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Leerplatten über die Elitewelt

Von Engelbert Washietl

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Der Autor ist Vorsitzender der "Initiative Qualität im Journalismus"; zuvor Wirtschaftsblatt, Presse, und Salzburger Nachrichten.

Sind Sie auch schon eine "Legende", ein "Idol", wenigstens "Sir" oder "Trendsetterin"? Wenn nicht, würde ich mir Sorgen machen. | Es könnte an Ihrem Charakter liegen.


Weil der Sommer zurückgekehrt ist und die Halbgratispostille "Österreich" in ihrer jüngsten Sonntagsausgabe die Salzburger Festspiele als eine Art Rotlicht-Enklave an der Salzach outete und bereits auf der Titelseite "Sex-Fotos" der Buhlschaft in Aussicht stellte, sei die Frage gestellt: Erreicht der Schnickschnack der Society-Berichterstattung erst dann einen Plafond, wenn sich die Society - egal ob in Kultur, Politik oder Wirtschaft - ebenfalls völlig vertrottelt den Gesetzen dieser Publicity unterworfen hat?

Denn der Life-, Style- und Society-Trip in den Massenmedien ist ja nicht auf eine bestimmte Zeitung oder Ebene beschränkt, er grassiert universal und - man blicke durchs Schlüsselloch in das weit geöffnete Privatleben des Ehepaares Nicolas und Carla Sarkozy - international.

Bei uns wird die Moderatorin Arabella Kiesbauer, die vor sieben Monaten ein Kind gebar, als "Power-Mama" ausgeschrieben. Eine Power-Mutter ist, sofern man die Begriffsdrechslerei der Klischeewerkstatt ins reale Leben übersetzt, ein blanker Horror. Damit ist natürlich nur die Power-Mama generell und nicht etwa Kiesbauer gemeint. Bei ihr ist höchstens die Vorstellung Schrecken erregend, sie könnte nicht nur zu Starmania zurückkehren (was sie vorhat), sondern auch noch einmal für den ORF moderierend den Opernball begleiten.

Sobald es um Gesellschaftliches geht, laufen die hohlen Phrasen auf uns Journalisten regelrecht zu. Insofern sitzt jeder Journalist, der sich darüber mokiert, im Glashaus. Wer wollte schon schwören, noch nie jemanden zum 80. Geburtstag oder nach seinem Hinscheiden zur "Legende" erhoben zu haben? Legende was? Legende eben, was sonst noch! Wetten, Bundeskanzler Alfred Gusenbauer werden wir spätestens zum Siebzigsten einen "legendären" Umgang mit Mikrophonen nachsagen, die er entweder ignoriert oder übersehen hat. Was den Umgang mit seiner Partei betrifft, ist der Mann schon jetzt eine Legende.

Das begriffliche Vakuum der Legendenschreiberei hat geologische Schichtungen. Wenn Gusenbauer oder vielleicht auch einmal Willi Molterer Legenden werden können - niemand wird sie je "Idole" nennen, obwohl die Society- und "Leute"-Seiten die Idole scharenweise vor sich hertreiben. So weit bringen es Politiker trotz ihrer Seitenblicke-Fixation nicht. Wer hingegen den Kopf aus dem Fenster steckt und ausgiebig verrauscht aussieht, ist ein Idol.

Was wären die Elogen, Preisreden und Nachrufe ohne den Stoff der Leerplatten über die Elitewelt. Wäre Helmut Elsner nicht in U-Haft geraten, würde man später von ihm sagen, er sei ein "Herr" gewesen. Bei Frauen funktioniert dieser Trick auch, ist aber absturzgefährdend. Sowohl bei "sie ist eine Dame" als auch "sie ist eine Lady" ist die Reaktion der Betroffenen nicht kalkulierbar.

Zurückkehrend zu den Salzburger Festspielen sei außerdem darauf aufmerksam gemacht, dass mit dem Titel "Ikone" starker Eindruck zu machen ist.

Vor allem auch dann, wenn eine Sängerin aus Russland stammt, jenem Land, in dem Ikonen offenbar im Tagbergbau gewonnen werden, so zahlreich sind sie. Umständehalber singt sie diesmal nicht mit, aber Ikone bleibt sie auf jeden Fall.

Sind Sie auch schon ein "Monument", ein "Highlight", das "Megatrends" vorgibt, oder wenigstens ein "Sir"? Wenn nicht: üben, üben. Und beachten, dass Society-taugliche Charaktere meist selber so hohl sein müssen wie Schokoladeosterhasen.