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Leben nach Corona

Von Walter Wotzel

Gastkommentare
Walter Wotzel studierte Volkswirtschaft, Rechtswissenschaften und Politikwissenschaften und wurde durch langjährige Tätigkeit beim Sozialtelefon (Bürgerservice des Sozialministeriums) zu einem profunden Kenner des österreichischen Sozialsystems. Seit bald sechs Jahren ist er im Ruhestand.
© privat

Es wird Zeit, dass in die Entscheidungsgrundlagen der Politiker zur Perspektive von Virologen und Epidemiologen auch andere einfließen.


Wir werden uns höchstwahrscheinlich damit abfinden müssen, dass Corona gekommen ist, um zu bleiben. Daran wird auch eine hohe Durchimpfungsrate, wird auch eine Impfpflicht nichts ändern, weil die Coronaviren sehr leicht mutieren. Wir werden also vor der Frage stehen, wie wir mit diesem Dauerrisiko umgehen.

Klar scheint, dass ein erneuter allgemeiner, längerer Lockdown nicht in Frage kommt, außer in Extremsituationen mit höheren Fallzahlen, als wir sie bis jetzt hatten (rasche lokale Lockdowns dagegen können Sinn machen, um Ausbreitungen hintanzuhalten). Denn die Kollateralschäden eines längeren Lockdowns (Zunahme anderer Erkrankungen, psychischer Störungen und häuslicher Gewalt, aufgeschobene Arzt- und Spitalsbesuche, wirtschaftliche Folgen wie Insolvenzen, Verarmung und weiteres Auseinanderdriften der Gesellschaft) übersteigen wahrscheinlich dessen Nutzen.

Es wird Zeit, dass in die Entscheidungsgrundlagen der Politiker zunehmend zur weiterhin erforderlichen Perspektive von Virologen und Epidemiologen auch jene von anderen medizinischen Disziplinen sowie von Psychologen, Soziologen, Erziehungswissenschaftlern, Sozialarbeitern und Ökonomen einfließen.

Künftig braucht es eine vernünftige Kombination von Maßnahmen, die die Ansteckungswahrscheinlichkeit verringern (Abstand halten, Maske tragen, Sicherheitskonzepte für Veranstaltungen, Testungen unmittelbar vor sensiblen Veranstaltungen, und zwar auch für Geimpfte und Genesene), mit solchen, die die Belastbarkeit des Gesundheitssystems noch verbessern (mehr Reservekapazitäten für künftige Pandemien aufbauen, sowohl hinsichtlich Infrastruktur als auch in Form von mehr und besser bezahltem Personal und auch sonst verbesserten Arbeitsbedingungen) und dessen derzeitige Fokussierung auf Corona überwinden. Ein Ausbau des Gesundheitssystems sollte zudem der Behandlung bisher vernachlässigter Bereiche (Psychiatrie, insbesondere der Kinderpsychiatrie, seltene Erkrankungen, Rehakapazitäten) zugutekommen.

Weniger Reisen, speziell Ersatz vieler Dienstreisen durch Online-Meetings, aber auch eine Verringerung privater Fernreisen werden einen weiteren Beitrag zur Bekämpfung dieser Pandemie (und auch künftiger) leisten, ebenso wie das teilweise Arbeiten von zu Hause. Ist alles auch gut gegen die Klimakatastrophe.

Einsicht statt Zwang und wirtschaftliche Hilfen

Überdies müssten die erzielten Fortschritte in der Behandlung von Covid in Form ständig sinkender Todesraten bald der Politik ermöglichen, unter oben genannten Rahmenbedingungen auf eine Fortsetzung von weiterem Zwang zu verzichten. Gesetzlich verordneter Zwang nützt letztlich nur, wenn auch Einsicht in die Sinnhaftigkeit des Geforderten besteht. Genau diese scheint aber zunehmend wegzubrechen. Wenn der verordnete Zwang wegfällt und sich gleichzeitig ein Großteil der Bevölkerung an Empfehlungen hält, wird der soziale Druck zu deren Einhaltung steigen, wobei die dann nur noch wenigen "Querköpfe" hoffentlich kein gesellschaftliches Problem darstellen werden.

Extrem wichtig aber ist, die durch Corona nun vollständig abgehängten Teile der Bevölkerung wieder mit ins Boot zu holen: Gegen das schon vor der Pandemie erkennbare wirtschaftliche Auseinanderdriften und die existenzielle Not der unteren 20 Prozent wird ein Programm aufzustellen sein, damit die wirtschaftliche und letztlich auch die politische Teilhabe wiederhergestellt werden kann. Denkbar sind Erhöhungen von Arbeitslosengeld, Notstandshilfe und Mindestsicherung (Sozialhilfe) und/oder ein nennenswerter Einmaltransfer für die Zielgruppe (ähnlich wie die 1.400 Dollar in den USA). Selbst wenn ein Teil der Transferleistungen in die Abdeckung von Schulden fließen mag, so wird allein der verbleibende Teil über eine hohe Multiplikatorwirkung für eine wirtschaftliche Belebung sorgen, die auch gesamtgesellschaftlich von Nutzen ist.

Kaum ein Zurück zum Leben wie vor der Pandemie

Ziel der Politik während der Pandemie war nicht nur, eine Überlastung wesentlicher Bereiche des Gesundheitssystems zu vermeiden, sondern auch, das weitgehende Funktionieren sogenannter systemrelevanter Bereiche zu gewährleisten. Von dem haben letztlich vor allem jene profitiert, die sich an der Spitze der Einkommens- und Vermögensverteilung befinden. Ein befristeter Solidarzuschlag auf die Einkommensteuer sowie die - im internationalen Vergleich längst fällige - Wieder-einführung vermögensbezogener Steuern (die Vermögensungleichheit ist in Österreich besonders hoch) werden hier wohl eine wichtige Rolle spielen (Stichwort: Erbschaftssteuer). Es kann aber nicht ausgeschlossen werden, dass der Mittelstand ebenfalls einen Beitrag für den gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten wird müssen, wobei dieser durchaus auch als Kredit an die öffentlichen Hände konstruiert werden kann, also wieder zurückzuzahlen ist, wenn die wirtschaftliche Krise überstanden ist.

Können wir also wieder zum Leben wie vor der Pandemie zurückkehren? Wohl nicht. Nicht nur hat uns die Pandemie gelehrt, dass sie auch mit unserem Lebensstil zu tun hat (zu starke Globalisierung sorgt für raschere Verbreitung von Pandemien). Viel spricht auch dafür, dass unser auf immer mehr Konsum basierendes Wirtschaftssystem nicht nachhaltig ist, nicht im nationalen Rahmen und schon gar nicht global. So betrachtet, kann die Corona-Pandemie sogar ihr Gutes haben: Sie lässt uns hoffentlich auch darüber nachdenken, was wir gegen die drohende Klimakatastrophe tun können. Je früher wir (hier auch global) gegensteuern - etwa nach dem Motto: "mehr Qualität statt Quantität" -, desto weniger Einschränkungen werden wir hinnehmen müssen. Wobei die stärker industrialisierten Länder vermutlich den größten Handlungsbedarf haben.