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Lebensqualität schlägt Status: Was uns 2030 wirklich wichtig sein wird

Von Hermann Sileitsch

Analysen

Sollen die richtigen Lehren aus der Krise gezogen werden, braucht es unkonventionelle Ideen. Zwar werden Vorschläge, die noch vor wenigen Jahren als radikale Spinnereien gegolten hätten, jetzt ernsthaft debattiert: Kann Wirtschaft ohne Wachstum auskommen? Was könnte das Bruttoinlandsprodukt als Maßzahl des Fortschritts ersetzen?


Viele Debatten verlaufen freilich im Sand, weil die Diskutanten zu sehr in alten Denkmustern verhaftet sind. Einer, der erfrischend unkonventionelle Anstöße liefert, ist der Wiener Freizeitforscher Peter Zellmann. Den oftmals beschriebenen Wandel vom Industrie- hin zum Dienstleistungszeitalter sieht er nicht etwa als eine simple Ablöse von Produktionsprozessen, die durch die maschinelle Fertigung, die daraus resultierenden Personaleinsparungen und die Arbeitsteilung in einer globalisierten Welt getrieben ist.

Im Gegenteil: Das sei die antiquierte Sicht des Industriezeitalters, sagt Zellmann - der damit nicht die Bedeutung der Industrie geschmälert wissen will. Der neue deutsche Bundespräsident Christian Wulff habe freilich die Zeichen der Zeit nicht verstanden, wenn er Deutschland und Co als "entwickelte Industriegesellschaften" bezeichnet.

Zellmann beschreibt die Zeitenwende als einen fundamentalen Wandel in der Lebenseinstellung der Menschen, der sich seit 1970 abzeichne und 2030 abgeschlossen sein werde: Diese zwei Generationen definierten sich nicht mehr über Statussymbole oder allgemeine Lebensstandards, sondern über völlig individuell definierte Ziele von Lebensqualität (stets vorausgesetzt, der Einzelne kann sich das fernab von Existenznöten leisten).

Ob Bildung, Arbeitswelt oder Freizeit: Alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens werden von dieser Einstellung geprägt sein: "Nicht der Mensch ist für die Wirtschaft da, sondern die Wirtschaft für den Menschen." Schon heute sei die Vereinbarkeit von Beruf und Familie das Hauptanliegen der 35-Jährigen: "Wenn das gewährleistet ist, akzeptieren sie sogar zehn Prozent weniger Einkommen."

Die derzeitige Wachstumshörigkeit werde somit künftig ebenso überholt sein wie heutige Beschäftigungsverhältnisse: In der Zukunft suche sich der Einzelne seine Beschäftigung mit unternehmerischen Freiräumen - teils auch in unselbständiger Tätigkeit. Auch wenn die Arbeitswelt von heute darauf nicht vorbereitet sei: 2030 würden Lebensarbeitszeitkonten ebenso eine Selbstverständlichkeit sein wie ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Den Vorwurf, er schlage sich zulasten der Wirtschaft stets auf die Seite der Arbeitnehmer, lässt Zellmann nicht gelten. Die Trennung in Arbeitgeber und Arbeitnehmer werde ebenso obsolet wie die Sozialpartnerschaft. Damit nicht genug: "Für die Menschen sind Gegensätze wie ökologisch/ökonomisch, Mann/Frau, Spaß/Leistung längst keine Kategorien mehr."

Lediglich die Entscheidungsträger hinkten hinterher. So erkläre sich auch die Politikverdrossenheit - auf den Alltag junger Menschen habe es schlicht keinen Einfluss, welche Partei den Bundeskanzler stellt .. .