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Leben ohne die Wahrheit an sich

Von Stefan Beig

Wissen

Jacques Derrida ist berühmt und umstritten. | Dass seine Philosophie keine Wahrheit zulässt, bestreiten seine Kenner. | Wien. Können wir ohne ein Wissen von der Wahrheit an sich leben? Können wir gerecht handeln, ohne zu wissen, was Gerechtigkeit als solche eigentlich ist? Diese Fragen beschäftigten in den letzten Jahrzehnten viele Denker, die die Überzeugung teilten, dass am Ende der Moderne die Wahrheit selbst abgedankt hat. Pauschal werden sie oft der sogenannten Postmoderne zugeordnet.


Einer jener Philosophen wäre diese Woche 80 Jahre alt geworden: Jacques Derrida. Im Oktober 2004 erlag er einem Krebsleiden. "Auf deutschsprachigen Philosophieinstituten wird Derrida noch immer mit großer Zurückhaltung rezipiert", bemerkt der Philosoph Matthias Flatscher. Zu Unrecht gelte Derrida als postmoderner Philosoph. "Derrida hat sich gegen diese Etikettierung verwehrt. Was bei uns als Postmoderne bezeichnet wird, ist eine Verlegenheitsbezeichnung für unterschiedliche Denkansätze aus Frankreich seit den 1960er Jahren, die wegen ihrer Heterogenität nicht unter ein Schlagwort zu subsumieren sind."

Geprägt vom Antisemitismus

Derrida wurde 1930 als Sohn assimilierter Juden in Algerien geboren. Mit zwölf Jahren musste er die Schule verlassen, weil die Quote für jüdische Schüler auf sieben Prozent gesenkt wurde. Während des Studiums in Paris litt Derrida unter psychischen Problemen und fiel bei mehreren Prüfungen durch. Nachhaltig berühmt wurde er durch seine Werke "Die Schrift und die Differenz", "Grammatologie" und "Randgänge der Philosophie". In ihnen versucht er die Aporien abendländischen Philosophie aufzuzeichnen, ohne dabei - wie Derrida-Kenner betonen - einen relativistischen Standpunkt zu vertreten, der die Bedeutung von Wahrheit für den Menschen leugnet.

"In einer Zeit, in der man erkannt hat, dass Wahrheit als solche nicht fassbar ist, schafft es Derrida einen Sprachmodus zu beschreiben, in dem Wahrheit, Gerechtigkeit und Verantwortung dennoch zum Ausdruck gebracht werden können", betont der Wiener Theologe und Philosoph Peter Zeillinger, der mehrere Studien zu Derrida publiziert hat. Derrida zeige, wie man sich an Wahrheit und Gerechtigkeit ausrichte, ohne dabei definieren zu können, "was das eigentlich ist".

Mit dem traditionellen Wahrheits- und Sprachverständnis hat Derrida gebrochen. "Die Schrift fungierte in der Tradition als Medium, um etwas Vorgängiges nachträglich zum Ausdruck zu bringen", so Zeillinger. "Die Reihenfolge war: Geschehen - Aufschreiben - Schrift." Laut Derrida gibt es aber keine unmittelbar erfasste Wirklichkeit mehr, die wir danach in Schriften festhalten. "Nicht nur in der Schrift gibt es keine Unmittelbarkeit, sondern auch im Erfassen der Phänomene oder im Hören der Stimme des Anderen."

Für Derrida ist alles Schrift, weil nichts unmittelbar erfahren werden kann. "Derrida ist als Denker der Schrift bekannt geworden", erzählt Matthias Flatscher. "Er machte deutlich, inwiefern alles Schriftcharakter besitzt. Damit ist nicht gemeint, dass die ganze Welt aus Buchstaben besteht, sondern dass alles, was vernehmbar ist, uns auf vermittelte Weise begegnet. Diese Art der Vermitteltheit nennt Derrida Schrift." Eine zentrale Aussage von Derrida lautet: "Es gibt kein Außerhalb des Textes."

Da nichts unvermittelt ist, muss alles erst - deutend - gelesen werden. "Wir kommen immer zu spät", so Zeillinger. "Wir kommen an einen letzten Ursprung nicht heran. Dennoch wird ein solcher Ursprung nicht einfach geleugnet." Wie soll man sich ihm nähern? Zeillinger: "Derrida ist kein Rezeptgeber, sonst wäre er Ideologe. Er zeigt, wie wir mit dieser Vermitteltheit und Nachträglichkeit umgehen können. Wir müssen lernen, vermeintliches Wissen durch konkrete Verantwortung zu ersetzen." Darum gehe es bei seinem bekannten Begriff "Dekonstruktion".

Dieser Terminus - zusammengesetzt aus "Destruktion" und "Konstruktion" - hat weite Verbreitung gefunden. Selbst in der Kunst gibt es den Dekonstruktivismus. Was ist gemeint? Es gehe darum, eine Konstruktion von innen, von den eigenen Prämissen her, als eine solche zu entlarven, ohne ihr eine "bessere" Konstruktion entgegenzuhalten, erklärt Zeillinger. Matthias Flatscher meint, man könne darunter eine "affirmative Lektüre der Tradition" verstehen, "die überkommene Fundierungsverhältnisse auf ihre Stringenz hin überprüft und zeigt, inwiefern scheinbar sichere Fundamente durch interne Widersprüche ins Wanken geraten."

Peter Zeillinger betont, dass zu Dekonstruktion der Gestus des "Zeugnisgebens" gehöre, durch den sich auch der heutige Mensch an Wahrheit und Gerechtigkeit ausrichten könne. Das zeige eine Gerichtsverhandlung, bei der sich das ursprüngliche Ereignis - etwa ein Mord - nicht mehr einholen lässt. Man ist auf Zeugen und Gutachter angewiesen. "Das Recht hat kein Problem damit, dass es zu einander widersprechenden Zeugenaussagen kommt; problematisch wird es, wenn jemand aus Eigeninteresse das, was er erlebt hat, nicht so wiedergibt, wie er es eigentlich sieht. Dann wird die Zeugenaussage zum Meineid." Zuletzt müssen Richter oder Geschworene für ihr Urteil geradestehen und die Verantwortung dafür übernehmen, dass es nicht von Eigeninteresse geleitet wird. Gibt es also das gerechte Urteil?

Demokratie "Im Kommen"

"Nichts kann als solches schon Gerechtigkeit sein", betont Zeillinger. Jedoch bleibe Gerechtigkeit die unhintergehbare Idee. Entscheidend sei der Umgang mit dem Urteil: "Erst die Möglichkeit der Berufung ist die Garantie dafür, dass die Möglichkeit universaler Gerechtigkeit nicht ausgeschlossen ist." Diese Ermöglichung zeichne ein gerechtes Rechtssystem aus. Ebenso die Demokratie: Da sie sich nicht mit einem Absolutheitsanspruch erzwingen lässt, ist auch sie nicht einfach gegenwärtig, sondern im Kommen - Demokratie verstanden als Versuch, den Ansprüchen menschlichen Zusammenlebens politisch gerecht zu werden.

Zeillingers Schlussfolgerung: "Nicht das Urteil oder die politische Handlung als solche bewirken für Derrida Gerechtigkeit, sondern das Sich-Ausrichten an der Zukunft, für die wir jetzt Verantwortung übernehmen müssen. Die Politik nach dem Verschwinden der Letztinstanzen muss sich für diese Zukunft offen halten. Der Populist oder Fundamentalist meint die Zukunft schon zu wissen und festhalten zu können."