Lebenslust und Ausschweifung

Von Christian Pinter

Wissen
Darstellung des Dionysos in der Athener Metro-Station Akropoli.
© Pinter

Eine Annäherung an den griechischen Gott des Weines und der Ekstase.


Bei Menschen ist die Mutter bekannt, der Vater nicht immer. Beim göttlichen Dionysos war es umgekehrt. Er hat verschiedene Mütter - je nachdem, wen man fragt. Oft wird die Königstochter Semele aus Theben genannt. Zeus ist in sie verliebt. Die eifersüchtige Zeusgattin Hera taucht bei Semele in Gestalt einer alten Amme auf und schürt Zweifel. Ihr Geliebter sei ein Hochstapler, raunt sie, er gäbe sich nur fälschlich als Zeus aus. Semele solle ihn auf die Probe stellen und ihn bitten, sich in seiner wahren göttlichen Gestalt zu zeigen. Als Zeus dies widerwillig tut, geht alles in Flammen auf. Auch Semele verbrennt. Zeus schneidet sein ungeborenes Kind aus Semeles Bauch und trägt es in seinem eigenen Schenkel aus.

Zum Stillen übergibt er den Säugling den Waldnymphen. Aus Sorge vor der Rachsucht seiner Gattin verwandelt er das Kind zeitweilig in einen Ziegenbock. Hera will diesen Fleisch gewordenen Fehltritt ihres Göttergatten tatsächlich töten. Sie befreit die Titanen aus dem finsteren Tartaros, einer tief unter der Erde liegenden, uns höllisch anmutenden Strafstätte. Die locken den kleinen Dionysos mit einem Spiegel und Spielsachen an. Dann zerstückeln sie ihn, kochen seinen Leichnam und beginnen, sein Fleisch zu verspeisen. Als Zeus dies sieht, schleudert er einen Blitz auf die Mörder. Im aufsteigenden Rauch ist Titanisches mit Dionysischem vermengt. Daraus, so eine Erzählung, entsteht das Menschengeschlecht. Wir sind also nichts anderes als Rauch, Asche und Ruß!

Der erste Winzer

Die unverbrannt gebliebenen Leichenteile des Dionysos, Herz inklusive, werden eingesammelt und zusammengesetzt. Zeus - oder dessen Mutter Rhea - haucht ihnen neues Leben ein. So überwindet Dionysos den Tod. Doch er muss weiterhin auf der Hut sein. Die eifersüchtige Hera schlägt ihn mit Wahnsinn und Raserei, die solcherart gleichsam zu Attributen dieses Gottes geraten. Ein anderes Mal fangen ihn ahnungslose Seeleute, wollen ihn als Sklave verkaufen. Als die Menschenräuber merken, wen sie da in Banden gelegt haben, springen sie ins Meer und werden zu Delphinen.

Auch der Thrakerkönig Lykurgos ist dem Dionysos übel gesinnt. Er wird mit Wahnsinn gestraft und tötet seinen eigenen Sohn mit der Axt; im Irrglauben, er hätte einen Weinstock vor sich. Pentheus, der König Thebens, will den Gott Dionysos ebenfalls nicht anerkennen - obwohl dessen Mutter Semele doch aus Theben stammte. Zur Strafe wird er von seiner eigenen Mutter für ein Tier gehalten. Er findet einen schlimmen Tod.

Diese Terrakottavase in der Athener Stoa des Attalos stellt Dionysos dar.<!-- [if gte mso 9]><![endif]--><!-- [if gte mso 9]>Normal021falsefalsefalseDE-ATX-NONEX-NONE<![endif]--><!-- [if gte mso 9]><![endif]--><!-- [if gte mso 10]><![endif]-->
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Dionysos will die ganze Welt in die Kunst des Weinbaus einführen. Er beginnt damit bei Ikarios. Der frisch ausgebildete Winzer bietet den Wein attischen Hirten an. Die trinken ihn unmäßig und unvermischt. Als ihnen übel wird, wähnen sie sich vergiftet und töten Ikarios. Dessen Tochter Erigone erhängt sich daraufhin. Der erzürnte Gott sucht Athen zur Strafe mit einer Suizidwelle heim, der zahlreiche junge Frauen zum Opfer fallen. Sie endet erst, als die Stadt das Schaukelfest einführt: Mädchen schaukeln in Bäumen und stellen so Erigones Tod nach.

Auf Naxos entdeckt Dionysos die schöne Prinzessin Ariadne, die eigentlich mit dem Athener Königssohn Theseus von der Insel Kreta geflohen ist. Doch dann segelte Theseus, warum auch immer, alleine weiter. Dionysos nimmt sich der Verlassenen an und macht sie zu seiner Braut. Er schenkt ihr einen mit Edelsteinen geschmückten Kranz, der später an den Himmel versetzt wird. Als Sternbild "Nördliche Krone" ist dieses Diadem noch immer zu sehen. Als Ariadne später stirbt, rettet Dionysos sie aus der Unterwelt; ebenso wie seine Mutter Semele.

Wo Dionysos ist, fließt der Wein in Strömen. Frauen und Männer begleiten ihn. Der Gott enthemmt sie, sodass sie schreiend, lärmend und tanzend durch die Städte ziehen. "Wohin man auch geht, erschallt das Geschrei junger Männer, dazu Frauenstimmen und der Schlag flacher Hände auf Pauken", weiß Ovid: "Es erklingen hohle Erzbecken und Schalmeien aus Buchsbaum ..."

Ein Satyr auf einem ähnlich erregten Esel: Stoa des Attalos, Athen.
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Im Gefolge des Gottes sieht man tanzende Nymphen - das sind weibliche Naturgeister der Bäume, der Flüsse oder der Berge. Ebenso Satyrn: derbe, lüsterne Mischwesen mit Pferde- oder Eselsohren, manchmal mit Bockfüßen und häufig mit Dauererektion. Sie stehen für die ungezähmte, fruchtbare Natur. Eines dieser Wesen erzog den Gott einst: Dieser Silenos ist nun ein stets trunkener Alter, der sich bloß mit Mühe auf dem Eselsrücken hält.

Dionysos selbst erscheint mitunter als Stier oder Ziegenbock. Diese Tiere werden ihm auch geopfert. Tiger und Panther begleiten ihn. Die zügellosen Frauen im Triumphzug des Gottes heißen Mänaden. Dieser Name leitet sich vom griechischen manía (Wahnsinn, Raserei) ab. In der Psychologie wird der Begriff "Manie" heute für eine affektive Störung verwendet, bei der Antrieb, Stimmung und Aktivität außerordentlich gesteigert sind.

Kultur statt Natur

Auch unsere Umgangssprache lässt stark erhöhtes Interesse gern zur "Manie" geraten: Kleptomanen stehlen, Pyromanen legen Feuer, Mythomanen lügen und Bibliomanen horten zwanghaft Bücher. Frauen und Männer mit allzu häufig wechselnden Sexualkontakten leiden unter Nymphomanie bzw. Satyromanie - beide Begriffe gelten freilich als veraltet.

Im Florentiner Bargello findet man diesen marmornen Bacchus aus dem 16. Jh.
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Der göttliche Dionysos trägt zahlreiche Beinamen: darunter Bakchos (Rufer), wovon sich der lateinische Name Bacchus ableitet. Die Mänaden werden daher auch Bakchai (Bacchantinnen, Bakchen) genannt. Die manischen Mädchen kleiden sich nachts in Reh- oder Hirschfelle, zerreißen Tiere und verzehren deren rohes Fleisch - ein archaischer Vorgang. Sie sind in Ekstase gefangen, also gewissermaßen "aus sich heraus getreten" und dafür von Dionysos besessen. Dieses göttliche Erfülltsein heißt damals "enthousiasmós", worin wiederum das griechische Wort "theós" (Gott) steckt. Heute widmet sich ein Enthusiast einem profanen, also weltlichen Interesse oder Hobby; wenngleich mit leidenschaftlicher Begeisterung.

Außergewöhnliche Bewusstseinszustände erreichen die Mänaden unter anderem durch Musik, Tanz, Getränke und das gemeinsame Erleben der Kulthandlungen. Die kurzzeitige rituelle Entgrenzung, der rauschhafte Taumel, die ungezügelte Sexualität, die Ekstase - all das ist ein Ventil für Unterdrücktes. Womöglich holt der Dionysoskult Verdrängtes ins Bewusstsein, löst so manche seelische Verkrampfung. Für Homer ist Dionysos jedenfalls die "Wonne der Menschen", und Vergil sieht in ihm einen "Spender der Lust".

Die alten Griechen blicken einem traurigen Jenseits entgegen: Auf sie wartet der düstere, kalte, abwechslungslose Hades: kein Ort der Qualen, aber auch keine erstrebenswerte Destination. Dionysos aber hat einst den Tod besiegt. Die Männer fühlen sich ihm nahe, ja ähnlich. Frauen spielen im damaligen gesellschaftlichen Leben meist nur sehr untergeordnete Rollen. Hier aber wähnen sie sich als Dionysos’ Braut Ariadne. Das Glücksgefühl im Hier und Jetzt soll Vorgeschmack sein auf eine Glückseligkeit im Jenseits. Den Toten werden Goldplättchen mitgegeben, die sie im Hades vorzeigen wollen. Auf diesen Empfehlungsschreiben für die Unterwelt ist festgehalten: Dionysos selbst hat sie erlöst.

Dionysos ist der Gott der Lebenslust und des Rausches. Man verehrt ihn an vielen Orten Griechenlands. Angesichts der Ausschweifungen entsteht aber auch früh der Wunsch, das Geschehen in geordnete Bahnen zu lenken. Man zähmt den Kult, indem man ihn etwa in den Festkalender einbaut. Kultvereine bilden sich dafür. Das orgiastische Treiben wird inszeniert und erhält so einen bürgerlichen Rahmen. In Athen huldigt man dem Gott gleich mehrmals im Jahreslauf - und zwar jeweils in etwas unterschiedlicher Weise.

Im Rahmen der Anthesterien findet das erwähnte Schaukelfest statt. Im folgenden Mondmonat steigen die städtischen Dionysien. Der Festzug ist ausgelassen: Die Schar mimt das laute Gefolge des Dionysos. Sie trägt Masken, Kostüme oder Bockfelle. Männer schlüpfen in die Rolle von Satyrn. Es geht wohl zu wie bei einem wilden Karnevalsumzug. Man nimmt sich allerlei Freiheiten und beschimpft Umstehende. Die Teilnehmer trinken unverdünnten Wein um die Wette. Eine Horde Betrunkener ergießt sich auf Athens Straßen. Die Sklaven speisen am Tisch ihrer Herren.

Tragödie & Komödie

An die tausend Sänger bilden Chöre, die sich zum Wettstreit einfinden. Im Jahr 534 v. Chr. tritt erstmals ein Solist aus einem solchen Chor heraus - der Ersthandelnde, der Protagonist. Bald folgt ein zweiter, der Gegenspieler, Antagonist. So entsteht aus dem Bocksgesang die Tragödie: Die Ode ist der Gesang, tragos der griechische Bock. Der Schauplatz wechselt von der Athener Agora ins Dionysos-Heiligtum am Fuße des Akropolisfelsens. Dort bricht man ein Kreissegment heraus, umsäumt es mit Sitzstufen aus Stein und Holz. Dieses Dionysos-Theater wird Jahrhunderte lang zur Bühne aller wichtigen Theaterereignisse.

Das Theater im Athener Dionysos-Heiligtum war Schauplatz des Tragödien- und Komödien-Wettstreits.
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Die Dichter stellen sich einem Wettkampf, die Juroren sind aus der Bürgerschaft gewählt. Aischylos, Euripides und Sophokles schreiben etwa 300 Stücke. Die allermeisten gehen verloren. Aischylos siegt 13 Mal. Von ihm stammt das älteste aller heute noch erhaltenen Theaterstücke: "Die Perser" handelt von den Perserkriegen, die 480 v. Chr. in der Seeschlacht von Salamis gipfelten.

Die Schauspieler treten in hohen Schuhen und mit Masken auf, die die Gesichtszüge überzeichnen. Es sind allesamt Männer. Aus dem erwähnten, höchst ausgelassenen Festumzug, dem komos, entsteht die Komödie. Dabei werden Persönlichkeiten des Athener Lebens und deren Ehefrauen aufs Korn genommen.

Das Drama überlebt den Gott. Im heutigen Griechenland erinnert der Vorname "Dionysios" an ihn. In England oder Frankreich leiten sich "Dennis" bzw. "Denis" und "Denise" von ihm ab. Und so mancher Weintrinker beteuert, dem Gott des Rausches noch immer zu huldigen.

Christian Pinter, geboren 1959, arbeitet als freier Wissenschaftsjournalist in Wien. Er schreibt seit 1991 im "extra", zumeist über Astronomie und Raumfahrt. Im Internet: www.himmelszelt.at