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"Lehman passiert nicht noch einmal, sondern etwas anderes"

Von Stefan Melichar

Wirtschaft

Seit Crash anderer Umgang mit maroden Systembanken. | "Mindestkapital wie Leitzins heben und senken." | Wien. Auf den Tag genau zwei Jahre ist es her, dass das globale Finanzsystem mit der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers einen Super-GAU erlebt hat. Viele der Maßnahmen, die seither gesetzt wurden, dienten zur Akutbehandlung der Krisenfolgen. Mit den kürzlich präsentierten schärferen Eigenkapitalregeln für Banken soll nun ein Beitrag in Sachen Krisenprävention geleistet werden.


Franz Hahn, Finanzmarktexperte beim Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo, begrüßt im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" die Grundrichtung der bisherigen wirtschaftspolitischen Bemühungen. Die Frage sei jedoch, ob diese weit genug gehen würden. Die unter dem Schlagwort "Basel III" bekannten neuen Eigenkapitalregeln, die Banken größere finanzielle Sicherheitspölster in der Bilanz vorschreiben, seien "ein erster Schritt", sagt Hahn. Offen wäre allerdings eine vorausschauende Steuerung des Finanzsystems durch die Aufsichtsbehörden.

Vorausschauend steuern

Man müsse das Risikoverhalten der Finanzinstitute "über den Konjunkturzyklus" steuern, damit diese nicht in guten Zeiten beginnen, leichtfertig riskante Kredite zu vergeben. Dies würde nämlich zu Spekulationsblasen führen.

Zwar sehen die Basel-III-Regeln vor, dass Banken in Zeiten exzessiven Kreditwachstums - zum Abfedern späterer Verluste - um bis zu 2,5 Prozent mehr Eigenkapital aufbauen müssen. Bisherigen Vorschlägen zufolge soll dies jedoch auf nationaler Ebene verordnet werden, was Hahn für wenig zielführend hält.

Zu großer Druck

Nationale Behörden würden dem Druck nicht standhalten, wenn sie die Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Banken einschränken müssten, so der Experte. Die Entscheidung müsse von einer supranationalen Institution - etwa auf europäischer Ebene - ausgehen.

Hahn plädiert jedoch ohnehin für ein viel grundlegenderes System: Ähnlich wie Notenbanken ihre Leitzinsen erhöhen oder senken, sollten auch Aufsichtsbehörden die Mindestkapitalquoten für Banken - den erwarteten Gegebenheiten entsprechend - variabel gestalten dürfen. Kapitalpuffer - wie in Basel III vorgesehen - seien irgendwann einmal aufgefüllt und dann keine ausreichende Bremse mehr.

Wenig Konkretes ist bisher aus den Plänen geworden, ein schonendes Konkursverfahren für marode Systembanken einzuführen. Hahn glaubt, dass mangels Vergleichbarkeit der einzelnen Fälle ohnehin kein standardisiertes Prozedere möglich wäre. Wichtig sei, dafür zu sorgen, dass eine Bank, deren Zusammenbruch das ganze Finanzsystem in den Abgrund reißen könnte, erst gar nicht zum Problemfall wird. Hahn glaubt nicht, dass man die Fehler, die zur Lehman-Pleite geführt haben, in absehbarer Zukunft wiederholen wird. "Lehman passiert kein zweites Mal, sondern etwas anderes, das man jetzt noch nicht weiß."