bemerkbar. Da wird lediglich zwischen konventioneller Milch, Heumilch und Bio-Milch unterschieden.

Eine Idee gegen die Misere

Meingaßner weiß die Chance der Öffentlichkeit einer Zeitung zu schätzen. Er hat sich am Wochenende vor dem Besuch der "Wiener Zeitung" extra Gedanken für das Gespräch notiert. Darunter ist auch eine Idee, wie der Milchmarkt seiner Meinung nach fairer zu gestalten wäre. "Am besten wäre es zu lösen, wenn man die Zahl der Kühe auf die Hektar Grünland beschränkt. Dazu müsste man noch die Höchstleistung pro Kuh europaweit beschränken", erklärt Meingaßner.

Die Spitzenleistungen lägen aktuell bei über 11.000 Liter Milch pro Kuh und Jahr. "Ein Wahnsinn", sagt Meingaßner. Mit seinen Tieren liegt er bei 6000 bis 7000 Liter Milch pro Kuh und Jahr. In etwa dieser Größenordnung würde er auch die Höchstgrenze einziehen.

Wer sich für mehrere Stunden mit einem Bauern über den Milchpreis unterhält, landet bei allen praktischen Fragen - irgendwann auch bei grundsätzlichen Fragen. Etwa bei Fragen der Globalisierung, des Klimaschutzes, der Lebensmittelverschwendung, dem Trend zum Vegetarismus und Veganismus oder der Marktmacht von Handelskonzernen. Meingaßner sagt: "An der Landwirtschaft wird gut verdient, aber nicht in der Landwirtschaft." Letztendlich lässt sich vieles wieder auf den Milchpreis herunterbrechen. "Ein nicht kostendeckender Erzeugerpreis ist eine Enteignung durch die Hintertüre. Er führt zur Verschuldung der Landwirtschaft. Wenn Bauern Land verkaufen müssen, schafft das ein Angebot für finanzkräftige Investoren. Denn landwirtschaftliche Immobilien sind sehr begehrt. Den Bauern bleibt letztlich nur die Arbeit", meint Meingaßner.

Milchimporte für Billigware

Dabei sei in der heimischen Landwirtschaft nicht alles schlecht. So funktioniere etwa jenes Credo, das nach dem Wegfall der EU-Milchquote ausgegeben wurde: auf den Export setzen. "Das funktioniert schon. Unsere Qualität ist im Ausland gefragt", sagt Meingaßner. "Das Problem ist, dass viel mehr Billigware importiert wird." Das geschieht allerdings nicht in Form von Milchpackerln. Tatsächlich ist es als österreichischer Konsument schwierig, im Supermarkt etwas anderes als österreichische Milch zu bekommen. Die Importe fließen hauptsächlich in Milchprodukte und was damit verwandt ist. So wird importierte Milch etwa für die Produktion von Eis, dem Käse auf der Tiefkühlpizza oder anderen Produkten mit Spuren von Milch verwendet. Die niedrigen Preise dieser Produkte tragen das ihre zum niedrigen Milchpreis bei. Und an diesen Gegebenheiten wird auch der nächste Milchgipfel oder wer immer sonst über den Milchpreis diskutiert nicht vorbeikommen.