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Lebensmittelpakete für Europäer

Von Martyna Czarnowska

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Armutsbekämpfung mitten in der EU: Rund eine Million Hilfspakete sollen in Lettland verteilt werden.


Die Karten waren oft rosa. Nicht viel größer als zwei nebeneinander liegende Zigarettenschachteln, hatten sie in der Mitte eine Produktbezeichnung und rundherum ungefähr ein Quadratzentimeter große Streifen zum Abschneiden. Und sie berechtigten zum Kauf von Zucker, Milch oder Fleisch - wenn es dies in den Geschäften überhaupt gab.

Lebensmittelkarten: Nicht für alle Europäer sind sie etwas weit Entferntes, was sie nur aus Erzählungen ihrer Großeltern über die Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg kennen. In Polen etwa wurden sie 1976 wieder eingeführt, zunächst für Zucker, später auch für Mehl, Öl, Süßigkeiten, Seife. Es gab Papiere zum Abschneiden, Stempelkarten oder auch Bestätigungen. So durfte jemand, der ein Kilogramm Altpapier ablieferte, mit der Bestätigung von der Sammelstelle eine Rolle Klopapier kaufen. Es ist gerade einmal 21 Jahre her, dass die Karten abgeschafft wurden.

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Polen trat vor sechs Jahren der Europäischen Union bei - gemeinsam mit neun anderen ost- und südeuropäischen Staaten. Die Zeiten, in denen Nahrungsmittel knapp waren, ihr Verkauf reglementiert wurde und sich vor den Geschäften lange Schlangen bildeten, sind vorbei. Orangen und Bananen sind ebenso erhältlich wie ausländische Kosmetika oder Markenjeans. In den Straßen von Riga sind neueste Automodelle von BMW ebenso zu sehen wie in Berlin; die Altstadt von Prag wird ebenso sorgfältig restauriert wie Wien. Logos von Zara oder Chanel sind in Budapest, Sofia, Bukarest wie in Paris, Madrid, Mailand zu finden.

Es gibt alles zu kaufen, doch einige Bürger der EU können sich auch heute nicht einmal wichtige Lebensmittel leisten. In Riga, der Hauptstadt von Lettland, werden an die 20.000 Menschen als so arm eingestuft, dass Grundnahrungsmittel an sie verteilt werden. Rund eine Million Lebensmittelpakete werden heuer geschnürt, das Rote Kreuz verteilt, die EU finanziert das Programm. Die Pakete enthalten verschiedene Mehlsorten, Milchpulver und je zwei Liter Milch, berichtete die lettische Tageszeitung "Diena".

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Die regionalen Unterschiede innerhalb der EU werden nur langsam kleiner. Während manche Gebiete in Slowenien entwickelter sind als der Süden Österreichs, werden einige Gegenden Rumäniens laut Schätzungen noch 40 Jahre brauchen, um es auf einen ähnlichen Wohlstand zu bringen wie etwa Nordfrankreich. Unterschiedlich waren denn auch die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die EU-Länder. Eines der am stärksten davon betroffenen war Lettland.

Die Wirtschaft in dem baltischen Land mit seinen knapp 2,3 Millionen Einwohnern schrumpfte im Vorjahr um 18 Prozent; fast jeder fünfte Mensch dort ist ohne Arbeit. Erst vor kurzem gab der Internationale Währungsfonds eine weitere Kreditrate in der Höhe von knapp 150 Millionen Euro an Lettland frei.

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Der Marshall-Plan, das wichtigste wirtschaftliche Wiederaufbauprogramm der USA für Europa nach dem Zweiten Weltkrieg, umfasste lediglich westeuropäische Länder. Polen, die Tschechoslowakei oder Ungarn waren davon ausgenommen, die Sowjetunion - deren Teil Lettland damals war - sowieso.

Der Marschall-Plan beinhaltete auch Lebensmittellieferungen, bekannt geworden als Care-Pakete. An die hundert Millionen davon wurden in den 40er Jahren ausgegeben. In Österreich war es etwa eine Million. So viele Lebensmittelpakete werden nun in Lettland verteilt.