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Leben in der Parallelgesellschaft

Von Bernd Vasari

Politik
Autor Richard Schuberth. Foto: Derya Schuberth

3raum-anatomietheater setzt auf ein Stück Migrationstheater. | Autor Schuberth über Klischees, pathologische Ordnung und das Putzen. | Am Montag fand die Premiere des Theaterstücks "Wie Branka sich nach oben putzte" im Wiener 3raum-anatomietheater statt. Die bitterböse Parabel auf die sogenannten Ausländer- und Genderdiskurse von Autor Richard Schuberth, der sich somit ein weiteres Mal dem Thema widmet, ist eine Produktion von daskunst, inszeniert von der Regisseurin Asli Kislal. Es geht um das Leben in der Parallelgesellschaft, das eine überraschende Wendung nimmt.


"Wiener Zeitung": Welche Intention hatten Sie beim Schreiben von "Wie Branka sich nach oben putzte"? Was war Ihr Ausgangspunkt? Richard Schuberth: Mit dem Thema Ausländer/Rassismus beschäftige ich mich schon sehr lange. Wer die Bösen sind, das wissen wir. Nur sind wir deshalb die Guten? Man muss schauen, wie viel von dem, was man vorgibt zu kritisieren, vielleicht auch in einem selber drinsteckt. Das merkt man sehr stark in Migranten-freundlichen Attitüden, wo auch kulturelle Zuschreibungen, Projektionen und Klischees vorherrschen, die diese Leute von der Substanz gar nicht so weit von den Rechten trennen. Mit dem einzigen Unterschied: Die Rechten diskriminieren sie, die im weitesten Sinne Linken drehen diese Vorstellungen ins Positive um.

Welche kulturellen Zuschreibungen und Klischees meinen Sie?

Es erscheint als immer wiederkehrendes metaphorisches Motiv. Der Balkan hat etwa die Funktion, die Aussteiger und die bürgerlichen Leute von ihrer Sauberkeit, von ihrer Antisepsis und von ihrer Bravheit zu kurieren. Der Balkan ist irgendwie chaotisch, schlampig, dreckig, archaisch, zurückgeblieben und anstatt die Menschen vor diesen Klischees zu beschützen oder sie zu verteidigen, sagen dann die Alternativen: Leiwand, wir mögen es ja, wenn alles dreckig, zurückgeblieben und schlampig ist. Wir leiden ja unter dem Gegenteil.

Wie verarbeiten Sie dieses Motiv in dem Stück?

Frau Magistra Moser ist eine engagierte Kulturwissenschafterin, die für ambivalente Identitäten und für das Chaos und gegen die faschistoide Ordnung kämpft. Privat merkt sie aber, dass sie persönlich genau das Gegenteil ist. Magistra Moser leidet unter ihrer Staubphobie und sie hat Angst vor Unordnung. Die kleinbürgerliche Sozialisation hängt tief in ihr drinnen. Mit Hilfe ihrer Putzfrau Branka versucht sie sich von ihrer eigenen Bürgerlichkeit zu emanzipieren. Moser will total auf Balkan machen, politisch unkorrekte Flüche aussprechen und die ganze Zeit zu Balkanmusik tanzen. Nur ihre Branka entspricht nicht diesem Klischee. Branka hat andere Pläne. Sie will an die Wohnung ran.

Sie sind nicht nur der Autor, sondern sie spielen auch die Rolle des Captain Clean.

Susanne Rietz als Mag. Moser und Agorita Bakali als Branka, die sich nach oben putzt. Foto: Derya Schuberth

Ja, das ist richtig. Das Vorbild dieser Figur ist die Werbefigur "Meister Proper" oder "Mister Clean", wie das im angelsächsischen Raum heißt. Er verkörpert Sauberkeit und Antisepsis. Der Dreck und mit dem Dreck metaphorisch alles Ambivalente und alles was nicht in unsere gewohnte pathologische Ordnung reinpasst, muss weggeätzt werden. Er verkörpert die rechte pathologische Reconquista.

Gleichzeitig ist er sehr ambivalent. Manchmal ist er leicht schwuchtelig, dann verkörpert er wieder eine machoide Urkraft, auf die sehr viele Menschen mit autoritärem Charakter immer wieder hereinfallen. Und auch die aufgeklärte Magistra Moser ist davon nicht frei. Sie unterstellt sofort der Branka, das sie auf solche Typen abfährt. In Wirklichkeit ist die Branka da jedoch relativ neutral. Am Schluss erliegt Magistra Moser genau dem. Es ist eigentlich ein sehr böses Märchen.

Haben Sie selber eine Putzfrau?

Nein, aber bei meinem Saustall sollte ich eine haben. Das ist ein modernes Tauschverhältnis: Ich habe keine Zeit, ich zahle dir, und du putzt für mich. Die Magistra Moser hat noch so viele altmodische Vorstellungen, sie muss sich ständig rechtfertigen dafür, dass sie eine Putzfrau anstellt. Unterbewusst glaubt sie noch immer, dass da wirklich ein Herr-Knecht-, ein Aristokratie-Zofen-Verhältnis besteht, was ja nicht der Fall ist. Es ist ja eigentlich relativ horizontal. Sie läuft die ganze Zeit mit ihrem schlechten sozialen Bewusstsein herum. Dadurch verrät sie, dass sie sich sehr wohl der Klasse, aus der die Branka herkommt, überlegen fühlt.

Ist es für eine Putzfrau möglich, sich nach oben zu putzen?

In dem Titel steckt ein Zynismus, als könnte man sich nach oben putzen. Vom Tellerwäscher zum Millionär, aber vom Tellerwäscher wird man nicht Millionär, außer man dreht irgendwelche linken Dinger. Branka kann sich nicht so viel Kohle zurechtwischen, dass sie irgendwann einmal in eine andere soziale Gruppe kommt.

Die soziale Mobilität ist bei den österreichischen Unterschichten genauso gering oder vielleicht ein bisschen weniger gering als bei den migrantischen Unterschichten. Menschen, die einen Hauptschulabschluss haben, werden diesen Hauptschulabschluss auch an ihre Kinder weitergeben. Diesen Leuten dann vorzuwerfen, dass sie daran schuld sind, weil sie in ihrer Kultur oder ihrem Traditionalismus so blöd sind und weil sie sich nicht öffnen und bilden wollen, ist sehr schäbig. Man stellt ihnen nicht ausreichend Möglichkeiten zu Verfügung. Es geht nicht um Kultur, das ist ein riesiger Irrtum.

Vorstellungen: 18., 19., 20., 21. Mai 2011 (20 Uhr) 3raum-anatomietheater http://www.3raum.or.at/ LinkWebsite 3raum-anatomietheater