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Leben mit Behinderung

Von Christine von Kohl

Politik

Man nimmt dieses Buch in die Hand, wohl wissend, dass sein Thema, d.h. sein Inhalt keine leichte Lekture sein wird. Und doch, so seltsam das lauten mag: Es ist ein lesenswertes, ein wunderschön gestaltetes, fast ein heiteres Buch geworden. Gerade der Begriff "heiter" scheint fehl am Platze zu sein - er ist es deshalb nicht, weil der Tenor der zahlreichen Beiträge letzten Endes vermittelt, dass Behinderung Lebenskraft, Lebensqualität, Ehrgeiz und Kreativität nicht ausschließen muss.

So schreibt z.B. die Mutter eines Sohnes, der als Erwachsener von einer unheilbaren Krankheit befallen, sehr langsam schließlich mit 38 Jahren starb - um nur eine von vielen Stimmen der nicht-behinderten Betroffenen zu zitieren: "Marek hat uns gelehrt viel genauer zu hören. Wir sahen auch besser, wir schnupperten genauer. Marek hat uns gelehrt viel, viel, viel genauer, aufmerksam zu sein."

Die Summe der sehr unterschiedlichen Autoren und Themen macht intensiv deutlich, dass Behinderung die Betroffenen in einer mehrheitlich "nicht-behinderten" Umgebung nicht nur stigmatisiert, sondern zugleich eine ganz spezifische und dabei allgemein gültige Herausforderung an diese Umgebung bedeutet: Jedem von uns kann es widerfahren - Behinderung in nächster Umgebung, innerhalb der Familie zu erleben, oder selbst durch Unfall oder Krankheit betroffen zu werden.

Medizinische Analysen, therapeutische Theorien und Erfahrungen, Einzelschicksale und kollektive Ansätze zur Bewältigung psychischer und physischer Barrieren komplettieren das konkrete "Leben mit Behinderung". Es umfasst auch Themen wie Tanz, Schauspiel, Malerei, Musik und Sport und schließlich auch literarische Texte. Ausserdem eine Fülle an klugen und weisen Aphorismen, Zitaten aus aller Welt und allen Zeiten - darunter das unglaublich schöne Loblied auf den Tanz des Augustinus (354 bis 430).

Eine sublime Auswahl von Kinderzeichnungen und gemalten Bildern, von Fotos (u.a. der für alle Beteiligten unvergesslichen ballet-off-Veranstaltungen in der Wiener Staatsoper mit Behinderten) tragen wesentlich dazu bei, dass es sich hier nicht nur um ein Buch zu "belastenden" Themen handelt.

Es ist eine in jeder Hinsicht bereichernde Publikation, ein vertiefter und vertiefender Umgang mit einem Phänomen, das eben nicht nur die Behinderten selbst, sondern uns alle angeht. "Seien wir realistisch, fordern wir das Unmögliche", schrieb Herbert Marcuse 1968, vermutlich in ganz anderem Zusammenhang, aber denn doch auch hier zutreffend.

Leben mit Behinderung - Ein Bilder- und Lesebuch aus Wissenschaft und Praxis. (Arbeitsgruppe Sonder- und Heilpädagogik, Universität Wien: Gisela Gerber, Toni Reinelt, Helga Fasching, Johannes Gstach, Helga Schaukal-Kappus, Christine Schenz, Kornelia Steinhardt, Andrea Strachota, Regina Studener, Wilfried Dattler (Hrsg.). Preis 12 Euro (ab 1. 1. 2005 15 Euro); Bestellung an: Institut für Sozial- und Heilpädagogik, Universitätsstr. 7/NIG 6. St., 1010 Wien.